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16.07.2022

14:42

Fair Fashion

Skandale um Fynn Kliemann und Got Bag bringen nachhaltige Modehändler in Erklärungsnot

Von: Luisa Bomke

Die Fair-Fashion-Industrie steht nach Greenwashing-Vorwürfen unter Druck. Das Vertrauen ihrer Kunden will sie nun durch mehr Transparenz zurückgewinnen.

Got Bag dpa

Messestand von Got Bag

Das Unternehmen soll es mit den Angaben zum im Rucksack verarbeiteten recycelten Plastik nicht so genau genommen haben.

Düsseldorf Für die Rucksackmarke Got Bag ist der Schaden groß: Nachdem sie falsche Angaben zum Anteil des recycelten Plastiks in ihren Taschen und Rucksäcken gemacht hat, hat sie nicht nur an Glaubwürdigkeit eingebüßt. Zahlreiche Shops haben die Produkte sogar aus dem Sortiment genommen.

Doch die Auswirkungen gehen weit über das Unternehmen hinaus. Der Greenwashing-Vorwurf gegen Got Bag und der Skandal um Influencer Fynn Kliemann, der vorgeblich faire Masken nicht in Portugal, sondern in Bangladesch herstellen ließ, bringen die gesamte nachhaltige Modebranche in Erklärungsnot. Mimi Sewalski, Geschäftsführerin des nachhaltigen Online-Marktplatzes Avocado Store, sagt: „In der Zielgruppe war das Vertrauen sofort weg.“

Gerade bei nachhaltigen Unternehmen werde noch stärker geprüft, ob die Versprechen, die die Unternehmen geben, auch eingehalten werden. Das läge an der großen Emotionalität, die das Thema hat, so Sewalski. Der Ruf nach noch mehr Transparenz sei jetzt lauter geworden.

Got-Bag-Gründer Benjamin Mandos kann die Vorwürfe auch vier Wochen nach der Veröffentlichung der Recherchen der Wochenzeitung „Die Zeit“ nicht richtig verstehen. Er sagt: „Für uns war es schwer nachvollziehbar, warum die Kritik so scharf war.“ Zwar sei ihm bewusst, dass das Projekt allein „nicht die Welt und das Meer“ rettet, aber es habe dennoch einen Effekt.

Das Mainzer Unternehmen Got Bag hat sich einen Namen mit Rücksäcken und Taschen gemacht, die aus Plastik – aus den Weltmeeren entfernt – produziert werden. Damit soll das Unternehmen laut Forbes einen zweistelligen Millionenumsatz pro Jahr gemacht haben.

Nachhaltigkeit: Zentraler Faktor bei Kaufentscheidung

Auf der Webseite wirbt Got Bag: „Wie wir aus Müll einen Schatz machen – Mehr als nur ein Rucksack.“ Doch gerade mit den Angaben zum im Rucksack verarbeiteten recycelten Plastik soll es das Unternehmen nicht so genau genommen haben.

So habe Got Bag in einem Influencer-Briefing und Instagram-Post damit geworben, dass die Rucksäcke aus „100 Prozent recyceltem Meeresplastik“ bestünden. Dem ist aber nicht so. Das weiß auch der Got-Bag-Gründer: „Wir haben bereits 2019 die Kommunikation umgestellt und seitdem haben wir nicht mehr mit 100 Prozent geworben.“ Nur vereinzelt sei vergessen worden, die Angaben zu ändern.

Die Vorwürfe haben Got Bag schwer getroffen. Kooperationspartner wie Influencerin Louisa Dellert haben die Zusammenarbeit direkt beendet und zahlreiche Shops nahmen die Rucksäcke aus dem Sortiment.

Auch Mimi Sewalski hat die Produkte von Got Bag aus dem Sortiment genommen. Sie plant jedoch, ausgewählte Artikel wieder in das Sortiment des Avocado Stores aufzunehmen, sobald die Vorwürfe geklärt sind. Sie befindet sich in direktem Austausch mit Mandos. „Es sind nach wie vor nachhaltige Produkte und eine nachhaltigere Alternative zu den herkömmlichen Angeboten im Markt“, so Sewalski.  

Jetzt will Got Bag mit einer verbesserten Kommunikation, mehr Transparenz und der stärkeren Überprüfung der Materialien für neues Vertrauen sorgen. Mandos steht mit Louisa Dellert in Kontakt, es soll eine gemeinsame Reise nach Indonesien geplant werden. Dort sammeln Fischer das Plastik zur Produktion der Rucksäcke als Beifang.

Bei dem Geschäft geht es mittlerweile nicht mehr um eine Nische. In Deutschland macht die Textil- und Modeindustrie rund 28 Milliarden Euro Umsatz pro Jahr. Aus einer Umfrage der Unternehmensberatung McKinsey geht hervor: Für mehr als 60 Prozent der Verbraucher ist die Nachhaltigkeitsbilanz einer Marke ein wichtiger Faktor bei der Kaufentscheidung.

