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Schwarz-Gruppe

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Viele Jahrzehnte ohne Pressestelle

Chronik der Schwarz-Gruppe

1930

Josef Schwarz steigt in die Lidl & Co. Südfrüchtenhandlung ein und benennt sie um in Lidl & Schwarz KG.

1939

Sein Sohn Dieter wird in Heilbronn geboren.

1944

Lidl & Schwarz wird im Zweiten Weltkrieg völlig zerstört; der Wiederaufbau der Firma dauert zehn Jahre.

1958

Dieter Schwarz beginnt seine Ausbildung im väterlichen Betrieb. 1962 wird er Prokurist.

1972

Weil in Heilbronn kein Platz mehr zum weiteren Ausbau ist, zieht die Firmenzentrale nach Neckarsulm.

1973

Unter dem Namen „Lidl“ eröffnet Dieter Schwarz den ersten Discountmarkt der Gruppe in Ludwigshafen.

1976

Klaus Gehrig wechselt von Aldi Süd zur Lidl & Schwarz KG und wird Geschäftsführer der damals 12 Lidl-Filialen.

1977

Josef Schwarz stirbt im Alter von 74 Jahren. Sein Sohn Dieter übernimmt die Unternehmensleitung.

1988

Mit dem Markteintritt in Frankreich beginnt die internationale Expansion von Lidl.

1999

Dieter Schwarz zieht sich aus der Unternehmensleitung zurück und überträgt das Eigentum am Unternehmen an die Dieter-Schwarz-Stiftung.

2007

Dieter Schwarz wird zum Ehrenbürger seiner Heimatstadt Heilbronn ernannt.

2019

Die Schwarz Unternehmenstreuhand erweitert den Beirat, den eigentlichen Holding-Vorstand. Gerd Chrzanowski wird Vorsitzender.

Ähnlich verschwiegen war lange Zeit sein Unternehmen. Eine Pressestelle gab es wie beim Vorbild Aldi viele Jahrzehnte nicht. Das änderte sich schlagartig 2008, als ein Überwachungsskandal die Tochter Lidl erschütterte. Mitarbeiter waren mithilfe von Detektiven ausspioniert worden. Es wurden Protokolle über Beschäftigte angelegt, in denen sogar notiert wurde, wie oft und wie lange sie auf die Toilette gingen.

Das Unternehmen versuchte daraufhin die Flucht nach vorn: Konzernchef Gehrig rechtfertigte sich in der Talkshow „Kerner“. Und dann verpflichtete der Konzern den ehemaligen Bundesdatenschutzbeauftragten Joachim Jacobs und ließ ihn ein Datenschutzkonzept erarbeiten, das öffentlich vorgestellt wurde.

Die strengen Hierarchien im Unternehmen veränderte das jedoch nicht. Das förmliche „Sie“ prägte lange den Umgang in der Zentrale in Neckarsulm. So habe Dieter Schwarz ihm erst zum 40. Dienstjubiläum das „Du“ angeboten, verrät dessen engster Vertrauter Gehrig.

Umso überraschter waren alle im Konzern, als Gehrig im Unternehmen vor drei Jahren offiziell das Duzen verordnete. Seitdem dürfen ihn alle Mitarbeiter „Klaus“ nennen. Ob sie den Eigentümer auch mit „Dieter“ ansprechen dürfen, falls sie ihm in seiner Heimatstadt Heilbronn über den Weg laufen, ist jedoch fraglich.

Und das bedeutet auch noch lange nicht, dass sich jetzt eine allgemeine Harmoniesucht in der Schwarz-Gruppe ausbreitet. Auch heute noch zögert Gehrig nicht, Manager, die er jahrelang gefördert hat, von einem Tag auf den anderen vor die Tür zu setzen – wenn er das Gefühl hat, dass es für das Unternehmen das Beste ist. „Die persönliche Leistung ist zwar wichtig, aber das System ist entscheidend. Man braucht da ein bisschen Demut“, betont er.

