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19.05.2022

04:00

Ukraine-Krieg

„Jetzt besteht eine Chance“: Wie Unternehmer in der Ukraine dem Krieg trotzen

Von: Daniel Imwinkelried

Die Wirtschaft in der Ukraine ist trotz Konjunktureinbruch und Kriegsalltag um so etwas wie Normalität bemüht. Drei Beispiele zeigen, wie das gelingen könnte.

Die Unternehmer geben nicht auf.

Pavlo Moroz, Tetiana Abramova und Theo Schnitfink (von links nach rechts)

Die Unternehmer geben nicht auf.

Wien Die ukrainische Unternehmerin Tetiana Abramova kann selbst dem Krieg noch etwas Positives abgewinnen. „Jetzt besteht eine Chance, mit dem Geschäft ins Ausland zu gehen“, sagt die Eigentümerin der kleinen Textilfirma Rito/91 Lab. Dort sei nun ein Bewusstsein für die Ukraine und deren Erzeugnisse entstanden.

Abramova sprüht vor Energie, so wie viele Ukrainer ganz im Unternehmertum aufzugehen scheinen. Der Krieg hat Abramovas Geschäft zwar zeitweise schwer beeinträchtigt, von Zerstörungen blieben die Läden in Kiew und die Fabrik in der Nähe der Hauptstadt aber verschont. Abramovas Firma stellt Strickkleider für Frauen her, wobei die Unternehmerin gern auf das Modeland Italien Bezug nimmt.

Schicke Kleider waren nicht mehr gefragt, als die russische Armee am 24. Februar ihren Großangriff startete. Abramova stellte die Produktion auf Sturmhauben für die Armee um. Seitdem sich die russische Armee aber in den Donbass und in den Südosten zurückgezogen hat, ist in Kiew die Lebensfreude ein wenig zurückgekehrt.

„Die Lage bleibt zwar sehr schwierig, aber neue und schöne Kleider sind wieder gefragter als im Februar“, sagt Abramova. Gleichwohl arbeiten derzeit nur rund 40 Angestellte für die Firma; vor dem russischen Angriff auf Kiew waren es doppelt so viele. Rund zehn Prozent der Angestellten sind ins Ausland geflohen.

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    Während sich viele Firmen zumindest dort, wo es keine Kämpfe gibt, einigermaßen durchschlagen, befindet sich die ukrainische Ökonomie als Ganzes in einer dramatischen Lage. Das Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW) schätzt, dass die Ukraine in diesem Jahr ein Drittel bis zur Hälfte ihrer Wirtschaftsleistung verlieren werde. Das Budgetdefizit soll mit 25 Prozent des Bruttoinlandsprodukts so hoch ausfallen, dass die Regierung ohne umfangreiche Finanzhilfe aus dem Westen nicht über die Runden kommen wird.

    Abramovas Firma stellt Strickkleider für Frauen her, wobei die Unternehmerin gern auf das Modeland Italien Bezug nimmt. Future Publishing/Getty Images

    Tetiana Abramova (r.) bei einer Podiumsdiskussion im März 2021

    Abramovas Firma stellt Strickkleider für Frauen her, wobei die Unternehmerin gern auf das Modeland Italien Bezug nimmt.

    Rund fünf Milliarden Euro braucht der Staat pro Monat, um die Löhne, die Pensionen und grundlegende Dienstleistungen zu bezahlen. All diese Schätzungen sind allerdings mehr als grob, da niemand weiß, wie lange der Krieg noch dauern und welche Dimensionen er annehmen wird.

    Mitarbeiter in 14 Ländern verstreut

    Diese Ungewissheit fürchtet auch Theo Schnitfink, Gründer des IT-Outsourcing-Dienstleisters Symphony Solutions. Viele Kunden sagten zwar, man wolle die ukrainische Wirtschaft unterstützen, erzählt der Unternehmer. Grosso modo haben die Klienten Symphony Solutions bisher auch die Treue gehalten; nur eine Bank hat die Geschäftsbeziehung aufgelöst.

    „Je länger der Krieg aber dauert, desto mehr Klienten werden wohl eine Geschäftsbeziehung mit einer ukrainischen Firma als zu riskant ansehen“, befürchtet Schnitfink. Und neue zu gewinnen, dürfte immer schwieriger werden. „Welche Firma sucht schon Schwierigkeiten?“, fragt der Unternehmer.

    „Wir müssen die Logistik neu ausrichten“, sagt Pavlo Moroz, der bei MHP für die Beziehungen mit der Regierung zuständig ist. Symphony Solutions/Youtube

    Theo Schnitfink

    „Wir müssen die Logistik neu ausrichten“, sagt Pavlo Moroz, der bei MHP für die Beziehungen mit der Regierung zuständig ist.

