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20.01.2020

04:00

Run auf B2B-Plattformen

Berliner Start-up Scoutbee bekommt 60 Millionen Dollar

Von: Christoph Kapalschinski, Sebastian Matthes

Software für Beschaffungsspezialisten zieht Investoren an. Das Start-up Scoutbee sammelt Gelder von VC-Investoren Atomico, Lakestar und Next47 ein.

Scoutbee: Berliner Start-up bekommt 60 Millionen Dollar  Audi

Automobilproduktion in Ingolstadt

Kern der Scoutbee-Lösung ist das automatisierte Sammeln von Informationen über Zulieferer.

München, Hamburg Eine „Scout Bee“ hat im Bienenvolk eine wichtige Aufgabe: Sie fliegt zu unbekannten Blüten, um neue Nektarquellen zu erschließen. Bei der originellen Namensgebung ist das Würzburger Start-up Scoutbee, das die Beschaffung von Unternehmen digitalisieren will, also schon einmal weit vorn – und künftig auch bei der Finanzierung.

60 Millionen Dollar sammeln die Gründer in ihrer zweiten größeren Finanzierungsrunde ein, unter anderem vom Londoner Großinvestor Atomico, Klaus Hommels Lakestar und dem Siemens-Investmentarm Next47. Das erfuhr das Handelsblatt am Rande der Digitalkonferenz DLD in München.

Der Einstieg zeigt: Das Rennen um die beste Lösung für den B2B-Einkauf ist in vollem Gange. Der zu digitalisierende Markt ist groß: Für geschätzte 17 Billionen Dollar kaufen Unternehmen weltweit jährlich ein, häufig noch per Telefon und E-Mail. Nachdem die Kundenbeziehungen etwa über Salesforce und das Personalmanagement längst erfolgreich digitalisiert sind, schauen Gründer und Kapitalgeber nun auf diesen Bereich. Welche Lösungen sich durchsetzen, ist allerdings noch offen.

„Ein Pharmaunternehmen, mit dem wir gesprochen haben, gibt allein 1,2 Milliarden Dollar für Transaktionen unter 100.000 Dollar aus. Solche Geschäfte laufen ungeprüft durch”, analysiert Jan Miczaika, Partner beim Risikokapitalgeber Holtzbrinck Ventures. Die Beschaffung sei häufig ineffizient, Einkaufschefs in den Unternehmen wünschten sich Transparenz – und natürlich niedrigere Einkaufspreise.

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Standort erkennen

    Scoutbee ist einer der Anbieter, die meinen, eine Lösung gefunden zu haben. Das 2015 gegründete Unternehmen wächst rasant: Innerhalb eines Jahres soll die Zahl der Mitarbeiter von heute 120 auf 220 steigen – die meisten davon am Standort Berlin. Zudem baut Scoutbee sein Büro in Washington aus, um den Sprung über den Atlantik zu schaffen. Das Ziel von Mitgründer Fabian Heinrich: Das über die Plattform vermittelte Einkaufsvolumen soll von 1,6 Milliarden Euro im Jahr 2019 auf 100 Milliarden Euro im kommenden Jahr 2021 wachsen, während die Kunden ihre Einkaufspreise um rund zehn Prozent senken sollen.

    Zielgruppe sind Firmen ab 500 Millionen Euro Umsatz

    Kern der Scoutbee-Lösung ist das automatisierte Sammeln von Informationen über Zulieferer – etwa aus Zolldaten, Finanzdatenbanken und im Netz zugänglichen Quellen. Firmen, die die Software abonnieren, sollen so mehrere passende Vorschläge für Zulieferer bekommen. Zielgruppe sind Großunternehmen ab 500 Millionen Euro Umsatz.

    Das Konzept, für das es Kunden wie Bosch-Rexroth und Adelholzener gibt, überzeugt offenbar eine Reihe von Investoren. „Es hat an Offerten von Geldgebern nicht gemangelt“, sagt Scoutbee-Mitgründer Gregor Stühler. Schließlich setzt sich Scoutbee von Anbietern reiner Einkaufssoftware wie den US-Unternehmen Jaggaer und Coupa durch die Idee ab, aktiv Daten von Zulieferern einzusammeln. „Mit dieser Funktionalität ist Scoutbee weltweit führend. Es vervielfacht nicht nur die Effizienz der Einkäufer, sondern hilft ihnen einzuschätzen, wie verlässlich und seriös Millionen von Zulieferern sind“, sagt Atomico-Partner Hiro Tamura.

