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One-Dollar-Glasses

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Eine Brille für ein Huhn

In Afrika kostet die Ein-Dollar-Brille rund fünf Dollar – der Gegenwert eines Huhns. Die Investition lohnt sich für die Betroffenen. Viele können endlich wieder arbeiten. Wolfram Cüppers

Martin Aufmuth in Malawi

In Afrika kostet die Ein-Dollar-Brille rund fünf Dollar – der Gegenwert eines Huhns. Die Investition lohnt sich für die Betroffenen. Viele können endlich wieder arbeiten.

Aufmuth ist kein Sozialromantiker. Entscheidend ist für ihn: Die Brillen werden verkauft und nicht verschenkt. „Denn was nichts kostet, ist nichts Wert“, lautet die Einstellung vieler Menschen.

Die Brille kostet auch nicht einen Dollar, wie der Name vermuten lässt. Der Preis entspricht zwei bis drei Tageseinkommen des Käufers. In Afrika bekommt man eine Brille für fünf Euro, dem Gegenwert von einem Huhn. In Malawi, wo die Organisation mit der Else-Kröner-Fresenius-Stiftung (EKFS) erstmalig ein ganzes Land mit Brillen versorgen möchte, ließe sich mit einer Investition von nur zehn Euro pro Fehlsichtigem eine gute Versorgungsstruktur aufbauen, hat Aufmuth ausgerechnet. Dann könnten sich die Menschen jederzeit eine neue, günstige Brille kaufen.

„Benachteiligten Menschen eine Sehhilfe zu ermöglichen und sie damit am normalen Leben teilhaben zu lassen – das wäre ganz im Sinne unserer Stifterin gewesen“, sagt Dieter Schenk, Vorsitzender des Stiftungsrats der EKFS. Überzeugt hat die Stiftung vor allem die Nachhaltigkeit des Projekts durch augenoptische Ausbildung vor Ort – nach dem Prinzip „Hilfe zur Selbsthilfe“.
Die Ein-Dollar-Brille schafft Arbeitsplätze: Allein in Burkina Faso leben inzwischen 25 Menschen von der Herstellung und dem Vertrieb. 500 bis 1000 Brillen verkaufen sie im Monat.

„Es muss ein selbstfinanzierendes System sein“, betont der Sozialunternehmer. Große Spendensummen würden womöglich in dunkle Kanäle fließen, wie so oft in korrupten Staaten. Bei vielen Kleinstunternehmern aber bestehe diese Gefahr nicht.

In acht Länder gibt es die Ein-Dollar-Brille aus Erlangen inzwischen: in Burkina Faso, Benin, Ruanda, Malawi, Äthiopien, Brasilien, Bolivien und seit kurzem auch in Mexiko. „In Ouagadougou in Burkina Faso haben wir sogar gerade einen eigenen Brillenshop eröffnet“, berichtet der 41-Jährige.

Aufmuth ist nicht der einzige, der arme Länder mit günstigen Brillen versorgen will. In den Niederlanden bringt Frederic van Asbeck mit „Focus on Vision“ selbsteinstellbare Kunststoffbrillen unter die Ärmsten. Oxford-Physik-Professor Joshua Silver hat eine Brille entwickelt, bei der sich die Sehstärken in den silikongefüllten Gläsern individuell anpassen lassen. Allerdings ist der Preis mit rund 19 Dollar für viele unerschwinglich.

25.000 Ein-Dollar-Brillen aus Erlangen haben bisher Fehlsichtige neuen Durchblick verschafft. Aufmuths Ziel in fünf Jahren: mindestens eine Million verkaufte Brillen. Doch vor Ort eine Organisation aufzubauen, ist sehr mühsam, schwierig und zeitaufwendig. Ministerien, Gesundheits- und Zollbehörden müssen überzeugt werden.

Aus Bangladesch und Nicaragua hat sich die Organisation wieder zurückgezogen – vorerst. In Bangladesch wollte die Partnerorganisation die Brille für einen statt für vier Dollar abgeben, wie Aufmuth plante. „Die Partner haben nicht verstanden, dass wir soziales Unternehmertum fördern wollen.“ Er hat daraus gelernt und will künftig in Verträgen alles vorab klarstellen. In Nicaragua wiederum scheiterte alles an der Trägheit der Beteiligten. „Wir brauchen hochmotivierte Leute und nicht solche, die lieber vor dem Fernseher sitzen als Brillen zu verkaufen“, betont er.

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