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12.04.2022

12:00

Wintersport

Löschkanonen statt Schnee: Weltmarktführer Technoalpin sucht alternative Geschäftsmodelle

Von: Moritz Fehrle

Der Markt für Skitourismus droht künftig kleiner und elitärer zu werden. Erich Gummerer, Chef der Südtiroler Firma Technoalpin, muss umdenken.

Die Maschinen des Südtiroler Unternehmens sichern vielen Skigebieten die wirtschaftliche Existenz. Technoalpin

Schneekanone von Technoalpin

Die Maschinen des Südtiroler Unternehmens sichern vielen Skigebieten die wirtschaftliche Existenz.

München Es waren nichts als ein paar dünne weiße Streifen, die sich durch ein braun-schwarzes Felsmassiv ziehen: Die Bilder, die ein Skifahrer von der Abfahrt im chinesischen Yanqing schoss, wurden zu einem Symbol der Olympischen Winterspiele von Peking. Sportler und Öffentlichkeit zeigten sich befremdet über die Vergabe der Spiele in das Gebiet: Yanqing ist im Winter zwar kalt, aber extrem niederschlagsarm. Um die schmale Abfahrt zu beschneien, musste Wasser Hunderte Meter aus eigens angelegten Speicherbecken hochgepumpt werden.

Den Schnee produzierte das Südtiroler Unternehmen Technoalpin, mit einem Umsatz von zuletzt rund 190 Millionen Euro und Filialen in 13 Ländern der Weltmarktführer für künstliche Beschneiung. Auch in der aktuellen Ostersaison sorgen in vielen Skigebieten die Maschinen des Bozener Unternehmens dafür, dass die Pisten noch befahrbar sind.

Der Olympia-Auftrag ist für Geschäftsführer Erich Gummerer auch Ergebnis einer konsequenten Strategie. Der gelernte Kaufmann hat Technoalpin 1990 zusammen mit zwei Partnern gegründet. Schon damals sei das Ziel gewesen: „Überall, wo es möglich ist, technisch zu beschneien, da wollen wir hin.“ Man könnte auch sagen: Da müssen sie hin. Denn die Einnahmen in Mitteleuropas Skitourismus stagnieren seit Jahren.

Und auch für die Zukunft sind Experten pessimistisch. „In den tiefen Lagen hat man in 20 Jahren praktisch keinen Schnee mehr“, prognostiziert Alpenforscher Werner Bätzing. Während es oberhalb von 2000 Metern zwar wärmer, aber auch feuchter werde, verwandle sich der Schnee in niedrigen Lagen zunehmend in Regen.

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    Mit der globalen Erwärmung werden auch die Zeitfenster kleiner, in denen sich technisch beschneien lässt. Denn obwohl Propellermaschinen und Schnei-Lanzen in den vergangenen 20 Jahren deutlich leistungsfähiger geworden sind, gilt immer noch: Um gut zu beschneien, braucht es Minusgrade. Wo die ausbleiben, werden Liftgesellschaften aufgeben müssen – Schneekanonen hin oder her.

    „Überall, wo es möglich ist, technisch zu beschneien, da wollen wir hin.“ Technoalpin

    Technoalpin-Chef Erich Gummerer

    „Überall, wo es möglich ist, technisch zu beschneien, da wollen wir hin.“

    Auch Technoalpin beobachtet die Entwicklung genau. „Die kleinen Skigebiete können ja gar nicht überleben“, sagt Gummerer. Sie seien nicht mehr konkurrenzfähig. Für den 63-Jährigen hat das aber weniger mit klimatischen Veränderungen zu tun, sondern mit der alternden Bevölkerung.

    Um den Rückgang in Europa aufzufangen, schaut sich Gummerer nach alternativen Geschäftsmodellen um: Statt klassischen Schneekanonen produziert Technoalpin mittlerweile auch Löschkanonen für die Feuerwehr. Derzeit erwirtschaftet das Unternehmen mit solchen Produkten bereits knapp zehn Prozent des Umsatzes. Gummerer plant, diesen Anteil in den kommenden Jahren weiter zu steigern.

    China wird für Technoalpin zum Hoffnungsmarkt

    Große Hoffnungen ruhen auch auf dem chinesischen Markt. Gummerer, gemeinsam mit Mitgründer Walter Rieder der Eigentümer des Unternehmens, schwärmt von einem „extremem Zulauf“, den der Skisport dort durch die Winterspiele erfahre. Seit 2013 hat er eine eigene Niederlassung im Land. Vielerorts seien in den vergangenen Jahren neue Skigebiete entstanden, die man beliefern konnte, neue Aufträge liegen bereits auf dem Tisch. Schon heute mache das Chinageschäft knapp 15 Prozent des Umsatzes aus.

