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12.07.2018

11:00

Neue Allianzen

Was Familienunternehmen von Start-ups lernen können – und umgekehrt

Von: Katrin Terpitz

Die einen bringen Geld und Erfahrung mit, die anderen frische Ideen: Fast jedes zweite Familienunternehmen kooperiert mit Start-ups. Doch zu eng sollte es nicht werden.

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Düsseldorf Die Geschichte von Oetker beginnt, als Start-up-Unternehmer noch Tüftler oder Erfinder heißen. Im Jahr 1891 tüftelt der junge August Oetker in der Hinterstube einer Bielefelder Apotheke nächtelang an einem haltbaren Backpulver. Sein „Backin“ revolutionierte das Backen.

127 Jahre später kehrt der heutige Weltkonzern Dr. Oetker zurück zu seinen Wurzeln und arbeitet mit innovativen Jungfirmen zusammen. Im Februar investierte das Bielefelder Familienunternehmen in das Start-Up DeineTorte.de, das Torten individualisiert.

Ebenso ist die Dr. August Oetker KG beteiligt an Food Tracks, das in Bäckereien die Verschwendung von Waren minimieren soll. Zudem gibt es mit regionalen Start-up-Hubs wie der Founders Foundation und der Garage 33 einen wachsenden Austausch.

„Von Start-ups können wir lernen, dass sie offen sind und Veränderungen in ihrem Umfeld antizipieren“, sagte Oetker-Chef Albert Christmann kürzlich dem Handelsblatt. „Wir helfen Start-ups mit unserem Ingenieurwissen und dabei, ihr Geschäftsmodell zu skalieren. Eine schöne Symbiose.“

Dr. Oetker ist damit nicht alleine: Fast die Hälfte der größten Familienunternehmen in Deutschland kooperiert bereits mit Start-ups. Je größer das Unternehmen, desto häufiger arbeitet es mit Start-ups zusammen: Fast 70 Prozent von Familienfirmen mit mehr als 250 Millionen Euro Jahresumsatz sind offen für die Newcomer.

Das zeigt eine Studie, die der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) und die Deutsche Bank gemeinsam mit dem Institut für Mittelstandsforschung (IfM) Bonn am Mittwoch veröffentlicht hat. An der Umfrage nahmen rund 250 der 4.700 größten Familienunternehmen in Deutschland teil, die mindestens 50 Millionen Euro im Jahr umsetzen.

Hauptbeweggrund für die Zusammenarbeit mit jungen Firmen: 54 Prozent der befragten Unternehmen wollen so neue Technologien erschließen. Weitere Motive für rund die Hälfte der Unternehmen: die digitale Transformation meistern, und Produkte und Dienstleistungen weiterentwickeln. Aber auch der Zugang zu neuen Märkten und talentierten Fachkräften bewegen etablierte Familienunternehmen dazu, die Nähe zu Newcomern zu suchen.

„Immer häufiger werden heute jahrzehntelang bewährte Geschäftsmodelle angegriffen und sicher geglaubte Marktanteile radikal neu verteilt. Familienunternehmen müssen ihre Geschäftsmodelle bei immer kürzeren Produktzyklen und Entwicklungen infolge der Digitalisierung oft schnell anpassen oder neu erfinden“, sagt Stefan Bender, Leiter Firmenkunden Deutschland bei der Deutschen Bank. Um bei der Entwicklung mithalten zu können, sei die Zusammenarbeit mit Start-ups ein guter Weg.

Das sieht auch Haushaltsgerätehersteller Miele so: „Junge Unternehmen sind schnell, agil und oft unkonventionell. Von dieser kreativen Kraft und Vielfalt kann das gesamte Unternehmen profitieren.“ Die Zusammenarbeit mit Start-ups helfe Miele, sich auf disruptive Veränderungen der Industrie vorzubereiten oder diese selbst mit anzustoßen.

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Bielefeld gilt als Mittelstands-Hauptstadt. Unternehmer aus der Region suchen die Nähe zu Start-ups – denn sie brauchen Anreize von außen.

Am häufigsten arbeiten Traditionsunternehmen projektweise mit Jungfirmen zusammen, fast jedes Dritte. Für Philipp Depiereux, Chef der Digitalberatung Etventure, ist das richtige Ansatz: Unternehmen sollten am besten ein gemeinsames Pilotprojekt mit einem passenden Start-up angehen – ganz locker und unverbindlich, ohne die sonst üblichen dicken Absicherungsverträge.

