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28.10.2021

04:04

Erderwärmung

Zehn Länder und noch mehr Probleme: Welche Staaten bis wann klimaneutral sein wollen

Von: Eva Fischer

Die kommende Weltklimakonferenz soll für die globale Wirtschaft zum Wendepunkt werden. Was die Industriestaaten planen.

Die 20 größten Industrienationen stoßen 80 Prozent der globalen Treibhausgase aus.

Stromerzeugung in Deutschland

Die 20 größten Industrienationen stoßen 80 Prozent der globalen Treibhausgase aus.

Brüssel EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen begann ihre Amtszeit mit nichts weniger als dem Vorsatz, die Welt zu verändern. Gerade einmal zwei Wochen im Amt, verkündete sie Ende 2019, die EU solle bis 2050 klimaneutral sein.

Das bedeutet, dass nicht mehr Treibhausgase ausgestoßen werden dürfen, als von Pflanzen, Böden und Gewässern gespeichert werden können – oder von zukünftigen Speichertechnologien. Damit einher geht eine Verschärfung des Zwischenziels für 2030: Mittlerweile ist es beschlossene Sache, dass diese Zielmarke von 40 auf 55 Prozent CO2-Reduktion im Vergleich zu 1990 angehoben wird.

Der Green Deal – so die Bezeichnung des Vorhabens – war auch eine Ansage an die internationale Gemeinschaft: Wir legen klimapolitisch vor, der Rest der Welt soll nachlegen.

Das Ziel: bei der Weltklimakonferenz in Glasgow, die an diesem Sonntag beginnt, wirklich die weltweite Klimawende einzuleiten, um einen für die Menschheit fatalen Klimawandel noch aufzuhalten. Die Kosten für den Umbau der europäischen Wirtschaft liegen bei über einer Billion Euro.

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    Mittlerweile haben zahlreiche Staaten ebenfalls angekündigt, bis 2050 klimaneutral sein zu wollen; andere erst ab 2060. Wiederum andere hadern noch mit konkreten Zielen.

    Lesen Sie hier eine Zusammenstellung der derzeitigen Klimaneutralitätspläne von wichtigen Industrienationen.

    USA

    Unter ihrem neuen Präsidenten Joe Biden kehrten die USA zurück zum Pariser Klimaabkommen, aus dem sie unter Donald Trump als einziges Land weltweit ausgetreten waren. Zudem verordnete Washington sich selbst auch eine ambitionierte Klimapolitik, und zwar Klimaneutralität bis 2050. Bis 2030 sollen die US-Emissionen im Vergleich zu 2005 mindestens halbiert werden. Damit wurde das Zwischenziel, das noch aus der Amtszeit Barack Obamas stammt, verdoppelt.

    Der Energiesektor soll schon ab 2035 dekarbonisiert sein. Konkret will die Biden-Regierung verstärkt auf Wasserkraft, Solarenergie und Geothermie setzen. Geothermie bedeutet, dass in der Erdkruste gespeicherte Wärme energetisch genutzt wird. Auch Wasserstoff und der Ausbau der Kernenergie sind Teil des Klimaplans.

    Des Weiteren kündigte Biden den Ausbau der Elektromobilität an: Eine halbe Million Ladestationen für E-Autos sollen entstehen, insgesamt sollen zwei Billionen Dollar in grüne Infrastrukturprojekte fließen. Ab 2030 soll die Hälfte der verkauften Fahrzeuge mit alternativen Antrieben fahren.

    Grafik

    Die USA wollen bei ihrem Klimaplan strategisch mit Kanada zusammenarbeiten, das sich ebenfalls zum Ziel gesetzt hat, bis 2050 klimaneutral zu sein.

    Für die Welt ist das ein wichtiges Zeichen: Die USA sind nach China das Land mit den zweithöchsten CO2-Emissionen.

    Der Pro-Kopf-Ausstoß der Amerikaner ist zudem um einiges höher als jener der Chinesen. Das heißt: Ohne die USA, die für 13 Prozent der weltweiten Emissionen verantwortlich sind, kann die Weltgemeinschaft keinen wirkungsvollen Klimaschutz betreiben.

