Handelsblatt App
Jetzt 4 Wochen für 1 € Alle Inhalte in einer App
Anzeigen Öffnen
MenüZurück
Wird geladen.

13.07.2022

13:46

Max Heinemann und Raoul Spanger

Profiteur des Reisechaos: Gebr. Heinemann verkauft wieder mehr Duty-free-Waren

Von: Michael Scheppe

Die Menschen fliegen wieder – und kaufen an den Flughäfen mehr als zuvor. Das Vor-Pandemie-Niveau haben die Hamburger noch nicht erreicht, denn eine wichtige Klientel fehlt.

Das Familienunternehmen profitiert von steigenden Fluggastzahlen. Gebr. Heinemann

Flughafengeschäft der Gebr. Heinemann in Kopenhagen

Das Familienunternehmen profitiert von steigenden Fluggastzahlen.

Düsseldorf Lange Warteschlangen, annullierte Flüge, verschollene Gepäckstücke: Es gibt gerade nur wenige Menschen, die sich an den chaotischen Zuständen an den Flughäfen erfreuen können. Einer von ihnen dürfte Max Heinemann sein, Chef des Familienunternehmens Gebr. Heinemann. Mit Hunderten Flughafengeschäften zwischen Oslo und Sydney gehören die Hamburger zu den Marktführern im Airport-Shopping.

„Die langen Wartezeiten wirken sich momentan nicht negativ auf das Kaufverhalten aus“, sagt Heinemann. „Wir profitieren vom Freiheitsgedanken, den die Menschen nach den Corona-Beschränkungen haben.“ Der zeigt sich auch auf dem Kassenbon: Im Schnitt würde ein Käufer gerade 20 Prozent mehr ausgeben als vor der Pandemie, berichtet Co-CEO Raoul Spanger: „Die Reisenden wollen sich im Urlaub und bei Dienstreisen offensichtlich etwas gönnen – trotz der Inflation.“

Der 1879 gegründete Duty-free-Händler hat die „härtesten zwei Jahre in der Firmengeschichte“ hinter sich, wie Heinemann sagt. Kurz nach Ausbruch der Pandemie im Frühjahr 2020 gab es praktisch keine Reisen mehr – und niemanden, der an Flughäfen etwas einkaufte.

Der Umsatz der Gebr. Heinemann brach im März 2020 auf fünf Prozent des Vorjahresmonats ein. Im Gesamtjahr 2020 lagen die Erlöse bei 33 Prozent des Vorkrisenniveaus, 2021 bei 44 Prozent. Im Rekordjahr 2019 erzielte das Unternehmen noch 3,6 Milliarden Euro Umsatz, das Gros davon in Europa.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Durch die Corona-Lockerungen erholt sich das Geschäft der Hamburger, denn die Menschen fliegen wieder vermehrt in den Urlaub und auf Dienstreisen. Der Flughafenverband ADV zählte im Mai fünfmal so viele Passagiere wie im Vorjahresmonat. Im Juni dürften es noch mehr sein, davon zeugen die aktuellen Chaosbilder von den Flughäfen. Heinemann hofft, in diesem Jahr wieder 75 Prozent der Vorkrisenerlöse zu erzielen. Gerade im zweiten Quartal hätten die Umsätze angezogen.

    Passagiere aus Asien fehlen

    Spanger rechnet damit, erst 2024 wieder das Vorkrisenniveau zu erreichen. Im Moment würden kriegsbedingt die Passagiere aus Russland, aber vor allem die zahlungskräftigen und konsumfreudigen Kunden aus Asien fehlen. Diese geben in den Duty-free-Läden ungefähr dreimal so viel Geld aus wie die Europäer, berichtet er. Doch in vielen asiatischen Ländern gibt es noch strenge Reisebeschränkungen. So bleiben viele Passagiere von dort weg – und für Gebr. Heinemann gerade an den großen Standorten Amsterdam und Frankfurt die Umsätze.

    Doch am Firmensitz in der Hamburger Hafencity ist man bescheidener geworden, nachdem 2020 laut Bundesanzeiger ein historischer Verlust von 328 Millionen Euro in den Büchern stand. In der Pandemie musste sich das Familienunternehmen weltweit von einem Drittel seiner Beschäftigten trennen, aktuell sind es noch 6700.

    Betriebsbedingte Kündigungen konnte das Unternehmen hierzulande vermeiden, stattdessen ließ man befristete Verträge auslaufen und es gab ein Freiwilligenprogramm. „In Deutschland hat die Kurzarbeit viele Arbeitsplätze gerettet“, sagt Heinemann.

    Sortiment um 30 Prozent gestrafft

    Das Familienunternehmen versuchte Kosten mit kürzeren Öffnungszeiten zu drücken, zudem gab es Mietverhandlungen mit den Airports. In der Pandemie hat Gebr. Heinemann auch das Sortiment um 30 Prozent gestrafft. Dadurch konnte die Firma etwa Prozesskosten einsparen.

