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04.04.2022

10:51

Nikita Overchyk, Ivan Kychatyi

Diese ukrainischen Unternehmer wollen ihren Landsleuten bei der Jobsuche helfen

Von: Michael Scheppe

Viele Ukrainer, die vor dem Krieg fliehen, sind gut qualifiziert. Zwei Gründer wollen mit ihrer Stellenbörse bei der Vermittlung unterstützen – ohne Profit zu machen.

Die Gründer haben eine Jobbörse für ukrainische Flüchtlinge aufgebaut. UA Talents

Nikita Overchyk (l.), Ivan Kychatyi

Die Gründer haben eine Jobbörse für ukrainische Flüchtlinge aufgebaut.

Düsseldorf In wenigen Tagen und Nächten haben sie eine Jobplattform geschaffen: Mit ihrem Angebot UA Talents wollen Ivan Kychatyi, 32, und Nikita Overchyk, 33, ukrainischen Flüchtlingen bei der Jobsuche helfen. Die beiden befreundeten Unternehmer stammen selbst aus der Ukraine und leben seit wenigen Jahren in Berlin.

Auf die Geschäftsidee kamen sie in Gesprächen mit Freunden, die auf der Flucht sind. „Wir haben Erfahrungen darin, Plattformen aufzubauen und Kontakte in Europa“, sagt Kychatyi. Mit einer Stellenbörse, dachten beide, könnten sie ihre Landsleute am besten unterstützen.

Gesagt, getan: Am 7. März ging die Plattform online, nur wenige Tage nach Kriegsausbruch. Mittlerweile sind dort 8000 vakante Jobs von 3000 Firmen gelistet, etwa Offerten von Flixbus, Zalando, Bosch, Intel, Accenture oder Daimler.

Angebote wie UA Talents sind dringend nötig. Fast vier Millionen Menschen sind nach UN-Angaben aus der Ukraine geflüchtet. Allein in Deutschland sind fast 300.000 Flüchtlinge registriert worden, deren tatsächliche Zahl dürfte weitaus höher liegen. „Viele Geflüchtete aus der Ukraine wollen schnell arbeiten“, sagt Herbert Brücker, Migrationsforscher am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg.

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Standort erkennen

    Erfahrungen vergangener Flüchtlingswellen zeigten zwar, dass die Mehrheit der Geflüchteten über persönliche Kontakte ihre Jobs finde und nicht über private Jobbörsen, so der Experte. „Aber das ändert nichts daran, dass Initiativen wie UA Talents sinnvoll sind.“ Jede vermittelte Stelle sei ein Gewinn.

    Genau das scheint auch das Motto der ukrainischen Unternehmer zu sein. Beide haben schon Start-ups in Berlin gegründet, lassen diese Arbeit aber vorerst ruhen, um ihre Jobbörse weiterzuentwickeln. Profit wollen sie mit ihrem Angebot nicht machen. „Wir bezahlen den Aufbau der Plattform von unserem Ersparten“, sagt Kychatyi. 30 freiwillige Unterstützer helfen, acht Personen sind im Kernteam.

    „Es ist eine großartige Initiative“, lobte etwa die Unternehmerin Verena Pausder auf LinkedIn. Hilfe für ihr Vorhaben bekamen die beiden Gründer von namenhaften Geldgebern und Firmen wie Atlantic Labs, Earlybird, Projekt A, von Meta (Facebook) und Axel Springer sowie durch Europas größter Tech-Community „2hearts“. Overchyk sagt: „Die große Unterstützung hat uns beeindruckt.“

    Zunächst Fokus auf Tech-Jobs

    Bislang gibt es auf der Plattform hauptsächlich Stellen aus dem IT-Bereich. „Wir sind mit Technologiejobs gestartet, weil viele Ukrainer gute IT-Kenntnisse haben und Tech-Firmen schnelle Entscheidungen treffen“, sagt Overchyk. Das Ziel sei, bald mehrere Branchen abzudecken. Wie viele Bewerber die beiden Gründer vermittelt haben, können sie nicht sagen, bislang sei die Nachverfolgung technisch nicht möglich. Nur so viel: Die Plattform zählte in den ersten 15 Tagen 400.000 Besucher, vor allem aus Deutschland, Ukraine, Polen, den Niederlanden – und aus Russland.

    Fachleute sehen gute Arbeitsmarktchancen. IMAGO/Jens Schicke

    Flüchtlinge aus der Ukraine

    Fachleute sehen gute Arbeitsmarktchancen.

    UA Talents konkurriert gleich mit mehreren Anbietern. Neben den großen Stellenbörsen Stepstone und Indeed gibt es auch weitere Plattformen, die sich speziell an ukrainische Flüchtlinge richten. Anfang März ging etwa das Angebot „Job Aid Ukraine“ des Unternehmers Marcus Diekmann an den Start. Auf dieser Plattform gibt es derzeit 14.000 Stellenangebote aus unterschiedlichen Branchen, darunter Angebote von Gastronomen, aus Pflegeberufen oder von landwirtschaftlichen Betrieben. Auf der Plattform haben etwa Google, Douglas oder Ikea geschaltet.

    Viele gut qualifizierte Flüchtlinge

    Die beiden Gründer erwarten, dass die Geflüchteten aus der Ukraine den hiesigen Fachkräftemangel dämpfen können. „Viele Ukrainer sind sehr motiviert und hart arbeitende Menschen“, sagt Kychatyi. Auch Experten sehen gute Arbeitsmarktchancen: „Wir erwarten, dass die Flüchtlinge gut qualifiziert sind“, so IAB-Experte Brücker. Das Qualifikationsniveau der ukrainischen Bevölkerung sei im internationalen Vergleich hoch, der Anteil der Akademiker sogar etwas höher als in Deutschland.

    Die beiden ukrainischen Gründer abreiten weiter an ihrer Plattform. Zunächst wollen sie die Leistung der Homepage optimieren. Für Arbeitgeber soll es etwa einfacher werden, ihre Stellenangebote auf der Seite zu managen.

    Die beiden ukrainischen Gründer arbeiten nach eigener Aussage 18 Stunden pro Tag an ihrer Plattform. Gelegenheit zum Reflektieren bleibt da nicht: „Es ist keine einfache Zeit, weil auch viele von unseren Freunden von dem Krieg betroffen sind“, sagt Kychatyi. „Wir sind im Arbeitsmodus – und wollen unseren Landsleuten helfen, möglichst schnell neue Jobs zu finden.“

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