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17.03.2022

04:00

Ukraine-Krieg

Arbeiten im Kriegsgebiet: So ergeht es deutschen Unternehmen in der Ukraine

Von: Anja Müller, Michael Scheppe

PremiumDie meisten Firmen halten ihre Standorte geschlossen, erste beklagen Opfer und zerstörte Gebäude. Konzerne wie Metro, die noch aktiv sind, arbeiten unter erschwerten Bedingungen.

Die meisten deutschen Unternehmen in der Ukraine haben ihre Produktion weiter geschlossen. dpa

Durch den Krieg zerstörte Gebäude in Kiew

Die meisten deutschen Unternehmen in der Ukraine haben ihre Produktion weiter geschlossen.

Düsseldorf Das Werk steht mitten im Kriegsgebiet. Wo Knauf bis vor drei Wochen noch Gipsplatten produzierte, sind die Hallen nun menschenleer. Mit der russischen Invasion in die Ukraine stoppte das Familienunternehmen die Produktion, damit sich die 590 Mitarbeiter in Sicherheit bringen konnten. Die Lage sei „furchtbar“, sagt Jörg Schanow, Geschäftsleiter Personal und Recht. Knauf produzierte im Donbass im Osten des Landes.

Anders als Knauf haben die meisten deutschen Unternehmen, die in der Ukraine tätig waren, ihre Produktionsstätten und Büros im Westen des Landes. Die meisten halten dennoch ihre Standorte geschlossen und versuchen, ihre Beschäftigten vor Ort finanziell und bei der Flucht zu unterstützen. Das zeigt eine Handelsblatt-Umfrage unter den Firmen.

„Die Situation ist für die Unternehmen und Mitarbeiter vor Ort eine enorme Belastung“, sagt Alexander Markus, Chef der Deutsch-Ukrainischen Industrie- und Handelskammer. In dem Land sind rund 2000 Unternehmen mit deutscher Beteiligung aktiv, die rund 50.000 Menschen beschäftigen. Um deren Leben bangen die hiesigen Firmen, gepaart mit der Sorge um ihre Betriebsstätten.

Beim Persil-Hersteller Henkel, der in der Ukraine 600 Mitarbeiter an vier Standorten beschäftigt, ist eine Mitarbeiterin durch den Krieg ums Leben gekommen. Das Gebäude des Klimaspezialisten Viessmann in Kiew ist „durch die Bomben der Putin’schen Streitkräfte völlig zerstört“, erklärt Unternehmenschef Max Viessmann. Andere deutsche Firmen berichten bislang nicht von Todesopfern und Schäden oder wollen sich nicht äußern.

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Standort erkennen

    Die große Mehrheit der ukrainischen Mitarbeiter befindet sich weiter in dem Land. Kammerchef Markus weiß aus Gesprächen mit Betrieben: „Viele Mitarbeiter wollen die Ukraine gar nicht verlassen, sondern für ihr Land da sein.“ Die Firmen hätten versucht, ihre Beschäftigten im Westen des Landes unterzubringen, wo die Gefahr geringer ist. Deutsche Angestellte haben die Unternehmen nach Warnungen des Auswärtigen Amtes schon vor Ausbruch des Krieges außer Landes gebracht.

    Grafik

    Vom Chemiekonzern BASF, der in dem Land 220 Mitarbeiter in zwei Büros beschäftigt, heißt es, dass „einige Mitarbeitenden und ihre Familienangehörigen“ die Grenzen überquert hätten. Und der Hafenkonzern HHLA, der in Odessa am Schwarzen Meer bis Kriegsausbruch ein Containerterminal betrieben hatte, hat 120 Angehörige von ukrainischen Mitarbeitern bei der Flucht zum Hauptsitz in Hamburg unterstützt.

    Die Firmen können allerdings nicht alle Beschäftigten evakuieren. Männliche Ukrainer zwischen 18 und 60 Jahren dürfen das Land nicht verlassen, weil sie zum Kriegsdienst eingezogen werden können. Vereinzelt sind darunter auch lokale Beschäftigte deutscher Konzerne.

    Metro hält Märkte weiter offen

    Während viele deutsche Firmen ihre Standorte geschlossen halten, hatte die Metro am Mittwoch 17 ihrer 26 Märkte in der Ukraine geöffnet. Welche Geschäfte aufmachen, entscheidet das lokale Management täglich nach Sicherheitslage. Lkw bringen Grundnahrungsmittel, Wasser und Hygieneartikel in die Märkte. „Wir bemühen uns darum, dies so lange wie möglich aufrechtzuerhalten“, heißt es.

