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29.11.2022

14:51

Umstrittener Financier

Er kaufte die zweitgrößte Airline von Indien, doch Milliardär soll er nur auf dem Papier gewesen sein

Von: Jakob Blume, Kevin Knitterscheidt, Lars-Marten Nagel

PremiumDie indische Jet Airways war mal eine stolze Fluggesellschaft und geriet in Schieflage. Dann kam Florian Fritsch und präsentierte sich als reicher Retter. Nun droht die Sanierung zu platzen.

Seit Jahren beschäftigen Konflikte des Investors mit seinen Geschäftspartnern die deutschen Gerichte. Nun ermitteln auch Behörden in Liechtenstein, Österreich und der Schweiz. Wikipedia

Florian Fritsch

Seit Jahren beschäftigen Konflikte des Investors mit seinen Geschäftspartnern die deutschen Gerichte. Nun ermitteln auch Behörden in Liechtenstein, Österreich und der Schweiz.

Zürich, Berlin, Düsseldorf Die Gläubiger von Jet Airways wollten Sicherheit. Der in Indien kaum bekannte deutsche Risikokapitalgeber Florian Fritsch sollte seine Finanzkraft nachweisen, bevor er die größte private Fluggesellschaft des Subkontinents aus der Insolvenz übernehmen durfte. Ende September 2020 ging ein Schreiben im indischen Generalkonsulat in München ein, das Fritsch als Milliardär auswies. Wenig später erhielt er zusammen mit einem indischen Co-Investor den Zuschlag.

Zwei Jahre später steht der 100-Millionen-Dollar-Deal auf der Kippe. Die Nachrichtenagentur Reuters berichtet, die Gläubiger könnten bereits am Dienstag die Liquidation der Airline beantragen. Sie wunderten sich, warum die Sanierung kaum vorankomme. Dokumente, die dem Handelsblatt vorliegen, lassen einen Grund erahnen.

„To whom it may concern!“ eröffnete Rechtsanwalt Nikolaus Prinz zu Waldeck von der Kanzlei Friedlein aus München jenes Schreiben, das beim indischen Konsulat einging. Er arbeite mit Fritsch seit 2005 und könne die Quellen des Reichtums nach „bestem Wissen“ bestätigen.

Die Milliarde Dollar habe Fritsch mit Immobiliendeals und Venture-Capital-Investitionen angehäuft. „Das ungefähre Jahreseinkommen von Herrn Florian Fritsch liegt weltweit bei etwa zehn Millionen US-Dollar.“ Der Jurist signierte das Dokument und ließ es vom Notar beglaubigen.

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    Der Eindruck, den das Dokument erwecken sollte: Es ist Kapital vorhanden, um der Pleite-Airline zu alter Größe zu verhelfen. Für die Inder steht viel auf dem Spiel: Die 1993 gegründete Airline beschäftigte in guten Zeiten mehr als 16.000 Mitarbeiter und betrieb eine Flotte von 120 Maschinen, die Passagiere über den Subkontinent und nach Paris, London und Abu Dhabi flogen. Konkurrenzdruck und Finanzprobleme zwangen die Flugzeuge zu Boden.

    Hochfliegende Pläne

    2019 ging Jet Airways pleite. Für den Ex-Rennfahrer und selbst erklärten Abenteurer Fritsch bot sich eine Chance, sein Lebensmotto „Stop talking – just do it!“ umzusetzen. Fritsch kündigte Großes an: „Jet Airways wird seinen Betrieb im Jahr 2022 mit sechs Schmalrumpfflugzeugen aufnehmen und als Fünfjahresplan eine Flotte von über 100 Flugzeugen erreichen.“

    Die Airline soll nach Plänen von Investor Fritsch eigentlich wieder größer ins Geschäft einsteigen. Reuters

    Flugzeuge von Jet Airways

    Die Airline soll nach Plänen von Investor Fritsch eigentlich wieder größer ins Geschäft einsteigen.

    Diesen Zeitplan kann Ende 2022 niemand mehr glauben. Auch das Vermögenszertifikat, mit dessen Hilfe Fritsch den Deal ergatterte, erscheint zweifelhaft. Fritsch ließ Fragen des Handelsblatts unbeantwortet. Sein Anwalt, Prinz zu Waldeck, lehnte einen Kommentar mit Verweis auf das Anwaltsgeheimnis ab.

    Fraglich erscheinen schon die Angaben zu dem Grundstein des Vermögens: So nennt das Schreiben die Firmen Joulex und Tesla als erfolgreiche Investments in den Anfängen von Fritschs Karriere als Risikokapitalgeber.

