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12.11.2021

21:34

+++ Klima-Gipfel +++

Von der Leyen sieht Ergebnis von Glasgow als guten Anfang – Klimaaktivistin Neubauer nennt Beschluss „Betrug“

Studie: Jugend muss sich auf deutlich mehr Extremwetter einstellen +++ WHO: 50 Länder wollen Gesundheitssysteme besser für Krisen rüsten +++ Der Newsblog zur COP26 zum Nachlesen.

Fast 200 Staaten haben am Samstagabend nach mehr als zwei Wochen Verhandlungen den Klimapakt von Glasgow verabschiedet. Der britische Gastgeber erklärte, dass mit den Vereinbarungen die schlimmsten Folgen der globalen Erwärmung abgewendet werden könnten. Nachfolgend die wichtigsten Punkte aus dem Abkommen:

MEHR EHRGEIZ

Die Staaten räumen ein, dass die bisher eingegangenen Verpflichtungen zum Abbau der Emissionen von Treibhausgasen bei weitem nicht ausreichen. Deren Ziel ist es eigentlich, die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen im Vergleich zu den vorindustriellen Temperaturen. Um dieses Problem zu lösen, sollen die Regierungen die Ziele bis zum Ende des nächsten Jahres verschärfen. Bislang war das nur alle fünf Jahre geplant.

Wenn es nicht gelingt, strengere Ziele für die Emissionssenkung festzulegen und einzuhalten, hätte dies enorme Folgen: Wissenschaftler sagen, dass ein Anstieg von mehr als 1,5 Grad Celsius einen extremen Anstieg des Meeresspiegels und Katastrophen wie Dürren, gewaltige Stürme und Waldbrände auslösen würde. Diese könnten weit schlimmer wären als die, unter denen die Welt bereits jetzt schon leidet.

"Ich denke, wir können heute glaubwürdig sagen, dass wir 1,5 Grad Celsius in Reichweite gehalten haben", sagte Alok Sharma, der Präsident des COP26-Gipfels. "Wir werden nur überleben, wenn wir unsere Versprechen einhalten."

FOSSILE BRENNSTOFFE IM VISIER

Der Pakt enthält erstmals eine Formulierung, die die Länder auffordert, ihre Abhängigkeit von Kohle zu verringern und die Subventionen für fossile Brennstoffe zurückzufahren. Diese sind nach Ansicht von Wissenschaftlern die Hauptursache für den vom Menschen verursachten Klimawandel.

Die Formulierung in dem Abkommen blieb jedoch bis zuletzt umstritten. Kurz vor der Verabschiedung forderte Indien, dass die Länder nur aufgefordert werden, die Kohleverbrennung "schrittweise zu reduzieren" anstatt "auslaufen zu lassen". Diese Wortänderung löste im Plenarsaal große Unruhe aus, aber die Delegationen stimmten dem Antrag aber letztlich zu, um das Abkommen noch zu retten.

ZAHLUNGEN AN ARME UND GEFÄHRDETE LÄNDER

Bei den Forderungen der ärmeren Länder, dass die reichen Industriestaaten - die bislang für die meisten Emissionen verantwortlich sind - zur Kasse gebeten werden, hat das Abkommen einige Fortschritte gemacht. So werden die Industrieländer aufgefordert, ihre für Schwellenländer zur Anpassung an den Klimawandel bereitgestellten Finanzmitteln bis 2025 mindestens zu verdoppeln im Vergleich zu 2019. Zum ersten Mal wird auch der so genannte "Verlust und Schaden" im Deckblatt des Abkommens erwähnt. Das bezieht sich auf die Kosten, die einigen Ländern bereits durch den Klimawandel entstehen. Diese fordern seit Jahren finanzielle Hilfen, um die Kosten stemmen zu können. Im Rahmen des Abkommens haben sich die Industrieländer allerdings im Wesentlichen nur dazu bereit erklärt, die Diskussionen zu diesem Thema fortzusetzen.