    Die detaillierten Schritte für das US-Klimaziel sind jedoch unklar. Außerdem werden durch die Maßnahmen Jobs in herkömmlichen Industrien verloren gehen. Da die USA kein soziales Sicherheitsnetz haben, besteht hier die Gefahr, dass sich Biden doch nicht traut, so rigoros vorzugehen wie angekündigt.

    Auch ist es möglich, dass das Weiße Haus nach der nächsten Wahl wieder an die Republikaner geht und ein anderer Präsident alle Schritte wieder rückgängig macht.

    Ohne die USA, die für 13 Prozent der weltweiten Emissionen verantwortlich sind, kann die Weltgemeinschaft keinen wirkungsvollen Klimaschutz betreiben. imago images/NurPhoto

    Demo von Fridays for Future in Washington

    Ohne die USA, die für 13 Prozent der weltweiten Emissionen verantwortlich sind, kann die Weltgemeinschaft keinen wirkungsvollen Klimaschutz betreiben.


    China

    Das Land mit den höchsten Emissionen der Welt plant, bis 2060 kohlenstoffneutral zu wirtschaften. Weitere Treibhausgase, wie das noch klimaschädlichere Methan, berücksichtigt das Land in seinem Klimaplan jedoch nicht.

    Zudem werden die Emissionen des Landes zunächst weiter steigen – auch wegen eines immer höheren Kohleverbrauchs. Wann genau Peking seine Emissionen senken will, lässt die Staatsführung unkonkret. Sie erklärt lediglich, vor 2030 den Höhepunkt der Emissionen anzustreben und dann schrittweise zu verringern.

    Die Energiewende will China mit Wind, Wasser- und Solarkraft sowie mit Atomkraft bestreiten. Auch die Nutzung von Erdgas als Übergangstechnologie ist vorgesehen. Zudem gibt es noch viel Potenzial bei der Energieeffizienz, wenn China seine älteren Kraftwerke durch neuere ersetzt.

    Einfach wird Chinas Dekarbonisierung definitiv nicht: Der Anteil des besonders klimaschädlichen Kohlestroms am Energiemix liegt derzeit bei 60 Prozent. Der komplette Kohleausstieg ist erst ab 2050 vorgesehen. Nach wie vor baut China weltweit Kohlekraftwerke – und ist der mit Abstand größte Kohlekonsument.

    Das Land verfeuert fast viermal so viel Kohle wie Indien, der weltweit zweitgrößte Verbraucher. Da China erst einmal nicht vorhat, seine Emissionen zu reduzieren, muss es in einer deutlich kürzeren Zeitspanne den Weg vom Emissionshöchstwert zur CO2-Neutralität gehen als die westlichen Industrienationen, die schon seit einer langen Zeit dabei sind, Emissionen einzusparen.

    China ist der mit weitem Abstand weltweit größte Kohlekonsument. dpa

    Kohleverarbeitungsanlage in China

    China ist der mit weitem Abstand weltweit größte Kohlekonsument.

    Russland

    Russland ist der weltweit viertgrößte Emittent von Treibhausgasen und hat lange Klimapolitik für unnötig gehalten. Doch die zunehmend auftretenden Umweltprobleme haben mittlerweile auch den Kreml für den Klimawandel sensibilisiert. Mitte Oktober schloss sich Russland Chinas Klimaziel an: CO2-Neutralität bis 2060.

    Der genaue Fahrplan dafür ist allerdings unklar. In einem Anfang Juni 2021 verabschiedeten Gesetz zur Begrenzung der Treibhausgasemissionen stehen keine verbindlichen Reduktionsziele für einzelne Branchen. Genauso wenig gibt es Pläne, CO2-intensive Produkte zu besteuern. Es heißt lediglich: Die Bedeutung von Kohle und Gas solle abnehmen.

    Dennoch arbeitet Russland daran, eine Strategie für die Senkung der CO2-Emissionen zu erarbeiten. Potenzial sieht das Land beim Aufbau einer Wasserstoffwirtschaft sowie bei der Windkraft und bei der E-Mobilität, da Russland über viele dafür notwendige Rohstoffe verfügt. Zudem ist der Aufbau eines nationalen Emissionshandelssystems ab April 2022 vorgesehen. Der Grund dafür ist die EU und ihre geplante CO2-Grenzsteuer. Mit einem Emissionshandelssystem wäre Russland von einem Klimazoll an der europäischen Grenze befreit.

