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16.11.2020

16:14

Serie Klimapioniere

Kosmetik ohne Klimaschäden – Wie L’Oréal sein Nachhaltigkeitsziel verschärft

Von: Catrin Bialek

Der weltgrößte Kosmetikkonzern tut viel in Sachen Nachhaltigkeit – und das schon seit Jahren. Seit diesem Sommer hat sich L’Oréal neue Ökoziele gesetzt.

Der französische Kosmetikriese beschäftigt sich schon seit Jahren mit dem Thema Nachhaltigkeit und ist vielen Branchenkollegen dabei weit voraus.  REUTERS

L'Oréal in Paris

Der französische Kosmetikriese beschäftigt sich schon seit Jahren mit dem Thema Nachhaltigkeit und ist vielen Branchenkollegen dabei weit voraus. 

Düsseldorf Es war eine Weltneuheit, die L’Oréal in diesem Herbst verkündete: Plastikflaschen, die die Nummer eins der Kosmetikbranche für unzählige seiner Produkte nutzt, werden künftig aus industriellem Kohlenstoffausstoß gefertigt. Also aus CO2, dass bei der Herstellung von Industrieprodukten entsteht. 

Für die Entwicklung der neuartigen Verpackung hat L’Oréal eine Kooperation mit zwei ungewohnten Partnern geschmiedet – mit dem französischen Öl- und Gasriesen Total und dem Kohlenstoff-Recyclingspezialisten Lanza-Tech.

Die Zusammenarbeit der drei soll wie folgt funktionieren: Das junge Unternehmen Lanza-Tech fängt industrielle Kohlenstoffemissionen auf und wandelt sie in Ethanol um. Der Mineralölkonzern Total verarbeitet das Ethanol dann zu Ethylen, bevor es zu Polyethylen polymerisiert wird. Das wiederum wird von L’Oréal zur Herstellung der Verpackungen genutzt.

„Mit dieser Innovation, die Kohlenstoffemissionen in Polyethylen umwandelt, wollen wir neue nachhaltige Verpackungslösungen entwickeln“, sagt Jacques Playe, Packaging & Development Director bei L’Oréal. „Wir haben das Ziel, dieses nachhaltige Material bis 2024 in unseren Flaschen für Shampoo und Haarspülungen zu verwenden.“

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    Nicht nur das technische Verfahren, auch die Zusammensetzung der neuen Kooperation – hier ein Kosmetikkonzern, dort ein Mineralölproduzent und dazwischen ein Start-up – sind Neuland. 

    Die Unternehmen tun sich zusammen, um den Klimazielen, die außerhalb und innerhalb ihrer Organisation definiert werden, gerecht zu werden. L’Oréal-Manager Playe hofft, „dass andere Unternehmen sich uns bei der Nutzung dieser bahnbrechenden Innovation anschließen werden“.

    Der französische Konzern L’Oréal will zeigen, dass Ökologie und Ökonomie einander nicht ausschließen müssen. Und das nicht erst seit diesem Jahr. Schon 2013 startete L’Oréal ein erstes Nachhaltigkeitsprogramm, in diesem Jahr folgt das zweite. 

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    Unter dem Namen „L’Oréal for the Future“ hat der Konzern im Sommer seine neuen Ökoziele vorgestellt. Sie reichen bis zum Jahr 2030 und beziehen sich auf das eigene Geschäft, auf das wirtschaftliche Ökosystem und auf die Gesellschaft.

    Das ist für einen Kosmetikkonzern nicht selbstverständlich. „Kosmetik ist ein Angebotsgeschäft. Innovation ist der Schlüssel zur Schönheit, denn Schönheit ist ein Ideal, ein ständiges Streben. Verbraucher wollen immer neue Produkte ausprobieren“, heißt es im Jahresabschlussbericht. Kosmetik wird immer konsumiert – egal ob nachhaltig oder nicht. 

    Und doch hat sich der Branchenprimus mit seinen rund 40 verschiedenen Marken ambitionierte Ziele gegeben. Sie betreffen nicht nur die Produktions- und Vertriebsanlagen, sondern auch die Rohstoffversorgungskette und die indirekten Auswirkungen im Zusammenhang mit der Verwendung der Produkte durch die Endverbraucher, die sogenannten Scope-3-Emissionen. 

