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20.04.2022

11:48

Thomas Götzen

Bauen ohne Abfall: So errichtet Interboden ein Recycling-Bürogebäude

Von: Anna Gauto

PremiumDas Düsseldorfer Bürogebäude „The Cradle“ ist aus Holz gebaut und verbraucht 40 Prozent weniger CO2. Später soll es zum wertvollen Rohstofflager werden.

Bislang ist das Bürogebäude im Düsseldorfer Medienhafen noch eine Baustelle. Doch der Bau soll besonders nachhaltig gelingen. INTERBODEN/HPP Architekten/bloomimages

„The Cradle“ als Entwurf

Bislang ist das Bürogebäude im Düsseldorfer Medienhafen noch eine Baustelle. Doch der Bau soll besonders nachhaltig gelingen.

Düsseldorf Zur Baustelle im Düsseldorfer Medienhafen strampelt Thomas Götzen auf dem Rennrad. Das dunkle Haar klebt an den Schläfen – über zwölf Kilometer ist das Ratinger Büro der Interboden-Gruppe entfernt.

Die Leitung des Immobilienentwicklers hat er 2021 von seinem Vater, dem Architekten Reiner Götzen, übernommen. Noch sind von „The Cradle“, einem holzhybriden Bürohaus, nur die V-förmigen Betonstützen zu sehen. Das Gebäude heißt so, weil darin verbaute Materialien im Sinne einer Kreislaufwirtschaft (Englisch: Cradle to Cradle, kurz: C2C) immer weiterverwendet werden sollen.

Götzen deutet auf das Fundament „der Kern ist aus Recycling-Beton“, in wenigen Wochen werde es „richtig aufregend“. Dann soll das modular vorgefertigte Holztragewerk ankommen. Mithilfe der digitalen Planungsmethode BIM (Building Information Modelling) wurde jeder Millimeter genau bemessen. 

„Beton lässt sich korrigieren, eine Holzkonstruktion aber muss haargenau passen“, sagt der 39-Jährige. Mit Holz aus regionaler Forstwirtschaft anstelle von Stahlbeton sowie einer Photovoltaikanlage auf dem Dach reduziert sich der CO2-Ausstoß im Vergleich zu einem herkömmlichen Bürogebäude um rund 40 Prozent, hat die Umweltberatung EPEA für Interboden ausgerechnet. Das sind 1900 Tonnen und entspricht neun Millionen Flugkilometern.

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    Interboden hat sich das Ziel gesetzt, kreislauffähige – also sortenreine und trennbare – Materialien ohne Giftstoffe einzusetzen. Denn später einmal soll „The Cradle“ kein Fall für die Deponie, sondern ein modernes Rohstofflager werden.

    Der Immobilienentwickler will mehr Nachhaltigkeit in der Branche etablieren. INTERBODEN

    Interboden-Chef Thomas Götzen

    Der Immobilienentwickler will mehr Nachhaltigkeit in der Branche etablieren.

    Schließlich weiß Götzen, Vater von drei Kindern, sehr genau, dass die Bau- und Gebäudebranche zu den größten Klimasündern zählt. Seine Familie ist in der Baubranche unterwegs, seit sein Großvater Heinrich im Jahr 1950 ein Architekturbüro eröffnete. Aktuell verursacht die Bauwirtschaft jährlich weltweit rund 40 Prozent der energiebezogenen CO2-Emissionen und ist für über die Hälfte des globalen Abfallaufkommens und Ressourcenverbrauchs verantwortlich. Besonders die Produktion von Beton und Zement verschlingt große Mengen an nicht erneuerbaren Ressourcen. 

    „Statt Baustoffe neu herzustellen und dabei tonnenweise Kohlendioxid in die Luft zu blasen, sollten wir diese so oft wie möglich weiterverwenden oder durch nachwachsende Rohstoffe wie Holz ersetzen“, sagt Jan Grossarth, Professor für Bioökonomie und Zirkulärwirtschaft an der Hochschule Biberach. Damit das gelingt, muss der Abriss oder Rückbau bereits im Design eines neuen Gebäudes angelegt und digital zugänglich sein. Nicht selbstverständlich in einer Branche, in der manch einer noch auf Papier plane. 

    Baumaterialien sind mit Rohstoffbörsen verknüpft

    Anders bei „The Cradle“: Ob Terrassenbeläge, Sanitärfliesen, Fensterelemente: Sämtliche der in jahrelanger Vorarbeit sorgsam nach C2C-Kriterien ausgewählten Baustoffe sind in einem digitalen Materialpass und auf der Gebäude-Plattform „Madaster“ erfasst. Dieser macht Informationen wie Herkunft, Qualität sowie Ökobilanz der Komponenten samt ihrem „zirkulären“ und finanziellen Wert per Mausklick transparent. 