REGELN FÜR GLOBALE KOHLENSTOFFMÄRKTE

Die Verhandler einigten sich auf Regeln für den CO2-Emissionshandel, die möglicherweise Billionen von Dollar für den Schutz der Wälder, den Bau von Anlagen für erneuerbare Energien und andere Projekte zur Bekämpfung des Klimawandels freisetzen könnten. Sowohl Unternehmen als auch Länder mit großen Waldbeständen hatten in Glasgow auf eine solide Vereinbarung über den staatlich geführten Emissionshandel gedrängt - in der Hoffnung, damit auch die schnell wachsenden globalen Märkte für freiwillige Ausgleichsmaßnahmen zu legitimieren.

Das Abkommen sieht nun einige Maßnahmen vor, die sicherstellen sollen, dass Gutschriften nicht doppelt auf nationale Emissionsziele angerechnet werden. Der bilaterale Handel zwischen Ländern wird nicht besteuert, um die Finanzierung von Klimaanpassungsmaßnahmen zu unterstützen. Dies war eine Kernforderung der ärmeren Länder.

Die Unterhändler einigten sich auch auf einen anderen Kompromiss: Dieser legt einen Stichtag fest, an dem Gutschriften, die vor 2013 ausgestellt wurden, nicht mehr übertragen werden können. Damit soll sichergestellt werden, dass nicht zu viele alte Gutschriften den Markt überschwemmen und zu Käufen anstelle von neuen Emissionssenkungen anregen.

NEBENBEITRÄGE

Es gab auch eine ganze Reihe bemerkenswerter Nebenabsprachen. Die USA und die Europäische Union standen an der Spitze einer globalen Initiative zur Verringerung der Methanemissionen. Dabei haben sich rund 100 Länder dazu verpflichtet, die Emission des besonders klimaschädlichen Methan bis 2030 um 30 Prozent im Vergleich zu 2020 zu senken.

Die USA und China, die beiden größten Kohlenstoffemittenten der Welt, kündigten außerdem eine gemeinsame Erklärung zur Zusammenarbeit bei Klimaschutzmaßnahmen an. Dies verdeutlicht Beobachtern zufolge die Absicht Pekings, mehr im Kampf gegen die globalen Erwärmung zu tun.

Unternehmen und Investoren gaben außerdem eine Reihe freiwilliger Zusagen ab. Diese haben beispielsweise die Abschaffung von Autos mit Benzin- und Dieselmotoren, die Dekarbonisierung des Flugverkehrs, den Schutz der Wälder und nachhaltigere Investitionen zum Ziel.

(Reuters)
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Anna Kipnis
Kinder- und Jugendärzte fordern von der zukünftigen Bundesregierung einen besseren Schutz der jungen Generation vor der fortschreitenden Klimaerwärmung. „Wir appellieren an die künftige Bundesregierung, alles Notwendige dafür zu tun, die verursachenden Treiber des Klimawandels zu begrenzen, aber auch ganz konkret Kinder und Jugendliche vor den Gefahren durch den Klimawandel zu schützen“, heißt es in einer Mitteilung des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte am Dienstag. Bereits heute sei die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen durch den Klimawandel belastet.

Das frühe Erleben von Naturkatastrophen erhöhe das Risiko von akuten psychischen Belastungen von Kindern. Hohe Ozonwerte durch Abgase und zunehmende Sonneneinstrahlung können Asthma und Bronchitis auslösen und verstärken, teilte der Verband mit. Aufgrund von Hitze leiden junge Menschen eher an Austrocknung und Hitzschlag. In den längeren Sommermonaten können sich auch Zecken und Mücken weiter ausbreiten und Krankheiten übertragen.
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Anna Kipnis
Die geschäftsführende Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sieht in den Ergebnissen der UN-Klimakonferenz in Glasgow Fortschritte im Kampf gegen die Erderwärmung. Regierungssprecher Steffen Seibert sagte am Montag in Berlin, die Abschlusserklärung gebe eine deutliche Richtung vor, nämlich das weltweite Ende fossiler Energieversorgung. Es sei Grund zum Optimismus, dass es erstmals in der Geschichte der Weltklimakonferenzen dafür einen Konsens unter den etwa 200 Staaten gebe.