    Nachhaltigkeit bekommt im Hause L’Oréal damit einen ähnlich hohen Stellenwert wie die Digitalisierung. Ein großes Versprechen des 30-Milliarden-Euro-Konzerns. Klima, Biodiversität, Wassermanagement sowie Kreislaufwirtschaft sind dabei die vorrangigen Umweltthemen des Kosmetikriesen.

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    Ein Versprechen, das bereits in Teilen eingelöst wurde. So haben die Beauty-Experten den CO2-Ausstoß ihrer Anlagen und Verteilungszentren seit 2005 um 78 Prozent gesenkt. 

    L’Oréal sei das einzige Unternehmen der Welt, das in allen drei CDP-Rankings – Klimaschutz, Wassermanagement, Waldschutz – vier Jahre in Folge eine „A“-Punktzahl erreicht hat, wirbt das Unternehmen für sich. CDP, das Carbon Disclosure Project, ist eine im Jahr 2000 in London gegründete Non-Profit-Organisation.

    Einmal jährlich erhebt das CDP anhand von Fragebögen auf freiwilliger Basis Daten und Informationen zu CO2-Emissionen, Klimarisiken und Reduktionszielen und -strategien von Unternehmen. Das CDP verwaltet nach eigenen Angaben die mittlerweile weltweit größte Datenbank ihrer Art.

    Für CDP-Manager Maxfield Weiss ist L’Oréal ein klarer Vorzeigekandidat in Sachen Nachhaltigkeit. „Wir bräuchten noch viel mehr Unternehmen, die so sind wie L’Oréal“, sagt der Amerikaner. Der Konzern würde die selbst gesteckten Ziele sehr ernst nehmen – und Nachhaltigkeit mit einem „holistischen Blick“ betrachten.

    Ambitionierte Ziele 

    Weiss hebt die konsequente Weiterreichung der Nachhaltigkeitsziele an die Zulieferer von L’Oréal hervor. In der jüngsten CDP-Erhebung bekamen nur fünf europäische Unternehmen die Triple-A-Auszeichnung der internationalen Organisation. L’Oréal war der einzige Kosmetikkonzern, der diese Bestwerte erlangt hat.

    Die Ziele der neuen Nachhaltigkeitsoffensive sind vielfältig. Zum Beispiel die Klimaziele: Bis 2025 sollen alle Standorte von L’Oréal klimaneutral sein – durch eine verbesserte Energieeffizienz und die 100-prozentige Nutzung erneuerbarer Energien.

    Bis 2030 sollen zudem alle verwendeten Kunststoffe in den Produktverpackungen entweder aus recycelten oder aus biobasierten Quellen stammen. Und ein weiteres Ziel: L’Oréal will seine gesamten Treibhausgasemissionen pro Produkt um 50 Prozent gegenüber 2016 senken.

    Damit verpflichtet sich das Unternehmen dem globalen 1,5-Prozent-Ziel. Danach ist der menschengemachte globale Temperaturanstieg durch den Treibhauseffekt auf 1,5 Grad Celsius zu begrenzen. Dazu müsste der CO2-Ausstoß der Menschheit noch lange vor 2030 deutlich zu sinken beginnen und ab etwa dem Jahr 2050 null Emissionen erreichen.

    L’Oréal will Taktgeber der Bewegung sein. Mit der grünen Initiative bezieht das Unternehmen sein gesamtes geschäftliches Ökosystem – also Kunden, Lieferanten und Verbraucher – in seine Veränderung mit ein.

    Das lässt sich der Konzern einiges kosten. Zum einen sei es teurer als zuvor, mit den grünen Materialien zu produzieren, zum anderen müssten neue Technologien eingesetzt werden, berichtet Verpackungsexperte Playe. Die genaue Summe lasse sich indes nicht beziffern.

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    Noch sind längst nicht alle Kunden von der neuen, grünen Welle überzeugt. Verpackungen aus Ökomaterial, Glasflaschen zum Nachfüllen, Tuben, deren Verschluss aus Papier besteht – nachhaltiger Konsum braucht am Ende auch Zeit. „Unsere Aufgabe ist es, den Verbrauchern den Weg zu zeigen“, sagt Playe. Wenn sie es nicht täten, würde sich nichts ändern. „Und wir haben nur noch zehn Jahre zum Handeln“, warnt der Franzose.

