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04.12.2018

09:01

Start-ups

Wie sich das Ruhrgebiet mit Datenwissenschaften neu erfinden will

Von: Julian Olk, Johannes Steger

Von der Kohle zum Gold der Neuzeit: Früher hoben die Bergleute im Ruhrgebiet die wertvollen Bodenschätze. Die Kumpel von heute tragen Laptop und schürfen nach Daten.

Wie sich das Ruhrgebiet mit Datenwissenschaften neu erfinden will dpa

Zeche Zollverein

Unternehmen aus dem Ruhrgebiet stellen ihre Daten zur Verfügung und versuchen damit Start-ups in die Region zu locken.

Düsseldorf, Essen Ein Fenster trennt zwei Welten: Draußen massive rote Backsteinbauten mit langen Förderbändern, über die einst tausende Tonnen Kohle täglich bewegt wurden. Drinnen, im „Haus 5“ auf dem Gelände des Welterbes Zeche Zollverein in Essen, lauter bunter Klebezettel, die die Wände verdecken. Dutzende junge Leute laufen umher, diskutieren und trinken dabei Limonade aus Glasfaschen. Jakob Kopec ist einer dieser jungen Leute.

Der Gründer des Start-ups Spacedatists passt so gar nicht in das Bild der Zeche, das sich im Fenster hinter ihm auftut. Kopec trägt das Hemd über der Hose und einen akkurat geformten Bart. Er bildet Sätze, in denen gleichzeitig die Worte „Künstliche Intelligenz“, „Algorithmus“ und „Automatisierung“ vorkommen. Und doch eint er damit die zwei Welten, die durch das Fenster getrennt zu sein scheinen.

Kopec verkörpert das neue Ruhrgebiet. Im September beendete mit der Prosper Haniel in Bottrop die letzte Zeche den Regelbetrieb. Während Städte wie Düsseldorf oder Köln prosperieren, steckt die Region tief im Strukturwandel fest.

Doch das soll sich ändern: Während früher einmal Bodenschätze den Aufstieg des Ruhrgebietes bedingten, soll das heute das Gold der Neuzeit tun: Daten. Denn die gibt es im Dunstkreis der Großindustrie genügend.

Gründer Kopec ist Teil der Initiative „Data-Hub“, die an jenem Tag im „Haus 5“ am Essener Zollverein in die heiße Phase geht. Im Rahmen des Programms stellen die alteingesessenen Unternehmen im Ruhrgebiet – deren verkrustete Strukturen effizienten Lösungen oftmals im Wege stehen – ihre wertvollen Datensätze zur Verfügung. 146 Bewerbungen von Start-ups aus 24 Ländern waren beim Data-Hub eingegangen. Mit bis zu 25.000 Euro fördern die Industrieunternehmen die Jungunternehmer.

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Organisiert wird das Programm von der Gründerallianz Ruhr. Diese war vom Initiativkreis Ruhr, ein Zusammenschluss aus 70 regionalen Unternehmen, sowie der Projektgruppe „Glückauf Zukunft!“ ins Leben gerufen worden, um Gründer finanziell zu unterstützen und zu beraten.

„Die großen Unternehmen des Ruhrgebiets erkennen, dass ihre riesigen Datenschätze wertvolle Ressourcen für die Zukunft sind“, sagt Dirk Opalka, Geschäftsführer des Initiativkreises Ruhr. Das sei eine enorme Chance, etwas aufzubauen, was selbst dem Silicon Valley Konkurrenz machen könne.

Die Vorhaben der Unternehmen beim Data-Hub klingen dabei rustikaler und weniger nach schmucker Silicon-Valley-Welt. Gründer Kopec etwa will vermeiden, dass einem im Ruhrgebiet der Boden unter den Füßen wegbricht. Sein Start-Up Spacedatists, das an der Technischen Universität Dortmund entstand, hat die Challenge der RAG des Data-Hub gewonnen.

Kopec Start-up hat einen Algorithmus zur Analyse von 3D-Bildern entwickelt. Davon hat die RAG besonderen Nutzen. Denn die überfliegt jedes Jahr das Ruhrgebiet und erstellt 3D-Bilder des Bodens, um drohende Zusammenbrüche alter Bergwerke auszumachen. Bisher hat die RAG dafür aufwendig die Bilder mit denen des Vorjahres verglichen. Spacedatists hingegen benötigt diese Vergleichsbilder nicht.

