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29.11.2018

06:15

Micha Kaufman

Israelischer Seriengründer bringt seine umstrittene Freiberufler-Plattform nach Deutschland

Von: Alexander Demling

Mehr als 40 Millionen Aufträge machen Fiverr zum größten Freelancer-Marktplatz der Welt. Doch die Plattform ist nicht unumstritten.

Vor Fiverr hatte Kaufman schon andere Unternehmen gegründet, zuletzt das Computersicherheits-Start-up Keynesis. Fiverr

Micha Kaufman

Vor Fiverr hatte Kaufman schon andere Unternehmen gegründet, zuletzt das Computersicherheits-Start-up Keynesis.

DüsseldorfSelbst manche der erfolgreichsten Technologieunternehmen haben einen ziemlich peinlichen Ursprung: Facebook etwa begann als Plattform, auf der spätpubertäre Harvard-Verbindungsstudenten ihre Kommilitoninnen nach ihrer Attraktivität bewerten konnten.

Auch das israelische Start-up Fiverr hat recht alberne Ursprünge: Ihren Dienstleistungs-Marktplatz bezeichneten Micha Kaufman und sein Mitgründer Shai Wininger Anfang 2010 auf der Fiverr-Seite als den „Ort, an dem Menschen Dinge teilen, die sie für fünf Dollar tun würden“.

Folglich boten die jungen Amerikaner, die die Seite als Erste nutzten, „einen Brief zu schreiben, der deine Ex zu dir zurückbringt“, oder ihre Kinder in Teletubby-Kostüme zu stecken und dabei zu filmen, wie sie den Firmennamen des Auftraggebers schreien. Erst später wandelte sich Fiverr zum Marktplatz für Freelancer, mit bislang 40 Millionen Aufträgen nach eigenen Angaben dem größten der Welt.

Obskure Angebote wie Reiki-Heilungen gibt es bei dem Pionier der sogenannten Gig Economy, also dem Markt für kleine Aufträge via Plattformen bis heute. Inzwischen, sagt Kaufman, böten Freiberufler 200 verschiedene Dienstleistungen auf Fiverr an, in einem Jahr erwarte er 400. Der Schwerpunkt liegt inzwischen auf Grafikdesign und anderen Kreativ-Dienstleistungen. 20 Prozent Vermittlungsgebühr nimmt Fiverr pro Auftrag.

Die Plattform wächst nicht nur in die Breite, sondern auch international. Kaufman sagte dem Handelsblatt vorab, dass Fiverr nach Deutschland kommt. Schon ohne ein deutsches Büro oder Kundenservice gebe es 130.000 Registrierungen aus Deutschland.

Seit September hat die Seite einen deutschen Country-Manager, der zurzeit ein Team von fünf Leuten leitet. Anfang 2019 sollen es mehr als zehn sein. Aktuell sucht die deutsche Dependance, die erste in Europa, einen Marketingchef.

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Vor Fiverr hatte der 47-Jährige, der in den 90er-Jahren Jura in Haifa studiert hatte, schon andere Unternehmen gegründet, zuletzt das Computersicherheits-Start-up Keynesis. Dafür suchte er damals als Auftraggeber Mitarbeiter: „Freelancer zu finden machte keinen Spaß“, erinnert sich Kaufman.

Einen guten Designer oder Programmierer zu finden sei damals wie ein Date gewesen. „Man fragt Freunde nach Empfehlungen. Man trifft sich, lässt sich die Arbeit des anderen zeigen, erfährt, wie viel Geld er für was will. Alles sehr zeitaufwendig.“

Vorbild Amazon

Die Date-Analogie hat Kaufman schon oft verwendet. Viel redet er von der „Leidenschaft“ der Freelancer. Ihre Dienstleistungen wolle er „produktifizieren“, Fiverr sei der „Everything Store für digitale, kreative Dienstleistungen“. Die zu buchen solle so einfach sein, wie Bücher im Internet zu bestellen. Das Vorbild: Amazon.

Andreas Lutz, Vorsitzender des Freelancer-Verbandes VGSD, glaubt nicht an die Verheißungen. Auf Dauer sei Fiverr vor allem für Nebenberufler oder Berufseinsteiger interessant, weil man einfach an Aufträge komme. „Für alle anderen Kreativen geht der Trend ja weg von der Standardisierung. Ein Auftraggeber will ein individuelles Logo, das seine Geschichte erzählt. Keines, das für fünf Dollar aus einer Vorlage kreiert wurde“, sagt Lutz.

Die Expansion nach Deutschland kommt zu einem entscheidenden Zeitpunkt für Fiverr: In einem Bericht der israelischen Zeitung „Haaretz“ von August, den Fiverr zwar nicht kommentiert, aber selbst verbreiten lässt, ist von einem baldigen Gang an die US-Börse die Rede, zu einer Bewertung von einer Milliarde Dollar. Fiverr-Konkurrent Upwork war bei seinem Börsengang Anfang Oktober mit 1,5 Milliarden Dollar bewertet worden.

Kaufman will seine Plattform aber gar nicht mit Upwork vergleichen. Dort würden Freiberufler für Aufträge bieten, bei Fiverr stellten sie dagegen ihr Portfolio und ihren Preis ein. „Sie präsentieren ihr Talent“, sagt Kaufman. Es sei kein Wettrennen zum niedrigsten Preis, sondern zur höchsten Qualität.

Dazu passt allerdings nicht so gut, dass Kaufman den niedrigen Preis der Freelancer im Namen seiner Plattform verewigt hat, auch wenn sie inzwischen auch höhere Preise verlangen können. Um das Billigimage loszuwerden, denkt sich Kaufman sogar Legenden aus. „Der Name Fiverr meinte nie, dass wir ein Fünf-Dollar-Unternehmen sein wollten. Es ging um die fünf Minuten, die man nur braucht, um einen Auftragnehmer zu finden“, sagt er nun dem Handelsblatt. Das klang in Fiverrs Werbung jahrelang anders.

Dass Kaufmans Plattform auch zu Kontroversen einlädt, zeigen die öffentlichen Diskussionen zum Beispiel darüber, dass Anfang 2017 der Star-Youtuber PewDiePie zwei indische Jugendliche via Fiverr bezahlte, damit sie sich mit Pappschildern mit antisemitischen Parolen filmten.

Nur wenige Monate später startete Fiverr eine Werbekampagne, in der unter einem übernächtigt aussehenden Model Sätze wie „Dein Mittagessen ist ein Kaffee“ und „Schlafentzug ist deine Lieblingsdroge“ stehen. „Wir vertrauen in Macher“, nannte Fiverr die Kampagne. „Die Gig Economy feiert das Sich-zu-Tode-Arbeiten“, kommentierte daraufhin der „New Yorker“.

Kaufman fühlte sich falsch verstanden: „Wir wollten, dass die Freelancer, die jeden Tag hart arbeiten, sich in den Plakaten wiedererkennen. Wir wollten ihre Mühen würdigen“, sagt er dazu. Bei VGSD-Chef Lutz ist ein anderer Eindruck geblieben: „Das ist mir zu sehr in Richtung ‚Geiz ist geil‘“. Er rate Freelancern, „möglichst schnell von solchen Angeboten wegzukommen“.

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