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19.01.2021

04:00

Serie Klimapioniere

Florida Eis: Wie das klimaneutrale Eis aus Berlin zum Verkaufshit wurde

Von: Kathrin Witsch

Die Produktion von Speiseeis ist aufgrund der Kühlung besonders energieintensiv. Gründer Olaf Höhn ist es trotzdem gelungen, sein Eis CO2-neutral zu machen.

Das Unternehmen produziert seine Eiscreme schon seit über sieben Jahren klimaneutral.  Florida Eis

Produktion bei Florida Eis in Berlin

Das Unternehmen produziert seine Eiscreme schon seit über sieben Jahren klimaneutral. 

Berlin An das Idealbild des umweltbewussten Unternehmers reicht Olaf Höhn ziemlich nah heran. Der 71-Jährige kommt aus dem Strahlen gar nicht mehr raus, wenn er erzählt, was er alles in den vergangenen zehn Jahren getan hat, um seine Firma Florida Eis zur ersten klimaneutralen Eisproduktion Deutschlands zu machen. 

Vom elektrobetriebenen Transportbus über die Solarthermie-Anlage auf dem Dach bis hin zum künstlichen Permafrostboden in der Kühlhalle: Seit 2013 ist jedes Gramm Eis, das in der 4000 Quadratmeter großen Fabrik in Spandau vom Band läuft, offiziell CO2-frei.

„Viele meiner Freunde sind längst in Rente, aber ich habe noch so viele Ideen“, sagt der studierte Ingenieur, während er vor einem Schredder steht, aus dem schmale, braune Streifen auf einen Haufen bereits klein gehäckselter Pappe fallen. „Damit wollen wir Schritt für Schritt das Styropor in unseren Verpackungen ersetzen“, erklärt Höhn.

Mittlerweile läuft es für den kleinen Mittelständler so gut, dass er sich selbst im Winter vor Bestellungen kaum retten kann. Während Florida Eis am Anfang nur einigen Berlinern ein Begriff gewesen sein dürfte, gibt es die umweltbewusste Nascherei mittlerweile in immer mehr Regionen und Supermärkten in ganz Deutschland.

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    Die Produktion und Lagerung von Speiseeis, von dem 2019 in Deutschland laut Angaben des Bundesverbandes der Deutschen Süßwarenindustrie (BDSI) immerhin 557 Liter konsumiert wurden, ist aufgrund der notwendigen Minusgrade allerdings auch besonders energieintensiv. Auf die Kühlung entfallen hierzulande insgesamt fast sieben Prozent des Primärenergieverbrauchs, wie eine Studie des Maschinenbau-Verbands VDMA aus dem vergangenen Jahr zeigt.

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    Zwar werden heutzutage 83 Prozent der Anwendungen für die Kälteerzeugung bereits mit Strom betrieben. Bei einem Anteil der erneuerbaren Energien von 46 Prozent am Bruttostromverbrauch ist es aber noch ein weiter Weg zur nachhaltigen Eiskugel.

    Bei Olaf Höhn ist das anders. Mit vielen Ideen hat er es geschafft, seine Eisproduktion schon vor Jahren so umzubauen, dass sie kein CO2 verursacht. Die Solaranlage auf dem Dach der hellblauen Fabrik hat bis heute immerhin schon über 600.000 Kilogramm CO2 eingespart. „Der Rest Grünstrom wird von außen zugekauft“, erklärt er. 

    Eine Solarthermie-Anlage erzeugt warmes Wasser, aus dem eine sogenannte Adsorptionskältemaschine wiederum kaltes Wasser zur Kühlung der Eismaschinen und für die Klimatisierung macht. 

    Umsatz seit 2013 verfünffacht

    Besonders stolz ist der Maschinenbauingenieur auf den Boden in seiner kleinen Fabrik oder besser gesagt auf das, was darunter ist: Glasschaumschotter. Das ist ein Recyclingprodukt aus nicht wiederverwertbarem Altglas. Es dient als Isolierung und schafft so einen künstlichen Permafrostboden, der die elektrische Bodenheizung unter der Tiefkühlzelle ersetzt, erklärt Höhn, während er in dem Minus 25 Grad kalten Lager stolz auf den grauen Boden unter sich zeigt. 

    „Das war eine große Entscheidung, denn ich wusste, wenn der Boden reißt, muss die ganze Zelle rausgerissen und ersetzt werden“, sagt Höhn. „Bei neuen Technologien ist eben immer auch ein Risiko dabei.“

    Ein Risiko, das der Gründer vor mehr als neun Jahren eingegangen ist und das sich gelohnt hat. 2015 wurde Florida Eis vom Bundesumweltministerium für sein Engagement für den Klimaschutz ausgezeichnet. Das Unternehmen zeige, dass Klimaschutz nicht nur eine ethische Verpflichtung, sondern auch ein ökonomischer Vorteil sei, begründete die damalige Ministerin Barbara Hendricks (SPD) die Ehrung.

    Mehr als sieben Millionen Euro hat Höhn in den Umbau der Hauptstadt-Manufaktur gesteckt. Vor dem Umzug des Betriebs in die neue Halle am Zeppelinpark hatte Höhn nur eine kleine Produktion für seine zwei Eiscafés und eine Stromrechnung von 10.000 Euro. Während die Fabrik von 600 auf 4000 Quadratmeter gewachsen ist, ist der Energieverbrauch nahezu gleich geblieben.