    Bei Joulex handelt es sich um eine von Seriengründer Josef Brunner aufgebaute Softwarefirma, die 2013 an Cisco verkauft wurde. Dem Handelsblatt liegt eine E-Mail von Brunner vor, in der er bestreitet, dass Fritsch je Anteilseigner bei Joulex war. „Er war weder bei der Gründung, Fundraising, operativ oder bei Verkaufsgesprächen mit Cisco beteiligt“, schrieb Brunner. „Florian Fritsch hat kein Geld aus dem Verkauf (Exit) bei Joulex erhalten.“

    Tesla-Aktien kaufte Fritsch derweil früh. Doch er nutzte dafür im Jahr 2010 Geld einer Firma, bei der er als Geschäftsführer angestellt war. Der Verkaufserlös von um die 60.000 Euro floss im Jahr 2013 auf sein Privatkonto. Jahrelang stritt er sich mit den damaligen Anteilseignern der Firma um den Gewinn. 2015 musste er ihnen gegenüber einräumen, mittellos zu sein, wie Dokumente belegen, die dem Handelsblatt vorliegen.

    Wundersame Geldvermehrung

    Umso erstaunlicher, dass Fritschs Vermögenszertifikat für 2017 Immobilienbesitz und Start-up-Beteiligungen im Wert von 75 Millionen Euro aufweist. Wie ihm die wundersame Geldvermehrung gelungen ist, sagt er nicht. Auch nicht, wie weitere fragwürdige Posten zu erklären sind.

    2017 listet das Dokument etwa eine 20-Prozent-Beteiligung am Start-up Relayr im Wert von 40 Millionen Euro auf. Im Umfeld von Relayr widerspricht man: Fritsch habe 2017 keine 20 Prozent an dem Start-up gehalten.

    Zuweilen scheint das Vermögen von Fritsch schlicht seiner Zeit voraus zu sein. Der Financier will im Jahr 2018 mit 40 Prozent am Immobilien-Start-up Gropyus beteiligt gewesen sein, notierte der Anwalt. Den Wert der Beteiligung bezifferte er mit 26 Millionen Euro. Nur: Gropyus wurde erst 2019 gegründet.

    Den indischen Gläubigern fielen die Widersprüche offenbar nicht auf. Womöglich ließen sie sich auch von Fritschs Plänen blenden. Ihm war wichtig zu betonen: „Trotz einer aggressiven Expansionsstrategie beabsichtigt Jet Airways, ein ESG-konformes Luftfahrtunternehmen zu sein.“ Der Begriff ESG steht für „Environment, Social, Governance“, ein Prinzip für gute und rechtschaffene Unternehmensführung.

    Ich selbst habe nie die Behauptung aufgestellt, ich hätte ein Milliardenvermögen. Florian Fritsch im August 2022

    Nun stellen sich seine Geschäftspartner und die Justizbehörden eher die Frage, ob es beim Investor Fritsch in der Vergangenheit immer ESG-konform ablief. Zunächst berichtete im August das Handelsblatt exklusiv über zahlreiche Gerichtsverfahren in seiner Vergangenheit, dann bekam er Ende Oktober Besuch von der Staatsanwaltschaft Liechtenstein.

    Ermittlungen in Liechtenstein

    Die Behörde ließ Wohn- und Geschäftsräume in Liechtenstein, Österreich und der Schweiz durchsuchen. Sie ermittelt gegen ihn und weitere Beschuldigte wegen des Verdachts des gewerbsmäßigen Betrugs und der Geldwäsche, wie der leitende Staatsanwalt Robert Wallner bestätigte. Es gelte die Unschuldsvermutung.

    Inzwischen ist wenig geblieben vom Bild des „Selfmade-Unternehmers in Reinform, der sich mit einem offenbar ausgeprägten Instinkt für neue Geschäftsideen ein Milliardenvermögen aufgebaut hat“, wie die österreichische Ausgabe des Magazins Forbes im Sommer 2020 titelte – mitten in der heißen Phase rund um den Einstieg bei Jet Airways.

    Das Magazin hat diese Textpassage inzwischen gelöscht, weil eine das Vermögen betreffende Formulierung „missverständlich“ gewesen sei. Und Fritsch? Auf Anfrage des Handelsblatts teilte er im August mit: „Ich selbst habe nie die Behauptung aufgestellt, ich hätte ein Milliardenvermögen.“

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