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24.01.2019

04:36

Modebranche

Wie Claudio Marenzi den Regenmantelhersteller Herno zur Luxusmarke machte

Von: Regina Krieger

Das Familienunternehmen aus Italien nimmt den Konkurrenzkampf mit Luxuskonzernen auf. Und hat dabei gleich eine neue Mode-Kategorie geschaffen.

Marenzi war seit seinem 15. Lebensjahr immer in den Schulferien im Unternehmen: „Ich musste das nicht, es machte mir Spaß.“ Herno

Herno-Chef Claudio Marenzi

Marenzi war seit seinem 15. Lebensjahr immer in den Schulferien im Unternehmen: „Ich musste das nicht, es machte mir Spaß.“

RomDie Geschichte der Familie Marenzi ist ohne den Lago Maggiore nicht zu denken, und sie ist typisch für einfallsreiches Unternehmertum in Italien. Am See regnet es viel, deshalb war die Idee von Giuseppe Marenzi, Regenmäntel zu produzieren und zu vertreiben, eine gute. „Mein Vater kam aus dem Nichts, er war ein Gründer“, sagt Sohn Claudio, streicht sich über den Bart und schaut über den See. Heute regnet es nicht.

„Er kam nach dem Krieg hierher nach Lesa und bekam eine Anstellung in einem Geschäft, das auch Regenmäntel verkaufte – unter der Bedingung, dass er Rizinusöl auftreibt, denn das brauchte man damals, um Baumwollstoffe zu imprägnieren“, erzählt der 56-Jährige mit der Designerbrille. Da der Vater zuvor für eine Firma gearbeitet habe, die Kriegsflugzeuge baute, habe er gewusst, wo es Depots von Rizinusöl in Norditalien gab.

„Dann machte er sich schnell selbstständig und gründete 1948 Herno.“ Heute gibt es zwar immer noch Regenmäntel in der Kollektion, aber der Sohn hat die Firma zum Luxusmodehaus gemacht, mit einem Jahresumsatz von 107 Millionen Euro und 220 Angestellten in der Zentrale und 800 in der Produktion in Sizilien. Er übernahm die Führung 2005, in einem schwierigen Moment für das Unternehmen und für die Familie.

„Wir waren mit den Jahren gewachsen, aber ich spürte einen Verlust an Autonomie und Strategie der Marke“, erzählt er in seinem großen, offenen Büro in Lesa, das mit Vintagemöbeln und moderner Kunst aussieht wie ein kreatives Wohnzimmer.

Seit Ende der 80er-Jahre habe Herno hauptsächlich Modehäusern wie Armani und Prada zugeliefert. „Wir konnten nicht nur Regenmäntel, sondern auch Doubleface“, sagt er, „Jil Sander war die erste Kundin.“ Doch die eigene Marke sei dabei zu kurz gekommen, und außerdem habe es Umsatzeinbußen gegeben. Claudio Marenzi plante einen Herno-Relaunch mit eigenen Kollektionen und legte der Familie einen Geschäftsplan vor.

Herno-Chef Claudio Marenzi im Interview: „Wir sind dazu verdammt, schöne Dinge zu produzieren“

Herno-Chef Claudio Marenzi im Interview

„Wir sind dazu verdammt, schöne Dinge zu produzieren“

Herno-Chef Claudio Marenzi hat das Familienunternehmen fit den Modemarkt gemacht – und dabei den „Urban luxury sportswear“-Stil auf die Straße gebracht.

„Meinem Vater gefiel das sofort, meinen beiden älteren Brüdern nicht“ – sie stiegen bei Herno aus. Claudio wurde Chef und bekam sieben Millionen Euro von einem Investmentfonds, die er fünf Jahre später zurückzahlte, und er arbeitete am Prunkstück des Hauses: 2008 kam die Daunensteppjacke auf den Markt.

Kaum ein Teil hat einen größeren Wiedererkennungswert. Die Jacken seien immer noch ein großer Erfolg, sagt der Chef, der sich selbst als Workaholic bezeichnet, „die machen ein Drittel des Umsatzes aus“. Die Anoraks sind federleicht, weil die Federn direkt in die Stoffkammern gestopft und nicht vorher eingenäht werden. Natürlich gebe es viele Nachahmer, sagt er, aber damit müsse man leben.

„Wir sind Genies darin, neue Produkte zu erfinden – nicht nur in der Mode“

Zur Steppjacke kommt als zweites Markenzeichen der Haken: „Wir suchten eine Alternative zum Bügel und haben uns vom Reitsport inspirieren lassen. Jetzt haben wir ein Patent auf die Haken, die ungemein praktisch sind bei Messen und im Showroom.“ Die neueste Kollektion hängt an anderen Haken, die bei den Bergsteigern abgeschaut sind.