Dies sei international ein wegweisendes Signal. Der globale Kohleausstieg sei vorgezeichnet und dieser Weg sei unumkehrbar. Die Konferenz habe einige sehr ermutigende Ergebnisse gebracht, sagte Seibert weiter. Er nannte das Bekenntnis aller Staaten zum 1,5 Grad-Ziel oder eine Allianz für klimafreundlichen Flugverkehr, außerdem eine Vereinbarung der USA und China zu stärkerem Klimaschutz.

Das Entscheidende werde nun die Umsetzung sein. „Wir müssen den Klimaschutz national und weltweit noch entschlossener voranbringen“, sagte Seibert.
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Anna Kipnis

Diese Dekade entscheidet darüber, ob wir nur noch Getriebene des Klimawandels sind oder ob wir noch das Heft des Handelns in der Hand behalten

Ursula von der Leyen

Die Ergebnisse der Weltklimakonferenz sind nach Ansicht von EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen „unter den Erwartungen geblieben“. Sie seien „gerade mal ein Zwischenschritt, um die Weltgemeinschaft auf dem Weg zum 1,5-Grad-Ziel an Bord zu halten“, sagte die deutsche Politikerin am Montag beim Wirtschaftsgipfel der „Süddeutschen Zeitung“. Sie sprach von „Licht und Schatten“.

„Zu den Enttäuschungen zählt, dass der Kohleausstieg nur zu einem Kohleabbau verwässert worden ist, und zwar das in allerletzter Minute“, sagte von der Leyen. Zudem gebe es „zu wenig klare Verpflichtungen, Ziele und Schritte von der Weltgemeinschaft“. Auch würden ärmere Länder von den Industriestaaten weiterhin nicht ausreichend finanziell unterstützt. Positiv sei unter anderem, dass der Ausstoß klimaschädlicher Treibhausgase weltweit noch in diesem Jahrzehnt um 45 Prozent reduziert werden solle.
Ursula von der Leyen
Ursula von der Leyen   Bild: Getty
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Anna Kipnis
Die schwedische Klimaaktivistin Greta Thunberg hat für das Ergebnis der Weltklimakonferenz in Glasgow nur wenig gute Worte übrig. „Wir sind immer noch auf dem Weg in Richtung 2,7 Grad Erderwärmung“, sagte Thunberg am Sonntagabend im schwedischen Fernsehen SVT. „Wir sind weit von dem entfernt, was nötig ist.“

Bei der UN-Klimakonferenz in Schottland hatten sich die etwa 200 beteiligten Länder auf einen schrittweisen Ausstieg aus der Kohle verständigt. Außerdem wurde festgehalten, dass der Ausstoß klimaschädlicher Treibhausgase weltweit in diesem Jahrzehnt um 45 Prozent sinken muss, wenn das 1,5-Grad-Limit erreicht werden soll.

Thunberg räumte ein, dass die Einigung ein guter Anfang sei. 

Aber wir müssen verstehen, dass es bei der Klimakrise um Zeit geht. Natürlich können wir kleine Fortschritte machen und langsam gewinnen. Aber das ist genau das Gleiche wie zu verlieren.

Greta Thunberg

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Anna Kipnis
Der britische Premierminister Boris Johnson hat nach Abschluss der UN-Weltklimakonferenz in Glasgow eine positive Bilanz gezogen. „Die Welt ist unbestreitbar auf dem Weg in die richtige Richtung“, sagte der konservative Politiker am Sonntagabend bei einer Pressekonferenz mit COP26-Präsident Alok Sharma im Londoner Regierungssitz Downing Street.