    Gerade Artikel, die nur einen kleinen Anteil am Umsatz hatten, wurden gestrichen, zum Beispiel weniger bekannte Zigarettenmarken. Insgesamt gibt es nun mehr hochwertige und exklusivere Produkte als vorher. Mittelmarken, die oft auch im Einzelhandel zu kaufen sind, haben an Bedeutung verloren. „Wenn es um die Existenz geht, schaut man sich alles sehr viel genauer an“, sagt Co-CEO Spanger.

    Die beiden Manager führen das Unternehmen seit Anfang Juli in einer Doppelspitze. Gebr. Heinemann/Andrea Kueppers

    Raoul Spanger (l.) und Max Heinemann

    Die beiden Manager führen das Unternehmen seit Anfang Juli in einer Doppelspitze.

    Über die Hälfte des Umsatzes generiert das Unternehmen mit Verkäufen von Alkohol, Tabak oder Süßwaren. Parfüm und Kosmetik stehen für ein Drittel der Erlöse, Mode, Uhren oder Schmuck machen zehn Prozent aus. In den Regalen stehen oft Parfüms mit Duftnoten oder in Größen, die es in Drogerien nicht gibt, und verstärkt auch regionale Produkte. So will man sich vom Handel unterscheiden.

    Als besonders umsatzstark gelten Luxusmarken wie Hermès oder Chanel. Auch die Luxuskosmetik von L’Oréal, Shiseido oder die Beiersdorf-Marke La Prairie sind gefragt. Für diese Unternehmen ist das Flughafengeschäft ein wichtiger Vertriebskanal.

    So erzielt La Prairie ein Viertel seiner gesamten Umsätze an Airports. „Das Flughafengeschäft bietet ein Fenster zur Welt“, sagt Beiersdorf-Vorstandsmitglied Patrick Rasquinet. Dadurch könnten viele potenzielle Kunden angesprochen und gewonnen werden.

    Neue Geschäfte abseits des Flughafens

    Die Firma Gebr. Heinemann steht insbesondere seit der Pandemie vor der Frage, wie das Flughafengeschäft der Zukunft aussehen soll. Es ist mit einem Anteil von 73 Prozent der wichtigste Erlöskanal des Familienunternehmens. Mit großem Abstand folgen Geschäfte an Grenzübergängen und auf Kreuzfahrten.

    Allerdings erreicht das Familienunternehmen 80 Prozent der Reisenden über die gesamte Reisebranche hinweg mit seinen Angeboten nicht, sagt Heinemann. Das gelte insbesondere für jüngere Generationen.

    Um diese Kundengruppe zu erschließen, hat das Familienunternehmen ein Joint Venture mit der Medienmarke Highsnobiety gestartet. Das in Berlin als Online-Blog gestartete Unternehmen hat mittlerweile einen Onlineshop und eine Kreativberatung, gerade für junge Kunden ist es eine einflussreiche Stimme im Modebereich. Die Firmen haben am Flughafen Kopenhagen ein gemeinsames Geschäft eröffnet.

    Durch eine Kooperation mit der Medienmarke Highsnobiety will Gebr. Heinemann neue Kundengruppen erschließen. Gebr. Heinemann

    Store in Kopenhagen

    Durch eine Kooperation mit der Medienmarke Highsnobiety will Gebr. Heinemann neue Kundengruppen erschließen.

    Zudem zieht Heinemann in Erwägung, in Reisemärkten außerhalb des Flughafens vorzudringen. So hat das Unternehmen zuletzt etwa in Macau einen Shop in einem Hotelkomplex eröffnet. „Wir sind aus historischen Gründen in ganz vielen Feldern noch nicht unterwegs. Die Krise hat gezeigt, dass wir das überdenken sollten“, sagt Heinemann. Gerade jüngere Reisende vermeiden aus ökologischen Gründen das Flugzeug – und sind erst gar nicht in den Flughafengeschäften.

    Der 39-jährige Heinemann vertritt die fünfte Inhabergeneration. Er übernahm die Firmenleitung im Herbst 2018 von seinem Vater Gunnar und seinem Onkel Claus, die heute beide im Verwaltungsrat des Familienunternehmens sitzen.

    Max Heinemann zur Seite steht seit Anfang Juli der familienfremde Manager Raoul Spanger als Co-CEO. Der 61-Jährige ist seit über 30 Jahren im Unternehmen tätig. In der neuen Doppelspitze kümmert sich Spanger vorwiegend um das operative Kerngeschäft. Heinemann selbst will Erlösquellen abseits des klassischen Duty-free-Geschäfts suchen und neue Partnerschaften vorantreiben.

    Handelsblatt Zukunft Mittelstand Newsletter

    Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

    Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

    Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

    ×