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03.09.2022

14:49

Recruiting im Mittelstand

Die schwierige Suche nach Fachkräften aus dem außereuropäischen Ausland

Von: Stefan Terliesner

Wegen des Fachkräftemangels suchen Unternehmen Mitarbeiter auch in Ländern außerhalb der EU. So können Betriebe die hohen Hürden überwinden.

Mitarbeiter aus dem Ausland über Social Media anwerben. dpa

Facharbeiterin

Mitarbeiter aus dem Ausland über Social Media anwerben.

Köln Youssef El Gorch hat es geschafft: Er macht eine Lehre als Industrieelektriker bei HBS Elektrobau mit Sitz in Oettersdorf in Thüringen. In Marokko geboren und aufgewachsen, hat er dort eine Ausbildung als Mechatroniker absolviert. Er lernte auch Deutsch – mit dem Ziel, in Deutschland zu arbeiten und sich weiterzuentwickeln.

HBS Elektrobau habe in Marokko Mitarbeiter gesucht, sein Wissen in Mathematik und Physik getestet und ein Vorstellungsgespräch mit ihm geführt, erzählt der 28-Jährige. HBS hat ihn für eine Lehre nach Deutschland eingeladen. Die duale Ausbildung „bedeutet für mich persönlich Zukunft“, sagt El Gorch.

Sein Weg nach Deutschland ist ein Beispiel für die Initiative der Bundesregierung „Make IT in Germany“ mit dem Ziel, Fachkräfte im Ausland zu gewinnen. Das gleichnamige Portal informiert Einwanderungsinteressierte, wie sie ihren Weg nach Deutschland erfolgreich gestalten können. Unternehmen können sich beraten lassen, wie sie Mitarbeiter im Ausland gewinnen und wie sie internationale Fachkräfte integrieren. Solche Initiativen sind bitter nötig.

Erst kürzlich warnte die Bundesagentur für Arbeit (BA) vor einer Fachkräftelücke von 400.000 Menschen pro Jahr. In allen Branchen fehlen Mitarbeiter. Der Digitalverband Bitkom schätzt den Bedarf an IT-Spezialisten auf rund 100.000 und der Zentralverband des Deutschen Handwerks auf 250.000 – Tendenz steigend.

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Standort erkennen

    Adél Holdampf-Wendel, Bereichsleiterin Arbeitsrecht und Arbeit 4.0 bei Bitkom, betont: „Da die Lücke mit Nachwuchskräften aus Deutschland schon allein aus demografischen Gründen nicht vollständig geschlossen werden kann und die Ausbildung eine lange Zeit beansprucht, sind wir zwingend auf qualifizierte Zuwanderung angewiesen.“

    Bisher kommen dringend benötigte Arbeitskräfte vor allem aus EU-Ländern nach Deutschland. Das könnte sich ändern. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit betont, „dass die Migration aus der EU in den nächsten Jahren merklich zurückgehen wird“. Der Grund: Die anderen EU-Staaten stünden ebenfalls vor großen demografischen Problemen. Die Bundesregierung habe das Problem zwar erkannt, „aber die Hürden für den Zuzug von Fachkräften aus Drittstaaten sind weiterhin sehr hoch“.

    Mit Social Media potenzielle Mitarbeiter ansprechen

    Ausländische Stellenbörsen und Social-Media-Kanäle wie LinkedIn seien für die Rekrutierung im Ausland durchaus interessant, betont das Institut der deutschen Wirtschaft (IW). Auf EU-Ebene gebe es zum Beispiel die Stellenbörse Eures. Auch auf make-it-in-germany.com könnten Firmen in mehreren Sprachen Jobs ausschreiben. Eine Gruppe potenzieller Mitarbeiter wird von Unternehmen allerdings nicht genügend in den Blick genommen: ausländische Absolventen an deutschen Universitäten. Sie seien bereits im Land und mit Kultur und Sprache vertraut.

    Wenn passende Kandidaten gefunden sind, bleibt die Bürokratie. „Unternehmen sollten sich frühzeitig bemühen und Geduld für den Prozess mitbringen“, rät das IW. Es dauere mitunter einige Wochen oder Monate, vor allem wenn auch noch die Anerkennung der ausländischen Berufsabschlüsse hinzukommt. Unterstützung erhalten Unternehmen über die Internetseite anerkennung-in-deutschland.de des Bundesinstituts für Berufsbildung und von den örtlichen Arbeitgeberservicestellen der Bundesagentur für Arbeit.

    Darüber hinaus hat das Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung, Kofa, eine Art Checkliste entwickelt, um die ausländischen Kollegen gut zu integrieren und langfristig zu halten. Sinnvoll ist laut dieser Liste zum Beispiel, den internationalen Mitarbeitern einen persönlichen Ansprechpartner von Beginn an zur Seite zu stellen, im Betrieb den kulturellen Austausch durch gemeinsame Veranstaltungen zu fördern und den mitziehenden Familien bei der Vermittlung von Kindergarten- und Schulplätzen zu helfen. Nicht zuletzt die zuständigen Kammern und Verbände stehen ihren Mitgliedsunternehmen mit Rat und Tat zur Seite.

    El Gorch hat vor wenigen Wochen seine verkürzte zweijährige Lehre in Deutschland gemeistert und ist nun bei HBS fest angestellt. Karsten Drews, Geschäftsführer von HBS, und Frank Walter, Leiter Ausbildung bei HBS, sind sehr zufrieden. „Seit zehn Jahren bereits akquirieren wir in Ländern wie Marokko, Rumänien, Spanien und Ungarn – auch in der Ukraine, aber das ist aktuell wegen des Kriegs schwierig“, sagt Drews. „Wir bieten ein Rundum-sorglos-Paket mit eigenem Ausbildungszentrum, eigenen Wohnheimen, und die Berufsschule ist auch nur 100 Meter entfernt.“

    Mit El Gorch sind vor zwei Jahren elf weitere Arbeitskräfte zu HBS gestoßen. „Fünf haben es geschafft und arbeiten nun für uns“, sagt Ausbildungsleiter Walter.

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