Das durfte jüngst Lidl-Chef Jesper Hojer erfahren. Anfang April musste der 40-Jährige nach nicht mal einem Jahr an der Spitze das Unternehmen verlassen. Ihm folgte kommissarisch der Italiener Ignazio Paterno. Kurz zuvor hatte es auch schon Kaufland-Chef Patrick Kaudewitz erwischt. Er hatte sich einem Umbau der Führungsstrukturen in der Schwarz-Gruppe widersetzt.

Das Zentrum der Macht ist die Schwarz Unternehmens Treuhand (SUT). Sie hält zwar nur 0,1 Prozent der Anteile an der Unternehmensgruppe, aber sämtliche Stimmrechte. Und hier hat sich gerade Unerhörtes zugetragen: Der bisherige Alleinherrscher Gehrig hat nicht nur in Gerd Chrzanowski einen Stellvertreter bekommen. Chrzanowski leitet jetzt auch den Beirat der SUT, der praktisch ein Holding-Vorstand ist.

Blockchain und Virtual Reality

Damit gilt der 47-Jährige automatisch als potenzieller Nachfolger von Gehrig – wenn er denn lange genug mit dem Chef auskommt und der irgendwann dann doch bereit ist, seine Macht abzugeben. Einen offiziellen Zeitplan dafür gibt es: Mit 75 Jahren will Gehrig die Führung abgeben, zwei Jahre vorher soll über die Nachfolge entschieden werden, das habe er mit Dieter Schwarz so abgesprochen.

Chrzanowski sei ein potenzieller Nachfolger, sagt Gehrig, betont aber auch, dass noch nichts entschieden sei. Eine Hoffnungsträgerin im Unternehmen ist auch die erst 28-jährige Melanie Köhler. Die Vertraute Gehrigs ist Absolventin der von Schwarz geförderten Hochschule in Heilbronn und trotz ihres jungen Alters schon im obersten Führungsgremium.

Wer Gehrig beerbt, muss es schaffen, das viele Jahre so erfolgreiche Geschäftsmodell der Schwarz-Gruppe in die Zukunft zu transformieren – eine Herausforderung, die alle Discounter haben. Experten sehen sie in einem Dilemma. „Wer die Modernisierung nicht mitmacht, wird Marktanteile verlieren“, sagt Boris Planer, Chefökonom des renommierten Marktforschers Edge by Ascential. „Gleichzeitig verursacht das Upgrade der Filialen hohe Kosten, die sich bei den geringen Margen nur schwer wieder einspielen lassen.“

Bei Schwarz steht Chrzanowski für die Modernisierung. Er hat viel Neues vor, baut ein Entsorgungsunternehmen in der Gruppe auf, redet von den Vorteilen der Blockchain, von Virtual Reality und den Chancen, die das Internet der Dinge auch für den Handel bereithält. Über 1000 IT-Projekte laufen in der Gruppe, die jetzt priorisiert werden sollen. Gehrig dagegen sagt: „Ich bin der Garant dafür, dass wir das stationäre Geschäft nicht vergessen.“

Doch dass sich viel ändern muss, ist auch Gehrig klar. Und das gilt auch für den Kontakt zum Eigentümer. „Bisher haben Dieter Schwarz und ich fast alles unter vier Augen besprochen, viele Entscheidungen habe ich auch allein getroffen“, sagt er. Jetzt müssten sie beide lernen, die Gremien stärker einzubeziehen. „Denn wenn Dieter Schwarz mal nicht mehr da ist, müssen sie in der Lage sein, die Geschicke der Unternehmensgruppe aktiv zu gestalten.“ 

Mehr aus der Serie „Die größten Familienunternehmen der Welt“: Welche Unternehmen in Familienhand können sich mit den größten börsennotierten messen? Wir stellen Ihnen die zehn größten vor. Basis ist der Family Business Index von der Universität St. Gallen und EY. Das Dossier zu den größten Familienunternehmen der Welt mit allen Folgen finden Sie hier.

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