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01.11.2021

04:00

Circular Economy

Kreislaufwirtschaftsexperte: „Wenn wir jetzt nicht Gas geben, verlieren wir das Wettrennen“

Von: Kathrin Witsch

PremiumHenning Wilts vom Wuppertal Institut warnt davor, dass Deutschland den Anschluss zu verlieren droht. Dabei könne die zirkuläre Wirtschaft viele Probleme lösen.

Zusätzlich zu den durch den weltweiten Chipmangel ausgelösten Produktionsproblemen befürchtet die deutsche Industrie nun auch noch Lieferengpässe bei dem für den Automobil- und Flugzeugbau dringend benötigten Magnesium.  dpa

Autoindustrie

Zusätzlich zu den durch den weltweiten Chipmangel ausgelösten Produktionsproblemen befürchtet die deutsche Industrie nun auch noch Lieferengpässe bei dem für den Automobil- und Flugzeugbau dringend benötigten Magnesium. 

Düsseldorf Herr Wilts, wie wichtig ist das Thema Kreislaufwirtschaft für eine grüne Industrie?
Ohne eine Circular Economy sind die Klimaziele auf jeden Fall nicht zu erreichen. Das ist aber nur ein Punkt, der die Kreislaufwirtschaft so wichtig macht. Der andere ist das große Kosteneinsparpotenzial und natürlich die steigende Unabhängigkeit von Rohstoffimporten. Wie wichtig das ist, sehen wir gerade in der aktuellen Marktentwicklung.

Das heißt, in einer Kreislaufwirtschaft gäbe es partout keinen Mangel an Rohstoffen?
Für viele Unternehmen ist das gerade ein großer Schock, ja. Da stehen Werke von Elektroherstellern aufgrund des Chipmangels leer und plötzlich fragen sich alle, wo ihre gebrauchten Geräte eigentlich sind. In denen gäbe es ja genug Chips, die jetzt händeringend gesucht werden.

Aber wenn die Kreislaufwirtschaft so viele Vorteile bietet, warum hat sich in den letzten Jahren fast nichts auf diesem Gebiet getan?
Das stimmt. Der Anteil recycelter Materialien in der Industrie liegt in Deutschland bei etwa zehn Prozent, da liegen wir seit zehn Jahren. Da tut sich herzlich wenig. Deutschland ist zwar Recycling-Weltmeister und hat die beste abfallwirtschaftliche Infrastruktur, aber beim Thema Kreislaufwirtschaft sind wir Durchschnitt.

Der Experte für Circular Economy ist Abteilungsleiter am Wuppertal Institut für Klima, Umwelt und Energie. 

Henning Wilts

Der Experte für Circular Economy ist Abteilungsleiter am Wuppertal Institut für Klima, Umwelt und Energie. 

Aber warum ist das so, wenn die Unternehmen bei den stark schwankenden Rohstoffpreisen sogar selbst ein Interesse daran haben müssten, das Ganze voranzutreiben?
Weil es sich unterschiedlich rechnet und die Dinge unterschiedlich komplex sind. Bei Kunststoff ist das mit vielen Zuschlagsstoffen und unterschiedlichsten Kombinationen deutlich schwieriger als zum Beispiel bei Altmetallen. Die Qualität bei so komplexen Produkten ist nicht so einfach nachweisbar. Und der Aufwand, diesen Nachweis zu erbringen, ist noch so hoch, dass er den Preisvorteil zunichtemacht.

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    Mangelnde Nachfrage ist also nicht das Problem?
    Nein, sicher nicht. Große Hersteller wie Coca-Cola wollen ihre Flaschen aus mindestens 50 Prozent recyceltem PET herstellen. Auch in der Autoindustrie ist die Nachfrage mittlerweile wahnsinnig hoch, weil recycelter Kunststoff deutlich weniger CO2-intensiv ist. Die EU-Kommission hat außerdem vor anderthalb Jahren Mindestanteile für den Einsatz von recyceltem Material ins Spiel gebracht. Seitdem setzen sich viele Unternehmen ernsthaft mit dem Thema auseinander.

    Also nimmt das Thema jetzt von ganz allein Fahrt auf?
    Das wird kein Selbstläufer. Es braucht die Politik. Die Unternehmen sollen Modelle, die jahrzehntelang gut funktioniert haben, über Bord werfen, aber haben keine Idee, unter welchen Vorgaben oder Rahmenbedingungen. Es gibt in Deutschland keine Kreislaufwirtschaftsstrategie. Wenn die Unternehmen ein klares Ziel vor Augen haben, können sie auch anfangen, ihre Prozesse umzustellen.

    Was muss dafür jetzt passieren?
    Es stand im Parteiprogramm aller Parteien. Es gibt vom BDI einen eigenen Arbeitskreis zum Thema, die chemische Industrie schreit nach Regulierungen in dem Bereich. Bisher ist es in Deutschland so, dass wir Programme für alles Mögliche haben, zur Abfallvermeidung, zum Ressourceneffizienzgewinn, zur Vermeidung von Lebensmittelverschwendung. Aber nirgends ist die Verantwortung für das Thema Kreislaufwirtschaft klar geregelt. Wir waren 20 Jahre lang Vorreiter in dem Bereich, das sehe ich zurzeit nicht.

    Droht Deutschland den Anschluss zu verlieren?
    Wenn wir jetzt nicht Gas geben, verlieren wir das Wettrennen tatsächlich, ja. Dann findet die Wertschöpfung nicht in Deutschland statt, sondern eben woanders.

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