    Denn Madaster, ein digitales Kataster für Baustoffe, ist mit Rohstoffbörsen verknüpft und zeigt den aktuellen Materialienwert in Echtzeit. „Für Investoren ist das hochattraktiv“, glaubt der für das Büroprojekt verantwortliche Geschäftsführer von Interboden Carsten Boell. Denn im „digitalen Zwilling“, einer in BIM erstellten virtuellen Abbildung von The Cradle, ist auch ersichtlich, wie viel graue Energie im Gebäude verborgen ist. Darunter versteht man die bei Herstellung und Nutzung der Baustoffe entstandenen Emissionen.

    Immobilien wie „The Cradle“ seien Finanzprodukte, erzählt Boell. Seit der Einführung nachhaltiger ESG-Kriterien achten Kapitalanleger genau darauf, „taxonomische Risiken zu vermeiden“, und investieren vor allem in Gebäude, denen keine saftigen CO2-Steuern oder Abriss wegen hoher Sanierungskosten drohen.

    Alle Materialien in „The Cradle“ wurden auf ihre Verwertbarkeit geprüft. INTERBODEN/HPP Architekten/bloomimages

    Rasen auf dem Dach

    Alle Materialien in „The Cradle“ wurden auf ihre Verwertbarkeit geprüft.

    Mit einem um 40 Prozent niedrigeren CO2-Fußabdruck erwartet Götzen eine „deutliche Steigerung“ des Immobilienwerts. Die Hälfte der Büroflächen sei schon vermietet. Götzens Vater, der seinem Sohn 2022 die Firma überschrieb, hatte das knapp dreistellige Millionenprojekt genehmigt, obwohl wir „uns seine Wirtschaftlichkeit hart erarbeiten mussten“, so Thomas Götzen. 

    Etwa, weil das Angebot recyclingfähiger Materialien in Deutschland noch spärlich und dadurch teuer sei – genau wie Fachkräfte. Dazu käme der „immense bürokratische Aufwand“. Interboden und das beauftragte Architekturbüro HPP Architekten mussten immer wieder Ersatz suchen, weil Normen für recyclingfähige Materialien fehlten, genau wie Erfahrungswerte bei Genehmigungsbehörden. 

    Gern hätte Götzen mehr recycelten Beton eingesetzt als nur für Treppenhäuser und Aufzugschächte. Doch das sei 2017, als die Arbeit an „The Cradle“ begann, noch nicht erlaubt gewesen. Insgesamt sind laut der EPEA 97,7 Prozent des Gebäudes wiederverwertbar und somit kreislauffähig, dazu zählt allerdings auch Downcycling, die Umwandlung zu einem qualitativ schlechteren Endprodukt. Deponierung und thermische Verwertung, also Verfeuerung von Materialien für Wärme, liege bei lediglich 2,3 Prozent.

    „Manch einer plant noch auf Papier“

    Für die konservative und wenig digitalisierte Bauindustrie, in der „zirkuläres Bauen“ oder „Urban Mining“ Fremdwörter seien, sind solche Zahlen „sehr beachtlich“, findet Grossarth. Normalerweise würden wertvolle Rohstoffe nach Abriss im Straßenbau verschwendet. „Schreckliches Downcycling“, findet der Professor. Dazu schlucke ein „extrem bürokratisiertes Genehmigungssystem Innovation und Kreativität“. Den „Nachhaltigkeitsmindset“ finde man bislang lediglich bei institutionellen Immobilienanlegern, nicht im wesentlich größeren Bereich der Ein- und Mehrfamilienhäuser. 

    Umso wichtiger würden daher Projekte wie „The Cradle“. Sie zeigten, was möglich sei, und inspirierten zum Nachahmen. Auch Thomas Götzen brachte ein Besuch bei dem nach C2C-Art gebauten Rathaus im niederländischen Venlo im Jahr 2017 zur Kreislaufwirtschaft. Da wusste er, „das ist richtig cool, das sollten wir auch machen“. 

    Dabei wollte Götzen zunächst gar nicht in die Firma seines Vaters. Statt Architekt zu werden, studierte der Junior in Innsbruck internationales Management und promovierte am Lehrstuhl für Entrepreneurship der Universität Liechtenstein. Nicht zuletzt, weil der leidenschaftliche Alpinist dort wandern und Skifahren konnte. 2013 trat Thomas Götzen dann doch in das Familienunternehmen ein und gründete im selben Jahr das Start-up Animus, das Mieter, Eigentümerinnen, Projektentwickler, Hausverwalterinnen und Dienstleister „in einer Quartiersapp“ miteinander verbindet. 

    The Cradle ist für Götzen eine „logische Konsequenz der Firmengeschichte“, die Pioniergeist und Nachhaltigkeit miteinander vereine. Sein Vater habe schon in den 1990ern Deutschlands erste Solarsiedlung gebaut. Künftig will Götzen weiter an „modernen, lebenswerten und ökologisch bewirtschafteten Quartieren“, arbeiten. Und er will Interboden zum „digitalsten Anbieter für Wohnen und Gewerbe in der Region“ machen. Ein erreichbares Ziel.

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