    Der 71-Jährige hat das Unternehmen Florida Eis in den 1980er-Jahren eigentlich nur gekauft, um selbst Eis für seine Cafés herzustellen.  Florida Eis

    Olaf Höhn

    Der 71-Jährige hat das Unternehmen Florida Eis in den 1980er-Jahren eigentlich nur gekauft, um selbst Eis für seine Cafés herzustellen. 

    „In der Regel machen die Energiekosten circa zehn Prozent der Kosten aus. Bei uns sind es gerade mal 2,5 bis drei Prozent“, erzählt Höhn stolz. 

    Seit 2013 hat sich der Umsatz verfünffacht, 2019 schrieb Florida Eis bei zwölf Millionen Euro Umsatz zum ersten Mal schwarze Zahlen. 2021 rechnet Höhn mit einem Umsatz von 15 Millionen. „Im Moment können wir uns vor Nachfrage kaum retten“, freut sich der Unternehmer. Die Pandemie habe das Bewusstsein der Menschen verändert: „Seit Corona haben sich die Zahlen noch mal verdoppelt.

    Aktuell stehen deswegen 36 Arbeiter in der Produktion und befüllen jede Packung von Hand – Kugel für Kugel. In der länglichen Halle reiht sich eine Eismaschine an die nächste, eine Maschine pro Sorte. Und dann werden die frischen Mandarinen-Stückchen mit einer kleinen Schaufel in die helle Eismasse geschüttet. Sogar die Schokoladen-Chips für die Sorte Cookie, einer der Bestseller, werden von Hand eingestreut.

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    Neben der Klimaneutralität ist Höhn auf die handwerkliche Eisproduktion besonders stolz: „Wir machen Eis noch wie vor 90 Jahren“. Unendlich zu wachsen ist für ihn deswegen auch keine Option. Ein bisschen mehr geht aber schon noch.

    Im Sommer laufen die Maschinen Tag und Nacht. Dann gehen pro Tag bis zu 36.000 Eispackungen vom Fließband. Insgesamt kommt der kleine Mittelständler so immerhin auf mehr als sechs Millionen Packungen pro Jahr, die an 2500 Supermärkte und Privatkunden ausgeliefert werden.

    Wirklich klimaneutral ist Florida Eis aber nur in den eigenen vier Wänden. Sobald das Eis das Fabrikgelände verlässt, ist noch lange nicht alles grün. Aber auch daran will Höhn in den nächsten Jahren noch arbeiten.

    „Ich bin vom Saulus zum Paulus geworden“

    2021 sollen erst einmal neue Elektro-Kühlwagen die bisherige Diesel-Flotte verkleinern. Die Eisbecher sollen bald nicht mehr aus Kunststoff, sondern aus Naturpapier sein. Und der Bau einer zweiten CO2-freien Fabrik ist schon in Planung.

    Dabei wäre Höhn wahrscheinlich der Letzte gewesen, der gedacht hätte, dass er sich selbst  mal als Umwelt-Fan bezeichnen würde. Eher das Gegenteil. „Ich bin wirklich vom Saulus zum Paulus geworden“, gibt Höhn zu.

    Die meiste Zeit seines Lebens flog er überall hin, wo er nur konnte, fuhr die PS-stärksten Verbrenner und verschwendete keinen Gedanken ans Klima. „Ich konnte gar nicht genug CO2 ausstoßen“, sagt er. Erst sein Sohn, damals noch Geologie-Student, habe ihm vor elf Jahren die Augen über die Folgen der Erderhitzung geöffnet. 

    Heute gilt Florida Eis, das Höhn 1985 vom Vorbesitzer übernahm, als Vorzeigebetrieb in Sachen Klimaneutralität. Der schmutzige Oldtimer steht jetzt in der Garage. Stattdessen fährt Höhn einen Elektro-​Mercedes, von dem es nur wenige gibt und der aus einer Zeit stammt, in der Daimler noch mit dem E-Autopionier Tesla kooperierte. Ein sprichwörtlicher Vorreiter, so wie Höhn selbst. 

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    Der Gründer weiß, wie man Geschichten am besten erzählt, und seine eigene kann er besonders gut verkaufen. Aber er will zeigen, dass Klimaneutralität kein ferner Traum ist, sondern wirklich machbar. „Überzeugungstäter muss man aber schon sein“, sinniert er. Ohne die finanzielle Unterstützung Dritter hätte er den Traum von der CO2-freien Eisfabrik sicherlich nicht verwirklichen können, gibt er zu.

    „Ich glaube auch nicht, dass wir so weit kommen, wie wir gerne wollen und auch müssten für das Klima“, sagt Höhn etwas resigniert. Auch, wenn die Menschen mittlerweile durchaus bewusster mit dem Thema umgingen.

    Von seinem Ziel einer durch und durch klimaneutralen Eisproduktion will er sich trotzdem nicht abbringen lassen: „Auf meinem Grabstein soll am Ende zumindest stehen: Er hat es versucht.“ Und bis dahin verschwendet der umweltbegeisterte Tüftler so schnell mit Sicherheit keinen Gedanken an die Rente. 

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