Johnson lobte vor allem den Entschluss der beteiligten Staaten, ein Ende der Kohleenergie einzuleiten. „Glasgow hat die Totenglocke für Kohleenergie geläutet“, so Johnson. Gleichzeitig gab er zu, dass nicht alle Ziele erreicht wurden: „Das ist nicht die endgültige Lösung, und konnte es auch nie sein.“

COP-Präsident Sharma, der vor der Verabschiedung der Erklärung am Samstag kurzzeitig mit den Tränen gekämpft hatte, befürchtete eigenen Angaben zufolge auf den letzte Metern ein Scheitern der Konferenz. Er habe in einem emotionalen Moment „die Last der Welt“ auf den Schultern gefühlt, so Sharma.
Boris Johnson
Boris Johnson   Bild: dpa
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Anna Kipnis
UN-Klimachefin Patricia Espinosa ist trotz einiger verfehlter Ziele mit dem Ergebnis der internationalen Klimakonferenz von Glasgow zufrieden. „Es stellt nicht jeden voll zufrieden. Aber es bringt uns weiter. Es ist ein guter Kompromiss“, sagte Espinosa am Sonntag der Nachrichtenagentur AP. Gar keine Einigung zu erzielen, wäre das schlechtmöglichste Ergebnis gewesen. „Da gewinnt keiner.“

Am Samstagabend hatten sich fast 200 Nationen auf eine gemeinsame Abschlusserklärung der Konferenz geeinigt. Beobachtern zufolge brachte die Einigung zwar Fortschritte bei zentralen Themen, aber keinen echten Durchbruch. Zudem wurde eine Formulierung zum Kohleausstieg auf Antreiben Indiens abgeschwächt.

Espinosa sagte, man können dennoch von einem positiven Ergebnis sprechen, denn es schaffe Klarheit, was in den nächsten Jahren zu tun sei. Ein Gipfel allein werde nicht die Fakten schaffen, um die Erderwärmung auf 1,5 Grad gegenüber der vorindustriellen Zeit zu beschränken, sagte Espinosa weiter. Aber Glasgow habe dazu beigetragen, den Weg dafür zu bereiten.
UN-Klimachefin Patricia Espinosa
UN-Klimachefin Patricia Espinosa   Bild: dpa
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Anna Kipnis

Vor Glasgow war die Welt auf einem Desaster-Pfad, nach Glasgow sind wir noch immer auf einem gefährlichen Pfad

Klimaforscher Johan Rockström

Der renommierte schwedische Klimaforscher Johan Rockström hat nach den Beschlüssen der Weltklimakonferenz in Glasgow eine schnelle Umsetzung von Klimaschutzmaßnahmen angemahnt. „Vor Glasgow war die Welt auf einem Desaster-Pfad, nach Glasgow sind wir noch immer auf einem gefährlichen Pfad“, sagte der Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung am Sonntag der Deutschen Presse-Agentur. „Das ist ein deutlicher Fortschritt, aber bei weitem nicht ausreichend“.

Selbst wenn alle Ankündigungen umgesetzt würden - und das sei ein großes „wenn“ - habe man nach aktuellen Berechnungen nur eine 50-prozentige Chance, die Erderhitzung unter zwei Grad im Vergleich zur vorindustriellen Zeit zu halten. Die Weltklimakonferenz bekannte sich jedoch eigentlich klar zu dem Ziel, die Erderwärmung bei 1,5 Grad stoppen, um katastrophale Folgen zu vermeiden. Dafür sollen die bislang völlig unzureichenden Klimaschutzpläne der Staaten bis Ende des nächsten Jahres nachgeschärft werden. Rockström bezeichnete dies als den „womöglich wichtigsten Satz der Abschlusserklärung“.
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Tom Körkemeier
Die Klimaaktivistin Luisa Neubauer hat die Beschlüsse der Weltklimakonferenz in Glasgow als „Betrug“ verurteilt. „Diese Abschlusserklärung ist ein Betrug“, sagte die 25-Jährige am Sonntag der Deutschen Presse-Agentur, nachdem sich bei dem Treffen rund 200 Staaten auf einen Klimapakt geeinigt hatten. Sie verrate alle, die schon heute vor „unerträglichen Klimafolgen“ stünden. „Und es ist ein Betrug an allen jungen Menschen auf dieser Welt, die darauf setzen, dass sich Regierungen um ihre Zukunft kümmern.“

