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13.04.2021

03:53

Serie Klimapioniere

Kein Unternehmen hat so ambitionierte Klimaziele wie Microsoft

Von: Christof Kerkmann

Microsoft will alle CO2-Emissionen seit der Gründung wieder aus der Atmosphäre entfernen. Dabei hofft der Konzern auch auf Technologien, die noch nicht ausgereift sind.

Das Experiment sollte zeigen, dass die Technik in 35 Meter Tiefe zuverlässig funktioniert und gleichzeitig das Wasser die Kühlung der Prozessoren übernehmen kann. Microsoft

Rechenzentrum unter Wasser

Das Experiment sollte zeigen, dass die Technik in 35 Meter Tiefe zuverlässig funktioniert und gleichzeitig das Wasser die Kühlung der Prozessoren übernehmen kann.

Düsseldorf Im Herbst 2020 zogen Seeleute mit einem Spezialschiff einen Metallbehälter aus den Wellen der Nordsee, nicht weit vor der Küste der Orkneyinseln. Was von außen wie ein schmutziger Öltank aussah, enthielt ein voll funktionstüchtiges Rechenzentrum mit 864 Servern. Der IT-Konzern Microsoft hatte das Konstrukt zwei Jahre zuvor versenken lassen – unter den Algen und Seepocken schimmerte sein buntes Logo durch.

Das Experiment sollte zeigen, dass die Technik in 35 Meter Tiefe zuverlässig funktioniert und gleichzeitig das Wasser die Kühlung der Prozessoren übernehmen kann. Mit Erfolg, wie sich nach der Bergung zeigte: Die Ausfallrate im Meer war niedriger als an Land, ebenso der Stromverbrauch. Die Erkenntnisse will der Konzern nun in seine Nachhaltigkeitsstrategie einfließen lassen.

Für Lucas Joppa ist das Rechenzentrum unter Wasser eine Bestätigung. Er ist der erste Chief Environmental Officer von Microsoft, und er hat eine ambitionierte Strategie entwickelt: Der IT-Konzern will den Ausstoß von Klimagasen auf null senken und ab 2030 wieder Kohlendioxid aus der Atmosphäre entfernen.

Bis Mitte des Jahrhunderts soll das gesamte Klimagas, das seit der Gründung 1975 ausgestoßen wurde, wieder verschwunden sein – inklusive der Emissionen, die bei Zulieferern und Kunden entstehen.

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    Dabei will der Nachhaltigkeitschef alle 168.000 Mitarbeiter zum Handeln bewegen. „Mein Team gibt die Strategie vor, dann macht sich jeder Gedanken darüber, wie wir die Ziele erreichen.“ Das kann bedeuten, dass in Rechenzentren erneuerbare Energien zum Einsatz kommen oder die Heizung auf dem neuen Campus in Redmond Erdwärme nutzt. Oder eben eines Tages Server auf dem Boden des Ozeans laufen.

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    Etliche Technologieanbieter wollen den Ausstoß von Klimagasen auf null senken, doch wohl keiner steckt sich so hohe Ziele wie Microsoft. Der Softwarehersteller plant einerseits beträchtliche Investitionen in Nachhaltigkeit, andererseits will er das eigene Geschäft massiv verändern, etwa mit einer internen CO2-Steuer. „Wir sind groß genug, wir sind ambitioniert genug, uns ist das Thema wichtig“, sagt Joppa. Das Projekt ist daher ein Vorbild dafür, wie die Wirtschaft gegen den Klimawandel kämpfen kann – und welche Schwierigkeiten das mit sich bringt.

    Lucas Joppa ist nicht der typische Microsoftee: Er studierte Ökologie und promovierte über die Auswirkungen von Reservaten auf die Artenvielfalt. In einem großen Unternehmen wollte er nach dem Abschluss an der Universität zunächst nicht arbeiten. Im Nachhinein sieht er darin jedoch eine Wette, „die sich um ein Vielfaches ausgezahlt hat“. Seit zwei Jahren kann er als Nachhaltigkeitschef einen Konzern von innen verändern.

    Große Überzeugungsarbeit beim Management habe er nicht leisten müssen – „das hat die Welt getan“, sagt er. Wohl aber Übersetzungsarbeit: „Es kam darauf an, das Thema Klimawandel in die Sprache von Microsoft zu übersetzen. Wir sind eine Technologiefirma, wir sprechen die Sprache der Wissenschaft.“ Also argumentierte er mit den hydrothermischen Gesetzen und Modellrechnungen für die Erderwärmung.

    Der Softwarehersteller will nicht nur klimaneutral, sondern klimanegativ werden.  Microsoft

    Microsoft

    Der Softwarehersteller will nicht nur klimaneutral, sondern klimanegativ werden. 

    „Dann sind wir von der Gleichung auf dem Whiteboard ausgegangen und haben uns gefragt: Was tun wir dagegen?“ Wie die Antwort lautet, hat Joppa mit seinem Team im ersten „Environmental Sustainability Report“ dokumentiert, der am Jahresanfang erschienen ist. Emissionen, Wasser, Müll und Ökosysteme, jeweils aufgeteilt nach Zielen, Umsetzung, Erkenntnissen und nächsten Schritten. 

    Experten loben dieses Vorgehen: So will das Management bei den internen Prozessen bis 2025 eine neutrale Klimabilanz erreichen. Eine interne CO2-Steuer soll die Mitarbeiter dazu bewegen, weniger zu fliegen, mehr virtuelle Events zu veranstalten oder bei Rechenzentren den Energieverbrauch möglichst niedrig zu halten. Zudem ist ein Teil der Kompensation nun an die Emissionen gekoppelt. Bereits jetzt nutzt der Konzern zu 100 Prozent Grünstrom.