    Symphony Solutions hat den Sitz in Amsterdam: einerseits, weil Schnitfink selber Niederländer ist, andererseits, weil ihm die Korruptionsgefahr in der Ukraine zu hoch erschien, als er die Firma 2008 gründete. Die größte Niederlassung des IT-Outsourcing-Unternehmens befindet sich allerdings in Lwiw in der Westukraine. Dort beschäftigt Schnitfink rund 250 Angestellte. Ungefähr zehn Prozent der männlichen Angestellten leisten Militärdienst, und 50 Mitarbeiterinnen sind ins Ausland geflohen. Sie sind nun von 14 Ländern aus tätig. „Die Angestellten können arbeiten, von wo sie wollen“, sagt Schnitfink. Das habe man während der Pandemie gelernt.

    Unternehmen mit Produktionsanlagen, die zudem auf eine komplexe Logistik angewiesen sind, haben es in dieser Hinsicht um einiges schwerer als IT-Firmen. Zu ihnen zählen besonders die großen börsennotierten Agrargesellschaften, von denen es in der Ukraine einige gibt. Eines der Schwergewichte ist die Firma MHP, deren Aktien an der Börse in London notiert sind. Im Jahr 2021 erzielte sie mit Verkäufen von Geflügel, Getreide und Sonnenblumenöl immerhin einen Umsatz von 2,4 Milliarden Dollar; davon erwirtschaftete man mehr als die Hälfte im Export.

    „Wir zahlen, sobald es die Liquidität erlaubt“, sagt Moroz. Damit hätten sich die Investoren, die alle aus dem Ausland stammen, einverstanden erklärt. PR/Linkedin

    Pavlo Moroz

    „Wir zahlen, sobald es die Liquidität erlaubt“, sagt Moroz. Damit hätten sich die Investoren, die alle aus dem Ausland stammen, einverstanden erklärt.

    Den Krieg bekam das Unternehmen unmittelbar zu spüren. Russische Bomben lösten am 12. März in einem Lagerhaus in der Nähe Kiews einen Brand aus. Mehr als 3000 Tonnen Geflügel verkohlten. Zudem musste MHP die Produktion in einer Wurstfabrik in der Nähe der ostukrainischen Stadt Donezk stoppen; die Fabrikation wurde in das Zentrum des Landes verlagert.

    Die Logistik ist das größte Problem

    Als große Produktionsfirma kämpft MHP also mit diversen Schwierigkeiten, das schwerwiegendste Problem ist wohl aber die Logistik. Traditionell führte die Ukraine die meisten ihrer Erzeugnisse über die Häfen am Schwarzen Meer aus, aber diese sind blockiert oder zerstört. Im April dieses Jahres lag das ukrainische Exportvolumen bei Agrargütern laut den Angaben von MHP bei bloß 31 Prozent des Standes von April 2021.

    „Wir müssen die Logistik neu ausrichten“, sagt Pavlo Moroz, der bei MHP für die Beziehungen mit der Regierung zuständig ist.

    Die ukrainischen Unternehmen versuchen nun, die Güter vermehrt mit Lastwagen oder mit der Eisenbahn auszuführen. Aber diese Transportmittel haben bei Weitem nicht die Kapazitäten von Schiffen, zumal Brücken, Straßen und Eisenbahnknotenpunkte teilweise zerstört sind. Die Russen werden die Infrastruktur auch künftig wohl gezielt bombardieren, um den Waffentransport in die Kampfgebiete im Osten des Landes zu behindern.

    Traditionell führte die Ukraine die meisten ihrer Erzeugnisse über die Häfen am Schwarzen Meer aus, aber diese sind blockiert oder zerstört. Reuters

    Hafen in Odessa

    Traditionell führte die Ukraine die meisten ihrer Erzeugnisse über die Häfen am Schwarzen Meer aus, aber diese sind blockiert oder zerstört.

    Weitere Erschwernisse kommen hinzu. Ein Großteil des ukrainischen Schienennetzes weist Breitspur auf, weshalb die Güter an der Grenze von einem Zug auf einen anderen umgeladen werden müssen. Und der Lastwagentransport leidet unter einer gewissen Knappheit an Benzin. Die Regierung unternehme zwar alles, um sie zu lindern, sagt Moroz. Im Unterschied zu früher gelange aber kein Treibstoff mehr aus Belarus ins Land.

    Da die Verkäufe stocken, fließen auch die Einnahmen nicht wie in den normalen Zeiten. Um die angespannten Finanzen zu schonen, hat MHP die Zinszahlungen für drei Euro-Bonds um neun Monate aufgeschoben. „Wir zahlen, sobald es die Liquidität erlaubt“, sagt Moroz. Damit hätten sich die Investoren, die alle aus dem Ausland stammen, einverstanden erklärt.

    Die Produktion von MHP hat sich zumindest etwas erholt. Die Geflügelaufzucht erreichte im April 85 Prozent des Vorjahresstandes. Aber das ist eine Momentaufnahme. Das Nadelöhr beim Export bleibt, und der Ukrainekrieg hat seit Februar bereits so viele Wendungen genommen, dass sich Prognosen erübrigen. So passt einmal die Standardformel, die notierte Firmen gerne verwenden: Man könne keine Prognosen zum Geschäftsverlauf abgeben, schreibt MHP im soeben erschienenen Geschäftsbericht 2021.

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