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Im Ruhrgebiet bekommt Kopec die Möglichkeiten zum Testen des Systems. „Die vielen Daten, die das Ruhrgebiet als Industriestandort hat, sind wirklich ein Alleinstellungsmerkmal im Vergleich zu andern Start-up-Szenen“, sagt Kopec. Und deshalb sei es keine Option gewesen, in populäreren Start-up-Szenen wie Berlin oder München zu gründen. An den Unis im Ruhrgebiet suche man für die Projekte mit RAG und Kommunen schon jetzt eine Armada an studentischen Hilfskräften.

„In Berlin kann man was mit Mode machen“

Auch Sebastian Kowitz ist vom Standort Ruhrgebiet überzeugt. Er ist Mitgründer von Talpasolutions, das nicht weit weg vom Data-Hub sitzt. Kowitz hat in Aachen Bergbau studiert und sich gemeinsam mit drei Co-Gründern selbstständig gemacht. Talpasolutions konzentriert sich auf die Datenanalyse von Bergbaumaschinen.

„Die Maschinen haben Sensoren, die permanent Daten sammeln, nur die Auswertung war bisher eher schwierig“, erklärt Kowitz. Wenn man die Daten sammle, erkenne man etwa, wie sich eine Maschine besser einsetzen lasse, erklärt der Gründer: „Wir können zum Beispiel mithilfe der Analyse vorhersagen, wann ein Reifen gewechselt werden muss.“ Das höre sich profan an, aber die Lieferung eines Reifens für eine Spezialmaschine könne bis zu einem halben Jahr dauern. Endkunden sitzen zum Beispiel im Ölschieferbergbau in Estland, in Steinbrüchen im Sauerland oder im südafrikanischen Platinbergbau.

Für Essen haben sich Kowitz und seine Mitgründer bewusst entschieden: „Es ist das Herz der Industrie – in Berlin kann man eine App-Software oder was mit Mode machen, aber die Partner der Schwerindustrie sitzen hier“, meint er.

Zwar bleibt Berlin Deutschlands Gründerhauptstadt. Doch es tut sich etwas: So konstatierte die Unternehmensberatung EY in ihrem Start-up-Barometer einen deutlichen Anstieg bei den Finanzierungssummen in NRW. Das Gesamtvolumen von 54 Millionen Euro im ersten Halbjahr 2017 stieg auf rund 129 Millionen im selben Zeitraum 2018 – ein Zuwachs von 138 Prozent.

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Dennoch sitzt das Geld im Ruhrgebiet nicht wirklich locker. Berlins Start-ups sammelten laut EY 1,6 Milliarden Euro im ersten Halbjahr ein, Bayern kam auf eine Summe von 355 Millionen Euro. „Die großen Kapitalgeber haben Start-ups aus dem Ruhrgebiet noch nicht wirklich auf dem Zettel“, sagt Christian Lüdtke, Koordinator der Gründerallianz und Gründer der Unternehmensberatung Etventure.

Trotzdem führt mancher Weg doch an die Ruhr, und sogar weg von der Spree. So wie bei Jörg Sädtler, über Jahre hatte er in Berlin bei verschiedenen Software-Firmen gearbeitet und dort vor vier Jahren predict.io gegründet. Das Start-up hilft Wohnungsgesellschaften bei Wartungs- und Sanierungsarbeiten. Dafür hat es einen Algorithmus entwickelt, der automatisch erkennen soll, wo es Sanierungsbedarf gibt.

Im August entschied er sich für den Umzug ins Ruhrgebiet. Berlin bleibt Außenstandort, in Bottrop befindet sich jetzt die Zentrale von predict.io, in das schon über drei Millionen Euro an Kapital geflossen ist. „Konzerne, die so offen mit ihren Daten umgehen, gibt es in Berlin einfach nicht“, begründet Sädtler den Schritt.