    Weltweit wirbt das Unternehmen bei Liftbetreibern mit dem Versprechen, die Hoffnung auf Schnee in Sicherheit verwandeln zu können. Ausfälle sind im Skitourismus nicht vorgesehen. „Ein normaler Schlepplift hat früher etwa 200.000 Euro gekostet“, rechnet Gummerer vor. Moderne Hochleistungsbahnen kriege man nicht unter sieben Millionen Euro. „Wenn die nicht 100 Tage im Jahr laufen, sind Sie im Prinzip schon pleite.“

    Ohne Subventionen könnten sich viele kleinere Liftgesellschaften den Betrieb schon lange nicht mehr leisten. Beispiel Bayern: Mit 141 Millionen Euro hat die Landesregierung Skigebiete seit 2009 unterstützt. Rund 7,8 Millionen Euro davon wurden genutzt, um neue Schneekanonen zu erwerben oder alte auszutauschen. Wo Zuwendungen fehlen, müssen Lifte zumachen.

    Allein in den Jahren 2012 bis 2017 dürften im Alpenraum zwischen 60 und 80 Skigebiete geschlossen haben, schätzt Alpenforscher Bätzing. „Langfristig überleben werden nur die größten und die höchstgelegenen.“

    Die Bergregionen in Yanqing und Zhangjiakou gelten im Winter als sehr kalt, aber in den allermeisten Fällen als trocken. dpa

    Schneekanone im Einsatz vor den Olympischen Spielen

    Die Bergregionen in Yanqing und Zhangjiakou gelten im Winter als sehr kalt, aber in den allermeisten Fällen als trocken.

    Die Anschaffung und der Betrieb von Schneekanonen tragen auch dazu bei, dass Touristen zunehmend mehr für ihren Winterurlaub bezahlen müssen. Die Preise für eine Propellermaschine variieren laut Technoalpin stark: Je nach Ausführung und gekaufter Stückzahl werden 7000 bis 50.000 Euro fällig. Für die größten Alpen-Skigebiete kommt schnell eine vierstellige Anzahl an Maschinen zusammen. Ein sinkendes Angebot an Skiorten und steigende Kosten dürften die Preise für Skipässe weiter anziehen lassen.

    Der massive Einsatz von Schneekanonen ist indes umstritten. Es braucht große Mengen Wasser und damit künftig noch größere Speicherbecken, stärkere Pumpen und effizientere Kanonen. Gummerer rechnet für seine mehr als 600 Mitarbeiter daher auch mit Aufträgen, um bestehende Maschinen durch leistungsfähigere Modelle auszutauschen. Er bestreitet aber, mit Schneekanonen den Wasserhaushalt zu belasten: Das Wasser lande durch Schneeschmelze und Verdunstung später wieder zu hundert Prozent in der Natur.

    Wasserverbrauch in der Kritik

    Gebirgsforscher Bätzing widerspricht: „Im Frühjahr bei der Schneeschmelze, da ist ja genug Wasser da. Aber im Winter fahren teilweise heute schon Tanklaster mit Wasser in die Alpen, damit die Tiere genügend zu saufen haben.“ Da werde die Knappheit „signifikant verstärkt“.

    Auch die Hydrologin Carmen de Jong von der Universität Straßburg kritisiert, wie viel Wasser die Branche braucht: „Das Schmelzwasser enthält mehr Bakterien, mehr Mineralien, mehr Salz, mehr Dieselreste und mehr Krankheitserreger.“ Schon mehrfach sei es in der Vergangenheit zu Gesundheitsproblemen gekommen, weil geschmolzener Kunstschnee ins Trinkwasser gelangt sei. Technoalpin weist solche Vorwürfe von sich, beruft sich auf klare Richtlinien, die es bei der Wasserentnahme und beim Filtern des Schmelzwassers gebe.

    Die Alpenregionen und die deutschen Skigebiete haben allerdings auch künftig kaum eine andere Chance, als sich auf Gummerers Schnee-Versprechen zu verlassen. Obwohl sich die Bedingungen für eine optimale Beschneiung zunehmend nach hinten verschieben, bleiben es die zwei Wochen um Weihnachten, in denen die Pisten schneeweiß sein müssen – in dieser Zeit machen Liftgesellschaften etwa 20 Prozent ihres Jahresumsatzes.

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