    Aus einigen Städten wie etwa aus dem umkämpften Mariupol haben die Düsseldorfer Mitarbeiter und Angehörige evakuiert. Der Kontakt des Krisenmanagements zu den verbleibenden Beschäftigten in der Stadt sei derzeit aber „nicht zuverlässig gewährleistet“. Der Großhändler beschäftigt in der Ukraine insgesamt 3400 Mitarbeiter.

    Firmen wie die Metro arbeiten kriegsbedingt unter stark erschwerten Bedingungen. Im Osten funktionieren Telefonie und Internet zunehmend unzuverlässig, berichtet Kammerchef Markus. Probleme gebe es auch in der Logistik: Weil Lieferungen ausfallen, fehlt häufig das nötige Arbeitsmaterial.

    Ohnehin würden Zulieferer aus der EU Waren nur noch gegen Vorkasse liefern. Das Problem: „Da die Fremdwährungsbörse in der Ukraine geschlossen ist, um den Devisenabfluss zu verhindern, können Unternehmen vor Ort die Bezahlung nicht in Euro vornehmen“, so Markus. So kommt es gar nicht erst zu einer Lieferung.

    Der Großhandelskonzern hat noch viele Märkte in der Ukraine geöffnet. Bloomberg

    Metro-Einkaufswagen

    Der Großhandelskonzern hat noch viele Märkte in der Ukraine geöffnet.

    Das Familienunternehmen OBO Bettermann agiert unter diesen Bedingungen so gut wie eben möglich. Die dortige Vertriebsmannschaft sei von Kiew in ländlichere Regionen gegangen und arbeite vom Laptop aus, berichtet Geschäftsführer Ulrich Bettermann. Der Hersteller von Befestigungsmaterial aus dem sauerländischen Menden hat an seinem Stammsitz erste Angehörige von ukrainischen Beschäftigten begrüßt. Das Weiterbildungszentrum wurde zu einer temporären Unterkunft umfunktioniert.

    Ohnehin ist die Hilfsbereitschaft deutscher Firmen groß. Wie etwa der Intralogistik-Spezialist Jungheinrich zahlen die meisten Firmen die Gehälter ihrer Mitarbeiter weiter. Knauf hat gleich drei Monatsgehälter überwiesen. Henkel stellt allen geflüchteten Mitarbeitern eine Unterkunft auf Firmenkosten zur Verfügung, der Technologiekonzern Heraeus hat Spenden seiner deutschen Mitarbeiter verdoppelt, Metro-Beschäftigte aus den Nachbarländern der Ukraine haben privat Flüchtlinge aufgenommen und organisieren Hilfstransporte.

    Viele deutsche Unternehmen sind sowohl in der Ukraine als auch in Russland engagiert – in Russland oft in deutlich größerem Ausmaß. Auch für ihre Beschäftigten dort ist Unterstützung nötig. Weil Lieferungen eingestellt sind, können sie nicht mehr in vollem Umfang arbeiten. Dauern der Krieg in der Ukraine und die damit verbundenen Sanktionen länger an, droht den russischen Beschäftigten der Verlust ihrer Arbeitsplätze und den Firmen die Enteignung, wenn sie sich aus dem Land zurückziehen.

    Ukraine könnte für Investitionen nicht mehr so attraktiv sein

    Der Krieg hat den Standort Ukraine grundsätzlich infrage gestellt. Dabei hatte die Außenhandelskammer nach eigener Aussage vor der russischen Invasion so viele ernsthafte Investitionsanfragen deutscher Firmen wie lange nicht erhalten. „Die Ukraine hat eine deutlich geringere Kaufkraft als die Nachbarländer“, so Kammerchef Markus. Firmen konnten in dem Land so zu deutlich günstigeren Kosten produzieren. Markus erwartet, dass viele von ihnen an ihrem Engagement festhalten, sollte die Ukraine den Krieg gewinnen.

    So optimistisch sind längst nicht alle: Der Autozulieferer Leoni, der seine Kapazitäten in den vergangenen Jahren noch ausgebaut hatte, prüft laut Industriekreisen die zwischenzeitliche Verlagerung der Produktion in Länder wie Rumänien, Bulgarien, Serbien oder der Türkei. Leoni ist in der Ukraine an zwei Standorten investiert. Henkel will zum „jetzigen Zeitpunkt keine Aussagen über die langfristige Präsenz treffen“.

    BASF hingegen stellt sein „Engagement nicht infrage“, auch HHLA will den Betrieb am Terminal in Odessa „so schnell wie möglich“ wieder aufnehmen. Und Knauf will den Betrieb anfahren, „sobald dies ohne Gefahr möglich ist“. Das Familienunternehmen wolle einen Beitrag zum Wiederaufbau des Landes leisten.
    Mitarbeit: Florian Kolf, Axel Höpner

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