    Auch Zulieferer werden mit eingebunden

    Ein Großteil der Emissionen entsteht indes nicht bei Microsoft selbst. Der Konzern bindet daher seine Zulieferer in das Regelwerk ein: Ein neuer Verhaltenskodex verpflichtet sie, ihre Emissionen offenzulegen, zudem gilt für ihr Produkt ein – wenn auch reduzierter – CO2-Preis. „Im Grunde sind alle unsere Beschaffungsentscheidungen mit einem CO2-Preis verbunden“, sagt Joppa.

    Zudem fördert Microsoft mit dem „Climate Innovation Fund“ Projekte, die Emissionen senken oder CO2 aus der Atmosphäre entfernen. Eine Milliarde Dollar steht über einen Zeitraum von vier Jahren zur Verfügung.

    Die Senkung der Emissionen allein, so warnt der Weltklimarat IPCC, reicht jedoch nicht aus, um einen gefährlichen Temperaturanstieg zu verhindern. Dafür braucht es die Entfernung von CO2 aus der Atmosphäre, ob durch die Aufforstung von Wäldern oder neue Technologien zur Bindung des Gases aus der Luft. Microsoft will dazu beitragen, dafür einen Markt zu schaffen – und so den Ausstoß während der gesamten Unternehmensgeschichte vergessen machen.

    2020 schloss der Konzern Verträge ab, um 1,3 Millionen Tonnen CO2 zu entfernen – etwa durch die Aufforstung von Wäldern in Peru, Nicaragua und Indien, durch die Verbesserung der Bodenqualität in den USA und Australien, aber auch durch neue Technologien wie „Direct Air Capture“, die der Luft Kohldioxid entziehen.

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    Die Resultate sind indes ernüchternd. So waren bislang nur begrenzt Kapazitäten zur CO2-Reduktion verfügbar – Microsoft kaufte sie fast vollständig auf. Der Markt ist also noch am Anfang. „Bis 2030 sollte unsere Nachfrage als Gesamtanteil am Markt für Carbon Removal nur ein kleiner Tropfen in einem Schwimmbecken sein“, sagt Joppa.

    Die Filterung der Luft wiederum funktioniert noch nicht im großen Maßstab, da die Technologie noch nicht ausgereift ist. „Das ist die Ironie an Kohlendioxid“, sagt Joppa. „Ein Anteil von 417 pro Million in der Atmosphäre ist katastrophal hoch, wenn man ein stabiles Klima bewahren will, aber katastrophal tief, wenn man das Gas finden und entfernen will.“

    Die Entwicklung verläuft nicht ohne Widersprüche

    Kann die Menschheit es schaffen, die Natur zu nutzen und die Technik zu entwickeln, um ausreichend Kohlendioxid aus der Atmosphäre zu holen? Und Mechanismen einführen, um den Effekt zu messen und zu überwachen? „Ich hoffe doch“, sagt Joppa. „Alles, was wir versuchen, ist möglich – wenn sich die Welt dafür entscheidet.“

    Für Microsoft, so betont Joppa, lohne sich die Investition. Schon, um eine lebenswerte Welt zu bewahren, aber auch geschäftlich. „Ich bin der festen Überzeugung, dass umfangreiche klima- und nachhaltigkeitsbezogene Richtlinien und Vorschriften auf uns zukommen werden – und die werden mit signifikanten Kosten verbunden sein.“

    Zudem sieht Microsoft den Umwelt- und Klimaschutz als ein lukratives Geschäftsfeld. Wenn Unternehmen beispielsweise die Emissionen ihrer Lieferketten berechnen wollen, ist Software ein wichtiges Element. Auch SAP sieht hier eine Chance: Der deutsche IT-Konzern entwickelt mit Climate 21 ebenfalls eine Lösung, die Kunden bei der Vermessung ihres CO2-Fußabdrucks unterstützen soll.

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    Experten bewerten die Initiativen von Microsoft sehr positiv. Microsoft gewährleiste, dass der Preis des Klimawandels in jeden Aspekt des Geschäfts einberechnet werde, und mobilisiere zudem die Zulieferer, sagt Maxfield Weiss von der nicht kommerziellen Organisation Carbon Disclosure Project (CDP). Der Konzern sei damit ein Vorbild für andere Unternehmen.

    Die Entwicklung verläuft nicht ohne Widersprüche. Immer mehr Vermögensverwalter und Investmentfonds setzen ihre Macht ein, indem sie auf Investitionen in die Kohle- und Ölindustrie verzichten. Microsoft dagegen arbeitet weiterhin mit Unternehmen wie Exxon Mobil und Chevron zusammen, die mithilfe intelligenter IT beispielsweise ihre Lagerstätten besser ausbeuten, ähnlich wie Google und Amazon, wie Greenpeace im Bericht „Öl in der Cloud“ scharf kritisiert.

    Joppa argumentiert, dass sein Unternehmen den Kunden hilft, sich zu verändern – und damit der ganzen Welt, die immer noch hochgradig von fossilen Energieträgern abhängig sei. „Wir haben einige leicht positive Impulse in diesem Bereich gesehen – aber ohne Beschönigung: Es liegt noch ein sehr langer Weg vor uns.“

    Serie – Klimapioniere der Wirtschaft: Es gibt kaum einen Tag, an dem nicht ein neues Unternehmen auf der Welt seine frisch gesetzten Klimaziele und Ambitionen für die Energiewende erklärt. Dabei gibt es einige, die dem Trend der „Green Economy“ schon lange vorausgehen und seit vielen Jahren beweisen, dass Ökologie und Ökonomie kein Widerspruch sein müssen. In unserer Serie stellen wir ein paar dieser „Klimapioniere“ vor.

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