Mittelständler und Konzerne sollten wegkommen von der Idee, sich in ausschließlich in Start-ups einzukaufen. Jedes siebte Familienunternehmen ist laut Studie an einem Start-up beteiligt oder hat eines übernommen. „Digitalen Wandel kann man nicht kaufen – etwa indem man in ein Start-up investiert“, betont Berater Depiereux.

Jedes vierte Familienunternehmen hat ganz normale Geschäftsbeziehungen zu einem Start-up – als Kunde oder Lieferant. Jedes neunte Unternehmen kooperiert über ein Joint Venture mit jungen Firmen. Fast sieben Prozent der großen Familienunternehmen betreiben sogar eigene Inkubatoren oder Acceleratoren, um Start-ups zu fördern. Das geht quer durch alle Branchen vom Medienhaus Axel Springer, Orthopädiespezialist Otto Bock, Heizungsbauer Viessmann bis zum Pharmaunternehmen B. Braun Melsungen.

Entscheidend für die Auswahl der Start-ups, mit denen die etablierten Häuser kooperieren, sind die Branchenerfahrung der Gründer (73 Prozent der Befragten) und ein sofortiger Mehrwert der Kooperation (66 Prozent). Die regionale Nähe des Start-ups zum eigenen Unternehmen ist 37 Prozent der Befragten wichtig.

Größtes Problem bei der Zusammenarbeit: die unterschiedlichen Unternehmenskulturen. Das betont rund die Hälfte der Unternehmen, die mit Start-ups zusammenarbeiten. Interessant: Firmen ohne Kooperationserfahrung sehen das weniger dramatisch, nur ein Drittel befürchtet Konflikte durch unterschiedliche Kulturen.

Depiereux von Etventure kennt die Vorurteile, wenn Tech-Start-ups auf etablierte Unternehmen stoßen: Digitalleute schlafen bis 10 Uhr, müssen nicht stempeln, essen immer Pizza, tragen Hoodies und dürfen machen, was sie wollen. „Wir sind 20 Jahre im Geschäft, die haben doch keine Ahnung von der Branche“, heiße es dann oft bei den Mitarbeitern etablierter Häuser. Über Widerstände im eigenen Unternehmen gegenüber Start-ups berichten auch 29 Prozent der Befragten.

Depiereux warnt deshalb auch davor, Jungfirmen aufzukaufen: „Die Stärken der Start-ups wie Schnelligkeit in der Produktentwicklung, das Unkonventionelle und der Erfolgshunger werden durch die unterschiedlichen Kulturen ausgebremst.“

Auch unterschiedliche Arbeitsauffassungen erzeugen im Alltag schon mal Konflikte. 23 Prozent der Familienunternehmen klagen, Gründer seien unzuverlässig. Fazit: In der Praxis treten deutlich mehr Probleme auf als sie Firmen vor einer Kooperation befürchtet hatten.

Trotzdem sind rund 70 Prozent der Unternehmen, die bereits mit einem Start-up zusammenarbeiten, mit der Kooperation zufrieden oder sehr zufrieden. Jedes zweite von ihnen plant in den kommenden drei Jahren, mit weiteren Start-ups zu interagieren.

Allerdings sehen die meisten Familienunternehmen, die bisher keine Kontakte mit Jungfirmen hatten, weiterhin keinen Bedarf für eine Zusammenarbeit. Nur jedes elfte plant in den nächsten drei Jahren eine Kooperation. Sie haben noch nicht erkannt, wie wichtig frische und disruptive Ideen von Start-ups für ihr etabliertes Geschäft sein können.

Letztlich seien Mittelständler gar nicht so weit weg von Start-ups, resümiert Christmann. Zur industriellen Revolution war Dr. Oetker einer der ersten Markenartikler. Was heute Content- oder Influencer-Marketing heißt, das habe schon der Gründer von Dr. Oetker gemacht.

Worum er Jungunternehmen allerdings beneidet, ist deren Aufbruchstimmung. „Der Schlüssel ist, diese Aufbruchstimmung in größere Unternehmen hineinzutragen“, glaubt Oetker-Chef Christmann. „Dann sind wir auch wieder Start-up.“

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