    Wegen der Klimapolitik der EU will Russland ab 2022 ein Emissionshandelssystem einführen. dpa

    Waldbrände in Russland

    Wegen der Klimapolitik der EU will Russland ab 2022 ein Emissionshandelssystem einführen.


    Japan

    Der Inselstaat ist der fünftgrößte Treibhausgasemittent der Welt und orientiert sich bei seinem Klimaziel an der EU und den USA: Klimaneutralität bis 2050. Japan strebt dabei genau wie die EU eine weltweite Führungsrolle bei kohlenstofffreien Technologien an.

    Dafür will das Land Erneuerbare stark ausbauen, und Atomkraft soll wieder eine der Hauptenergiequellen werden. Auch Wasserstoff ist ein zentrales Element der grünen Wende.

    Derzeit ist Japan stark von fossilen Brennstoffen abhängig: Mehr als drei Viertel seiner Energie basieren auf Gas und Kohle. Eine komplette Abkehr von fossilen Brennstoffen plant das Land aber nicht. Stattdessen setzt es auf Kohlenstoffspeicherung und -recycling.

    Dabei wird das bei der Energieerzeugung entstehende CO2 abgespalten und entweder gespeichert oder weiterverwertet – zum Beispiel für die Herstellung von Baustoffen und Chemikalien. Diese Techniken sind jedoch nicht marktreif. Kritiker bemängeln, dass man nicht wisse, ob sie es jemals werden, und man deswegen keine Klimapläne darauf ausrichten sollte.

    Zudem setzt Japan darauf, dass durch die Digitalisierung insgesamt weniger Energie benötigt wird. Der Verbrennungsmotor soll in 15 Jahren verboten werden.

    Für den klimaneutralen Umbau der Wirtschaft veranschlagt die japanische Regierung Kosten von umgerechnet 1,5 Billionen Euro. Das entspricht etwa dem, womit auch die EU für sich kalkuliert.

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    Südkorea

    Auch Südkorea setzt auf Klimaneutralität bis 2050 – hat dabei aber einen deutlich schwierigeren Weg vor sich als Japan. Der Anteil der Erneuerbaren am Strommix liegt in dem nordostasiatischen Land im einstelligen Prozentbereich. Ein Viertel macht der Atomstrom aus. Den Großteil seines Energiebedarfs deckt das Land mit dem Verfeuern von Kohle.

    Um sein Klimaziel dennoch zu erreichen, will das Land die Erneuerbaren ausbauen, den Atomausstieg verschieben, den Kohleverbrauch verringern und CO2-Emissionen kompensieren, unter anderem durch Speichertechnologien. Digitalisierung und Umweltschutz sollen an Bedeutung gewinnen, sodass die Wirtschaft weniger CO2-intensiv arbeiten muss.

    Ein großes Problem ist jedoch, dass führende Unternehmen aus Informationstechnik und Autoindustrie bislang nicht hinter den Plänen der Regierung stehen und das Ziel der Klimaneutralität nicht in ihre Geschäftspläne miteinbeziehen.

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    Saudi-Arabien

    Der weltweit größte Erdölproduzent will bis 2030 50 Prozent seines Strombedarfs aus erneuerbaren Energien decken. Die Schlüsseltechnologie ist dabei die Solarenergie, ein kleinerer Teil soll durch Wind erzeugt werden. Bis 2060 will Riad dann klimaneutral wirtschaften. Das Öl soll dennoch weiterhin fließen.

    Saudi-Arabien hofft wie alle anderen Länder, die das Verfeuern fossiler Brennstoffe nicht aufgeben können, auf die dauerhafte Speicherung von CO2 in der Erde oder seine Wiederverwertung. Als weitere CO2-Ausstoß-Kompensationsmaßnahme will das Königreich zehn Milliarden Bäume pflanzen.

    Den ersten Schritt zur Umsetzung der Klimaschutzmaßnahmen lässt sich das Land umgerechnet 160 Milliarden Euro kosten.