Deutschland habe in Glasgow gezeigt, dass es „keines der Länder ist, auf das man aktuell zählen kann, wenn es darum geht, Lebensgrundlagen und Gesellschaften zu schützen“, sagte Neubauer, die auch Grünen-Mitglied ist. Die neue Bundesregierung müsse nun Verantwortung übernehmen, zu Deutschlands Klimaschulden stehen und den sofortigen Ausstieg aus Kohle, Öl und Gas einleiten.
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Maximilian Kisters
Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) zeigt sich unzufrieden mit den Ergebnissen des Weltklimagipfels. "Die Industrie bedauert, dass auf der Weltklimakonferenz in Glasgow der dringend notwendige große Wurf für den Klimaschutz nicht gelungen ist", erklärte BDI-Präsident Siegfried Russwurm am Sonntag. 
Im Kampf gegen die weiter fortschreitende Erderwärmung seien stärkere internationale Kooperation und verbindliche Klimaschutzziele praktisch aller Staaten unverzichtbar. "Was in Glasgow erreicht wurde, reicht dafür nicht aus", betonte Russwurm.

Die Differenzen zwischen den Staaten seien weiterhin sehr groß und würden es auf absehbare Zeit auch bleiben. 

Fraglich bleibe, ob die Industrieländer ihre vor mehr als zehn Jahren gemachten Finanzzusagen an Entwicklungs- und Schwellenländer einhalten werden. Letztere sollen beginnend mit dem Jahr 2020 mit 100 Milliarden Dollar jährlich beim Klimaschutz unterstützt werden.
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Maximilian Kisters
Zu den Ergebnissen der Klimakonferenz in Glasgow meint die Londoner Sonntagszeitung „The Observer“:

„Das bilaterale Abkommen zwischen den USA und China ist - wenngleich recht dünn hinsichtlich konkreter Verpflichtungen - ein reales Zeichen für diplomatische Fortschritte. Mehr als 100 Länder haben sich verpflichtet, die Entwaldung bis 2030 zu beenden. Fünf der reichsten Länder haben 1,7 Milliarden US-Dollar zur Unterstützung der Naturschutzbemühungen indigener Völker zugesagt. Und die USA und die EU haben eine Initiative zur Reduzierung der Methan-Emissionen unterzeichnet.

Doch das ist nicht genug. Es gibt zu viele Lücken, zu wenige Zusagen und zu wenig Willenskraft. In letzter Minute wurde die ohnehin schon schwache Entschließung über den Abbau der Subventionen für Kohle und fossile Brennstoffe noch weiter verwässert, so dass sie praktisch bedeutungslos wurde. Einige Länder beteuerten in den letzten Plenarsitzungen, dass sie einfach nicht weiter gehen könnten. Aber sie müssen weiter gehen. Die Katastrophe ist noch nicht unabwendbar, aber die Alarmstufe steht für die Menschheit immer noch auf Rot. Der Preis dafür, die Warnung zu ignorieren, ist unvorstellbar hoch.“
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Maximilian Kisters
Die spanische Zeitung „La Vanguardia“ kommentiert am Sonntag das Ergebnis des Weltklimagipfels in Glasgow:

„Die COP26 hat mit Ach und Krach eine Einigung in den umstrittensten Fragen erzielt. Die Abschlusserklärung ruft in abgeschwächter Form zum Ausstieg aus der Subventionierung von Kohle und anderen fossilen Brennstoffen auf, lässt die Schaffung eines Fonds zum Ausgleich für „Verluste und Schäden“ ärmerer Länder durch den Klimawandel aber offen und bekennt sich zum Ziel von höchstens 1,5 Grad plus.