Die Essener Wohnungsgesellschaft Vivawest stellt dem Start-up im Zuge des Data-Hub zahlreiche Daten seiner 120.000 Mietwohnungen zur Verfügung. Jährlich wendet das Unternehmen 200 Millionen Euro für Wartung und Sanierung auf. „Noch entscheiden Mitarbeiter, wann etwas ausgebessert wird. Die haben aber natürlich immer nur einen ganz kleinen Blick auf die vielen Daten“, sagt Sädtler. „Unser Algorithmus hat alle Daten zeitgleich im Blick.“ Predict.io hat außerdem die Data-Hub-Challenge von Gelsenwasser, Dortmunder und Bochumer Stadtwerken gewonnen. Aus 200.000 Stromrechnungen will das Start-up fehlerhafte automatisiert herausfiltern, was Kosten sparen und unglückliche Kunden vermeiden soll.

Ruhrgebiet auch für ausländische Gründer interessant

Auch Gründer außerhalb von Deutschland sind auf das Ruhrgebiet aufmerksam geworden. Der Schwede Mats Stenfeldt ist einer von ihnen. Er habe den Data-Hub bei Twitter gesehen. Beim Start des Gründer-Programms in Essen sitzt er neben seinem Sohn John August. Beide haben schulterlange Haare. Vater und Sohn ähneln sich nicht nur optisch. Die beiden haben denselben Gründergeist inne, wie sich im Gespräch zeigt. Zusammen haben sie das Start-up Sigilium gegründet.

Am liebsten berichten sie von ihrem Gewinn beim Data-Hub mit ihrem „Smart Data Corrector. „Kaum zu glauben“, sagt Vater Mats, der 30 Jahre lang mit digitalen Datensystemen gearbeitet hat und schon früh seinem Sohn erste Grundlagen des Programmierens vermittelt hat.

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Die Stenfeldts tüfteln an intelligenten Algorithmen, die in riesigen Datenmengen 95 Prozent der Fehler finden und automatisch korrigieren können. Davon profitiert nun der Wasserwirtschaftsverband EGLV, der für die Flüsse Emscher und Lippe verantwortlich ist und mit Messsensoren, den Wasserpegel überwachen.

Diese Sensoren geben fehlerhafte Daten aus, wenn sie verschmutzt sind oder beschädigt werden. „Bei der Hochwasservorhersage können wenige Zentimeter entscheiden“, warnt Heiko Althoff, Stabsstellenleiter Wassermanagement beim EGLV. Bisher haben Mitarbeiter die Datenfehler ausgebessert, war nicht nur zeitaufwendig, sondern auch fehlerhaft ist. „Sigilium hilft uns, auch für mögliche Überschwemmungen durch Starkregen infolge des Klimawandels gerüstet zu sein“, erklärt Althoff. „Mats und John haben wirklich verstanden, wo das Problem liegt.“

Sekündlich aktualisierte Daten von 100 Sensoren gibt der EGLV dafür frei. „Auch in Schweden gibt es natürlich Unternehmen mit solch großen Datensätzen, aber es gibt überhaupt keine Möglichkeit, daran zusammen zu arbeiten“, berichtet John August. Er könne sich vorstellen, weitere Projekte im Ruhrgebiet umzusetzen: „Hier hat es die Industrie verstanden: Die Unternehmen schauen über den Tellerrand hinaus und finden in Gründern wie uns eine Lösung.“ So etwas gebe es nicht einmal im Silicon Valley, ergänzt Vater Mats.

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Ursprünglich sind Start-ups dem Ruhrgebiet nicht fremd, entstand die Region doch aus Gründern wie Friedrich Krupp oder Leopold Hoesch. Die Großindustrie mit ihren vielen Arbeitsplätzen machte die Selbstständigkeit jedoch weitgehend obsolet. „Der Vater hat einen nach der Schule gefragt, zu welchem Großkonzern man gehen möchte“, sagt Initiativkreis-Chef Opalka.

Doch Gründerkoordinator Lüdtke, hält das gleichzeitig für einen Vorteil. Dass jeder jedem helfe, bringe besonders Unternehmer in der frühen Phase voran: „Und, das kann ich aus eigener Erfahrung berichten, gibt es in Berlin so nicht.“ Auch stelle er im Ruhrgebiet fest, dass die Projekte mehr als ein Selbstzweck seien. „In München etwa sagt keiner, dass er mit seiner Idee auch etwas für die Region tun will“, so Lüdtke. Hier aber ginge es Gründern und Konzernen um den ihren „Ruhrpott“.

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