Oft wird die italienische Industrielandschaft kritisiert, weil sie zu zersplittert ist und es zu viele kleine Unternehmen gibt. Jeder arbeitet für sich am „Made in Italy“. Für Marenzi ist das kein Nachteil. „Wir sind Genies darin, neue Produkte zu erfinden – nicht nur in der Mode“, meint er. „Wir Italiener sind dazu verdammt, schöne Dinge zu produzieren.“ Der Modeunternehmer ist ständig auf der Suche nach Neuem, experimentiert gern.

Sein Büro in der historischen Fabrik liegt gleich neben der Forschungs- und Entwicklungsabteilung. „Wir waren die Ersten, die den ‚Urban Luxury Sportswear‘-Stil kreiert haben, den jetzt alle nachmachen, wir stecken viel in Forschung und Entwicklung“, sagt er und führt durch das Hauptquartier am See. Dort wird an großen Tischen gezeichnet, Stoff per computergesteuertem Laser geschnitten, und Teststücke werden dort genäht oder geklebt.

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Die neueste Erfindung ist das Modell „Laminar“, das er auf der internationalen Herrenmodemesse Pitti Uomo in Florenz präsentiert hat: Jacken und Mäntel aus Wolle oder Flanell mit einer wasserdichten Hightech-Membran. „Das läuft besonders gut in Deutschland, ihr habt ja ähnliches Wetter wie wir hier am See“, sagt er augenzwinkernd. Nach Japan und den USA ist Deutschland der drittgrößte Markt.

In der Branche ist der Mann, der von sich selbst sagt, seine beste Eigenschaft sei es, andere zu inspirieren und mit einzubeziehen, sehr angesehen. Er sei ein Unternehmer des neuen Typs, der allein und ohne Manager von außen sein Familienunternehmen fit für die Gegenwart gemacht habe, sagt einer der großen Modezaren aus Mailand, der nicht genannt werden möchte.

Ein anderer lobt Marenzis ruhige Art. Auf der Messe in Florenz kann man beobachten, wie gut vernetzt Claudio Marenzi ist, alle scharen sich um ihn. Deshalb hat er auch zwei zusätzliche Jobs: Er ist Chef von Pitti Immagine Uomo und von Confindustria Moda, dem Modezweig des italienischen Unternehmerverbands, der 67.000 Firmen mit rund 580.000 Mitarbeitern umfasst.

„Wir erwirtschaften mit 9,6 Milliarden Euro Umsatz als Modebranche die Hälfte der positiven italienischen Handelsbilanz“, sagt er bei der Eröffnung der Herrenmodemesse im Palazzo Vecchio. Die neuesten Zahlen des Verbands sind gut. Während in Deutschland die Modebranche seit zehn Jahren stagniert, können die Italiener stetiges Wachstum verzeichnen.

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„Die Branche ist fundamental für das Land“, meint Marenzi. Er selbst erzielt 70 Prozent seiner Erträge im Ausland, und seine Rentabilität liegt bei 15 Prozent. Außerhalb von Italien produziert Herno in Japan, den USA und Rumänien.

Marenzi schließt auch nicht aus, das Unternehmen eines Tages an die Börse zu bringen. Über die Nachfolge macht er sich noch keine Gedanken. Seine beiden Söhne, 18 und 21 Jahre alt, laufen Ski und Wasserski wie der Vater und studieren noch. Sie seien am Familienbusiness interessiert, meint er. Wenn sie einsteigen wollten, müssten sie aber erst Erfahrungen außerhalb des eigenen Familienunternehmens sammeln.

Nächster Schritt: Ökologischere Modekollektion

Genug Zeit dazu haben sie, denn Marenzi will mit seinen „vertrauten Managern“ weitermachen, solange es geht. Ihm selbst war immer klar, dass er bei Herno anfangen würde, und so arbeitete er, seit er 15 war, immer in den Schulferien im Unternehmen. „Ich musste das nicht, es machte mir Spaß.“

Seine Passion ist neben dem Sport moderne Kunst. Er zeigt auf seine neueste Errungenschaft in der Unternehmenszentrale. An der Decke im modernen Empfangsgebäude hängt die metergroße Installation einer koreanischen Künstlerin. Kleine weiße Kieselsteine, jeder an einem Faden, alle gleich lang, zusammen stellen sie den Umriss des Lago Maggiore dar.

„Ich habe lange überlegt, aber das Kunstwerk passt perfekt zu uns und unserer Philosophie“, sagt Marenzi, dem Nähe zur Natur und Nachhaltigkeit wichtig sind. Sein nächstes Projekt sind Jacken der Sommerkollektion 2019, deren ökologischer Fußabdruck bei jedem Bestandteil vom Stoff bis zum Faden zurückverfolgt werden kann. Damit soll der Name Herno künftig verbunden werden.

Vater Giuseppe hatte seine Firma damals Herno getauft, benannt nach dem Fluss Erno, der am Grundstück des Unternehmens entlangläuft und in den Lago Maggiore mündet, erzählt Marenzi. Und: „Damit es internationaler klingt und aus ästhetischen und grafischen Gründen hat er einfach ein geschwungenes ‚H‘ davorgesetzt.“

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