Einer der Stolpersteine war die Mobilisierung von Geldern für die Entwicklungsländer, die am meisten unter der Klimakrise leiden. Sie forderten einen Ausgleich von Klimaschäden, wogegen die USA und die EU Vorbehalte hatten. Aber letztlich haben die ärmeren Länder trotz ihrer Wut die Schlusserklärung nicht blockiert.

Die COP26 hat einige positive Vereinbarungen gebracht, deren Umsetzung indes abzuwarten bleibt. Der wichtigste ist die vereinbarte Zusammenarbeit der USA und Chinas bei der Reduzierung der Treibhausgasemissionen. Ebenso haben 114 Staaten eine Vereinbarung zur Beendigung der Entwaldung bis 2030 unterstützt. Aber alle diese Vereinbarungen sind nicht bindend und an der Umsetzung solcher Versprechen haperte es schon in der Vergangenheit.“
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Maximilian Kisters
Zu den Ergebnissen des Klimagipfels in Glasgow meint die Londoner „Sunday Times“: 

„Kritiker werden erwartungsgemäß sagen, es habe auf der Konferenz nicht genug Ambitionen gegeben, besonders bei der Einschränkung der Nutzung fossiler Brennstoffe. Ein Vorwurf, der durch das Manövrieren in letzter Minute gestärkt wurde. Und für die Klimademonstranten ist der deprimierende Abschluss ein gefundenes Fressen. Doch wenn es stimmen würde, wie sie sagen, dass all diese Gipfelkonferenzen nur für Palaver gut und Spitzenpolitiker nur Halunken sind, die Aktionen versprechen, aber nichts unternehmen, was sollte dann den Rest von uns veranlassen, den Klimawandel ernst zu nehmen?

Die meisten Menschen wollen es richtig machen und nicht in Kraftstoff verschlingenden SUVs über die Straßen donnern oder die Thermostaten bis zum Anschlag aufreißen. Doch warum sollten wir uns ändern, wenn unsere Anstrengungen als unnütz abgetan werden? Der Geist des Wandels ist da, und er wurde durch COP26 gestärkt. (...) Die Konferenz konnte niemals der ungetrübte Triumph werden, auf den einige gehofft hatten. Doch sie hat den Fokus geschärft und einige wichtige Fortschritte erreicht. Es ist nun an den Regierungen, die Veränderungen vorzunehmen, die sich die Menschen wünschen.“
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Maximilian Kisters
Zum UN-Weltklimagipfel COP26 schreibt die italienische Zeitung „Corriere della Sera“ aus Mailand am Sonntag:

„Bei der Enttäuschung über die Ergebnisse der COP26 war die einzige positive Überraschung die gemeinsame Erklärung Chinas und der Vereinigten Staaten. Die Schaffung einer chinesisch-amerikanischen Klima-Task Force wird als Signal gewertet, dass die bilateralen Beziehungen die erste Verbesserung seit Jahren erleben. Um sich mit der Hoffnung auseinanderzusetzen, die eine Deeskalation einleiten könnte, kommt es an diesem Montag zum ersten bilaterale Gipfeltreffen der beiden Präsidenten, wenn auch auf Abstand.