    Ob Saudi-Arabien tatsächlich konsequent den Weg zu einem klimafreundlichen Land beschreitet, ist dennoch zweifelhaft. Nicht nur, weil es nach wie vor auf fossile Brennstoffe setzt, sondern auch, weil es sich schon in der Vergangenheit nicht an seine Ankündigungen zum Ausbau der Erneuerbaren gehalten hat. Außerdem ist Saudi-Arabien – wie alle Golfstaaten – ein Land der Autofahrer. Öffentlichen Nahverkehr gibt es quasi nicht.

    Vereinigte Arabische Emirate

    In Dubai, Abu Dhabi und Co. wollen die Herrscher schon zehn Jahre früher als Saudi-Arabien klimaneutral sein – also bereits 2050. Neben Sonnenenergie setzen die Emirate bei ihrem Energiemix vor allem auf Kernenergie. Vier Reaktoren sollen ein Viertel des Strombedarfs decken. Investitionen in Höhe von 163 Milliarden Dollar sind für den grünen Umbau vorgesehen.

    Ansonsten sind die Pläne ähnlich jenen Saudi-Arabiens: Die Ölförderung bleibt weiter von Bedeutung, man hofft auf die technische Entwicklung.

    Die Ölförderung bleibt für die Golfstaaten weiterhin von Bedeutung. picture alliance / Jürgen Schwen

    Stromtrassen in der Wüste Dubai

    Die Ölförderung bleibt für die Golfstaaten weiterhin von Bedeutung.



    Australien und Brasilien

    Die Regierung in Canberra hatte sich lange geweigert, ein konkretes Klimaziel zu nennen. An diesem Dienstag kündigte der australische Premierminister Scott Morrison an, ebenfalls Klimaneutralität bis 2050 anzustreben. Mehr Details nannte er aber nicht.

    Genauso sieht das bei Brasilien aus: Präsident Jair Bolsonaro erklärte bei einem virtuellen Klimagipfel, den US-Präsident Joe Biden im April initiiert hatte, bis 2050 klimaneutral sein zu wollen. Konkrete Pläne hat das Land bislang aber nicht bekannt gegeben.


    Indien

    Neu-Delhi hat sich bislang kein konkretes Klimaziel entlocken lassen. Trotz massiver Investitionen in erneuerbare Energien hängt das Land mit seinem enormen Energiebedarf stark von der Kohle ab und fürchtet um sein wirtschaftliches Wachstum.

    Ebenso wie Kontrahent China will Indien seine Emissionen noch weiter erhöhen und frühestens ab 2030 senken.

    Innerhalb der G20-Staaten ist Indien das Land mit dem niedrigsten Pro-Kopf-Einkommen. Dementsprechend niedrig ist auch das Wohlstandsniveau, was sich in geringen Pro-Kopf-Emissionen zeigt. Indien ist deshalb derzeit wenig gewillt, den wohlhabenden Industrienationen gegenüber Klimaschutzzusagen zu machen – und wird auf der Weltklimakonferenz wohl auf stärkere Finanzhilfen des Westens pochen.

    Indien fürchtet beim Ziel der Klimaneutralität um sein wirtschaftliches Wachstum. dpa

    Smog in Neu Delhi

    Indien fürchtet beim Ziel der Klimaneutralität um sein wirtschaftliches Wachstum.

    Mittlerweile haben 50 Länder bei den Vereinten Nationen angegeben, bis 2050 klimaneutral sein zu wollen. Davon gehören zwölf Länder zu den G20. Die 20 größten Industrienationen stoßen 80 Prozent der globalen Treibhausgase aus.

    Insgesamt haben 120 Länder für die Weltklimakonferenz neue Klimapläne eingereicht. Die vorgestellten Maßnahmen reichen allerdings immer noch nicht aus, die globale Erwärmung auf 1,5 Grad im Vergleich zur vorindustriellen Zeit zu begrenzen. Tatsächlich würde es so zu einem globalen Temperaturanstieg um 2,7 Grad bis zum Ende dieses Jahrhunderts kommen, wie die UN am Dienstag meldete.

    Klimaforscher gehen davon aus, dass der irreversible Kipppunkt des Weltklimas irgendwo zwischen 1,5 und 2,0 Grad liegt, tendenziell aber eher bei 1,5 Grad. Die globale Erwärmung liegt derzeit bereits bei 1,2 Grad. Vor vier Jahren waren es noch 1,0 Grad.

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