Wie viel Umsatz die Fair-Fashion-Industrie bereits jetzt macht, kann nicht genau aufgeschlüsselt werden, doch bei einem guten Fünftel der befragten Unternehmen beträgt der Umsatzanteil mit nachhaltigen Produkten bereits über 50 Prozent.

Die Gefahr des dauerhaften Vertrauensverlustes

Moritz Marker vom nachhaltigen Onlineshop Loveco sieht die aktuellen Vorgänge kritisch: „Durch solche Skandale besteht die Gefahr, dass es zu einem generellen Vertrauensverlust in der Branche kommt.“ Vor allem die Vorwürfe gegen Got Bag hätten für kritische Nachfragen von Kundenseite geführt.

Marker will jetzt beim Einkauf der Produkte für seinen eigenen Store vermehrt darauf achten, wie sich die Marken kommunikativ präsentieren. Auch Loveco selbst hat die Vorwürfe als Anlass genommen, die eigene Kommunikation zu professionalisieren.

Schon zuvor haben Shops wie Loveco und der Avocado Store bei der Prüfung ihrer Lieferanten und Kommunikationspartner nicht nur auf die Produktangaben und Nachhaltigkeitssiegel geachtet, sondern auf das ganzheitliche Auftreten der Unternehmen. Marker überprüft zum Beispiel, ob die Unternehmen Ökostrom nutzen oder ob sie bei einer nachhaltigen Bank sind. Das könne oft „ein Hinweis darauf sein, wie ernst es den Unternehmen ist“.

Der Experte vom Onlineshop Loveco warnt, dass es durch Skandale zu einem breiten Vertrauensverlust in die Branche kommen kann. Loveco

Moritz Marker

Der Experte vom Onlineshop Loveco warnt, dass es durch Skandale zu einem breiten Vertrauensverlust in die Branche kommen kann.

Mimi Sewalksi betont, dass langfristig mehr als Transparenz von Unternehmensseite notwendig ist, um das Vertrauen in die Fair-Fashion-Branche zu stabilisieren. Gerade weil Greenwashing-Vorwürfe immer wieder für Schlagzeilen sorgen. Sie fordert auch Eigenverantwortung von den Kunden: „Ich weiß, ich bin ein bisschen naiv, aber ich würde mir wünschen, dass wir alle lernen, besser zu hinterfragen und wirklich genauer hinzugucken.“

Mit Zertifikaten und Datenbanken gegen Greenwashing

Das Problem, dass die Nachhaltigkeit von Produkten durch die komplexen Liefer- und Produktionsketten schwer zu prüfen ist, könnte das niederländische Start-up Impactbytes lösen. Co-Gründerin Noor Veenhoven will zusammen mit ihren Geschäftspartnerinnen die Produktdetails für Geschäfte und Online-Marktplätze in ihrer Datenbank sammeln. Die intelligente Datenplattform schafft laut eigenen Angaben einen einfachen Zugang zu den Nachhaltigkeitsnachweisen von zehntausenden Produkten.

Gründerin Noor Veenhoven sagt: „Für die Kunden ist es eine große Erleichterung, wenn die Daten öffentlich einsehbar sind. Das nimmt die Unsicherheit bei der Kaufentscheidung.“ Dazu will Impactbytes einen Anteil leisten und die Vergleichbarkeit vereinfachen.

Derzeit arbeitet das Start-up mit 200 auf Nachhaltigkeit fokussierten Onlineshops und -Marktplätzen zusammen. Impactbytes sammelt alle Daten der Unternehmen zu ihren Produkten, frei zugängliche Hinweise und Informationen zu den verwendeten Materialien, Zertifizierungen und Angaben zum Ressourcenverbrauch.

Überprüft werden die Angaben durch Produktproben im eigenen Store und durch Bildnachweise der Produktion und Materialien. Derzeit befindet sich das Unternehmen auf der Suche nach Investoren für die erste Finanzierungsrunde, um ein Netz aus Informationen zu schaffen, das Fehler ausschließt.

Auch wenn Start-ups wie Impactbytes einen Beitrag zur Transparenz und Vergleichbarkeit leisten, wünscht sich die deutsche Branche eine rechtlich geschützte einheitliche Zertifizierung von nachhaltiger Mode. Moritz Marker sagt: „Das würde am meisten Vertrauen schaffen und Greenwashing reduzieren.“

Im Grunde sei jedoch jeder Greenwashing-Fall, der bekannt werde, gut. So würden „schwarze Schafe“ ausgesiebt. „Im Augenblick ist da ein Sammelsurium an Akteuren“, so Marker, „die versuchen, den Trend auszunutzen.“
Mehr: EU-Kommission will Nachhaltigkeitsregeln für alle Produkte auf dem Markt

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