In der Klima-Erklärung fehlen jedoch konkrete Verpflichtungen: keine verbindliche Angabe zur Kohlenstoffdioxid-Reduktion. Kann man hier Gretas übliche Blabla-Kritik anbringen? Aber die schwedische Aktivistin und ihre Zeitgenossen haben in Peking null Sichtbarkeit. Die umweltschädlichste Supermacht der Welt wird von einem Regime regiert, das der Zivilgesellschaft wenig Selbstständigkeit lässt.“
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Tom Körkemeier
EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hat die Abschlusserklärung der internationalen Klimakonferenz von Glasgow als guten Ausgangspunkt für weitere Schritte bezeichnet. Die Vereinbarung vermittle Zuversicht, dass auf der Erde ein sicherer und florierender Raum für die Menschheit geboten werden könne, sagte sie in am späten Samstagabend. Doch sei dafür noch harte Arbeit nötig, fügte sie hinzu. Für Entspannung sei keine Zeit.

EU-Chefunterhändler Franz Timmermans sagte, der Text der Abschlusserklärung halte das Ziel des Pariser Klimaabkommens von 2015 am Leben, die Erderwärmung auf 1,5 Grad im Vergleich zur vorindustriellen Zeit zu begrenzen. Der Text erkenne den Bedarf von Entwicklungsländern „für eine Klimafinanzierung“ an und lege einen Prozess dar, um diesem Bedarf nachzukommen, sagte er.

Bei der Klimakonferenz hatten sich fast 200 Nationen am Samstag auf eine gemeinsame Abschlusserklärung geeinigt. Beim Streitthema Kohleausstieg wurde auf Drängen Indiens auf den letzten Metern allerdings noch eine Formulierung abgeschwächt, um einen Kompromiss zu erzielen. Mehrere Staaten äußerten sich enttäuscht über die Änderung. Auch vielen Klimaschutzorganisationen ging die Vereinbarung nicht weit genug.
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Tom Körkemeier
Schon in wenigen Jahren könnte mehr als die Hälfte der deutschen Unternehmen eine eigene Ökostrom-Versorgung aufgebaut haben. Das geht aus einer Befragung des Münchner Ifo-Instituts unter 1700 Unternehmen hervor. Demnach haben bereits jetzt über ein Drittel der Firmen Anlagen zur Produktion erneuerbarer Energien installiert, weitere 26 Prozent planen das für die nächsten drei Jahre. In der Regel handelt es sich dabei um Solaranlagen.

Auftraggeber der Befragung war die ebenfalls in München sitzende Stiftung Familienunternehmen - und die Familienfirmen haben sich in dieser Hinsicht demnach auch besonders hervorgetan. Laut Ifo-Befragung ist der Anteil der Familienfirmen mit eigenem Ökostrom-Kraftwerk mit knapp 37 Prozent höher als im Durchschnitt.

Dabei geht es jedoch offensichtlich nicht nur um den Klimaschutz. Fast 22 Prozent der befragten Unternehmen sieht die Zuverlässigkeit der Stromversorgung durch die Energiewende gefährdet. Knapp zehn Prozent aller befragten Firmen haben demnach derzeit schon Notstromaggregate, weitere 14 Prozent planen das. In der Industrie und im Bergbau sind die Sorgen erheblich größer: Über ein Drittel in den zwei stromintensiven Branchen fürchtet um die Zuverlässigkeit der Stromversorgung.
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Sarah Sendner
Die Verhandlungen auf der Weltklimakonferenz ziehen sich bis mindestens Samstag hin. Erst am Morgen soll ein neuer Entwurf für die Abschlusserklärung vorgelegt werden, wie die Deutsche Presse-Agentur in Glasgow am Freitagabend aus Verhandlungskreisen erfuhr.
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Alisa Swoboda
Bundesumweltministerin Svenja Schulze hat sich auf den letzten Metern der Weltklimakonferenz in Glasgow optimistisch über den Stand der Verhandlungen gezeigt. Es lägen bereits „gute Fortschritte auf dem Tisch“, sagte die SPD-Politikerin am Freitag in Glasgow.