    Die Gründer betonen, auch das Kapital aus der ersten größeren Finanzierungsrunde über zwölf Millionen Euro aus dem vergangenen Juni sei noch längst nicht aufgebraucht. Knapp 25 Prozent der Anteile bekommen die Neuinvestoren, 37 Prozent liegen noch bei den Gründern, der Rest bei Geldgebern aus der Anfangszeit. Scoutbee sei nun auf Jahre hinaus finanziert – und habe zugleich die Möglichkeit, mehrere Branchen parallel anzugehen, meint Stühler. Jetzt werde der Markt verteilt. Es gebe aber Platz für mehrere Spieler.

    „Besseres Alibaba für Europa“

    „Noch ist unklar, welche Art der Lösung sich letztlich durchsetzt“, sagt Peter Schmid. 2012 wechselte er von der Partnervermittlung Parship zum Nachschlagewerk „Wer liefert was“, um die Digitalisierung des fast 90 Jahre alten hanseatischen Traditionsverlags voranzutreiben. 2016 kaufte er Europages zu, 2019 das Berliner Start-up Gebraucht.de. Unter dem neuen Namen Visable will er von Hamburg aus ein „besseres Alibaba“ für Europa aufbauen – ein hoher Anspruch. 2019 verzeichnete Visable einen Rekordumsatz von 55 Millionen Euro. Die Zahl der Mitarbeiter wuchs um 75 auf 380.

    Im Kerngeschäft allerdings ergänzen sich Visable und Scoutbee eher. Denn während Scoutbee Umsätze von den Einkäufern generiert, zahlen bei Visable die Zulieferer dafür, dass ihre Daten in dem digitalen Lieferantenverzeichnis auftauchen. Dadurch würden sie für viele potenzielle Unternehmenskunden überhaupt erst sichtbar, verspricht Schmid.

    Allerdings hat er seinen neuen Service „wlw Connect“ gestartet, der ähnlich wie Scoutbee Einkäufern direkt Lieferanten vorschlägt. Er will „weniger radikal“ vorgehen, wie er sagt – und nicht allein auf Künstliche Intelligenz vertrauen, sondern Daten auch von Mitarbeitern ermitteln lassen.

    Noch allerdings ist unsicher, ob es überhaupt die branchenübergreifenden Ansätze mit Zehntausenden Anbietern sind, die sich durchsetzen. Denn viele Gründer spezialisieren sich derzeit auf bestimmte Branchen. So erhält beispielsweise Mercavus aus Berlin zur Finanzierung 3,5 Millionen Euro von den Investoren La Famiglia, Atlantic Labs und Holtzbrinck Ventures, das auch früh bei Scoutbee investiert hat. Das sagte Mitgründer Maximilian Fischer dem Handelsblatt.

    Seine Idee: Kleine Einzelhändler können auf der Seite wie in einem Konsumenten-Onlineshop Produkte entdecken und für ihren Laden ordern – etwa originelle Wohnaccessoires und Schreibwaren. WHU-Absolvent Fischer will so für Hersteller und Marken vor allem aus Europa und den USA Handelsagenten und Distributoren überflüssig machen. 400 Marken sind bislang auf der Plattform, 2000 sollen es bis zum Jahresende werden.

    Die Konkurrenz um den B2B-Markt steigt mit dem Interesse finanzstarker Investoren. Eine Konsequenz daraus hat etwa das Start-up Chemsquare gezogen, das vorletztes Jahr bei der „Handelsblatt Innovation Challenge“ für seine Idee eines B2B-Chemiemarktplatzes ausgezeichnet wurde.

    Die Gründer haben ihr Konzept weiterentwickelt – auch weil Lanxess mit der eigenen Gründung Chemondis in den Markt eingestiegen ist. Sie konzentrieren sich inzwischen auf die Abwicklung von Audits für die Chemieindustrie. Immerhin: In dem neuen Feld haben sie Erfolg.

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