„Dafür bin ich auch gern bereit, in die Verlängerung zu gehen, wenn es notwendig ist.“ Es bestehe zum ersten Mal in der Geschichte der Weltklimakonferenzen die Chance, den Kohleausstieg in einem Abschlusstext zu erwähnen. „Das ist ein Paradigmenwechsel, den ich sehr begrüße.“
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Alisa Swoboda
Die deutsche Klimaaktivistin Luisa Neubauer hat den bisherigen Beschlüssen der Weltklimakonferenz in Glasgow ein schlechtes Zeugnis ausgestellt. „Nichts davon entspricht dem Zeitdruck und dem humanitären Druck, unter dem wir stehen“, sagte die 25-Jährige am Freitag in Glasgow. Man dürfe den Erfolg der COP26 nicht daran messen, ob er besser sei als jener vorheriger Klimakonferenzen - sondern daran, was wissenschaftlich notwendig sei. Außerdem kritisierte sie „Greenwashing“-Ankündigungen des britischen Gastgebers.

Neubauer verteidigte ihre schwedische Fridays-for-Future-Mitstreiterin Greta Thunberg, die den Gipfel bereits lange vor seinem Ende als gescheitert ansah. „Dass man im Jahr 2021 auf den Tisch haut, wo es draußen brennt und brodelt, ist zu erwarten. Alles andere fände ich ehrlich gesagt merkwürdig.“
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Anastasia Zejneli
Der US-Klimabeauftragte John Kerry hat die Staaten auf der Weltklimakonferenz in Glasgow beschworen, ihren Ausstoß klimaschädlicher Treibhausgase noch in diesem Jahrzehnt drastisch zu drosseln. Die Wissenschaft sage klar, dass die Emissionen bis 2030 um 45 Prozent sinken müssen, um das Ziel zu erreichen, die Erderwärmung noch auf 1,5 Grad zu begrenzen. „Um die schlimmsten Folgen der Klimakrise abzuwenden, müssen wir jetzt handeln“, sagte er am Freitag vor dem Plenum.

Schnelles Handeln sei eine existenzielle Frage, betonte er. „Menschen sterben, schon heute.“ Und überall auf der Welt seien die Folgen des Klimawandels zu spüren. Kerry räumte zugleich ein, dass die großen Wirtschaftsnationen der G20 im Kampf gegen die Klimakrise die Hauptverantwortung tragen, weil sie 80 Prozent der Treibhausgase ausstoßen. Diese Verantwortung nähmen die USA an.

Zum Streit über einen Entwurf der Abschlusserklärung, in dem ein Ende der Subventionen für fossile Energieträger gefordert wird, sagte Kerry: „Diese Subventionen müssen weg.“ Auch US-Präsident Joe Biden habe dies zum Ziel. In den vergangenen fünf Jahren seien weltweit 2,5 Billionen Dollar solcher klimaschädlichen Subventionen geflossen, sagte Kerry. „Das ist die Definition des Irrsinns!“
Bild: John Kerry
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Anna Kipnis
Hunderte Delegierte der Weltklimakonferenz in Glasgow sind am Freitag in einem lautstarken Protestmarsch durch das Tagungsgebäude gezogen. Sie liefen dabei an einem langen, roten Band und riefen Parolen wie „Klimagerechtigkeit jetzt!“. Die Teilnehmer, überwiegend von Nichtregierungsorganisationen, wollten sich danach weiteren Straßenprotesten im Zentrum Glasgows anschließen, unter anderem von der Klimaschutzbewegung Fridays for Future.

Zuvor hatte ein neuer Entwurf für die Abschlusserklärung für Empörung bei Umweltschützern gesorgt. Darin wurden Forderungen aus einer früheren Fassung wie ein beschleunigter Kohleausstieg und ein Ende der Subventionen für fossile Energieträger deutlich verwässert.

Am Ende des Mammutreffens mit rund 40 000 Delegierten - planmäßig für Freitagabend angesetzt - müssen die Vertreter der rund 200 Staaten den endgültigen Text der Erklärung einstimmig beschließen. Alle Konferenzen der vergangenen Jahre wurden ins Wochenende verlängert.
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