    Das Unternehmen hat eine Methodik zur Kennzeichnung der ökologischen und sozialen Konsequenzen von Produkten entwickelt. In einem Umweltprofil, das in einigen Jahren auf allen Produkten abgebildet sein soll, wird die ökologische Bilanz des Produkts auf einer Skala von A bis E abgebildet. Ein „A“-Produkt hat dabei das beste Umweltprofil. Vorreiter dieser neuen Kennzeichnung ist die Marke Garnier mit ihren Haarpflegeprodukten.

    Konsumenten können aber nur überzeugt werden, wenn die eigenen Mitarbeiter mitziehen. „Wir haben immer mehr junge Leute, die hier arbeiten. Für sie ist es noch wichtiger, dass wir Nachhaltigkeit ernsthaft betreiben“, erzählt Playe.

    Dafür setzt L’Oréal auch bei den eigenen Lieferanten an. „In der gesamten Lieferkette wurden Audits der Sozial- und Sicherheits-, Hygiene- und Umweltstandards durchgeführt, die jeden einzelnen Lieferanten weltweit betreffen“, heißt es bei L’Oréal. Die Audits, die von unabhängigen Unternehmen durchgeführt werden, böten eine strenge Überwachung der Verpflichtungen der Lieferanten vor Ort und ihrer Mitarbeiter. „Seit 2006 haben wir eine Gesamtzahl von mehr als 12.400 Audits gezählt.“

    Der Konzern hat ein Programm für nachhaltige Beschaffung (Sustainability Sourcing) ins Leben gerufen. Er hat einen zweigleisigen Ansatz entwickelt: Er wählt die Lieferanten auf der Grundlage ihrer ökologischen und sozialen Leistung aus und stellt ihnen gleichzeitig Schulungsinstrumente zur Verfügung. Bis Ende 2020 sollen 100 Prozent der strategischen Lieferanten an dem Nachhaltigkeitsprogramm teilnehmen.

    Der L’Oréal-Chef kündigte bereits 2013 an, mehr zu produzieren, dafür aber weniger Emissionen zu verursachen. Bislang konnte er dieses Versprechen halten.  Reuters

    Jean-Paul Agon

    Der L’Oréal-Chef kündigte bereits 2013 an, mehr zu produzieren, dafür aber weniger Emissionen zu verursachen. Bislang konnte er dieses Versprechen halten. 

    Der zweigleisige Ansatz sei in der Lieferkette sehr wichtig, betont Severine Thery-Cave, Chief Procurement Officer Direct von L’Oréal und damit mitverantwortlich für die Lieferkette. Das Ökosystem solle gestärkt werden, die Zulieferer sollten in ihren sozialen und ökologischen Anstrengungen unterstützt werden. Auf diese Weise fungierten die geschulten Zulieferer als Botschafter in ihren jeweiligen Ländern.

    Ein Beispiel: Die Extrakte der Pflanze Centella Asiatica werden in Hautpflegeprodukten verwendet. 2016 startete L’Oréal ein Projekt, um die Wildpflanze zu erhalten und gleichzeitig die Rückverfolgbarkeit, die Qualität und nicht zuletzt eine faire Bezahlung der Frauen, die Centella-Blätter sammeln, zu sichern. Bis Ende vergangenen Jahres hatten mehr als 3000 Frauen von einer gerechten Bezahlung profitiert und an Schulungen über Sammelpraktiken teilgenommen.

    Nachhaltigkeit umfasst viele Themen. Managerin Thery-Cave weist beispielsweise auch auf die geringe Rate an recyceltem Plastik hin, die derzeit noch in den meisten Ländern herrscht. Polypropylen (PP) werde in Europa zu 25 Prozent gesammelt, aber nur zu 0,7 Prozent in wiederverwendbares PP recycelt, sagt sie. 

    Das liege unter anderem an falscher Mülltrennung durch die Verbraucher – ohne diese könnten die Unternehmen nicht die Quoten an recyceltem Kunststoff erfüllen. „Wir müssen die Anstrengungen in diesem Bereich gemeinsam mit den Verbrauchern und Entsorgern noch deutlich erhöhen“, meint Thery-Cave. Ihr Kollege Laurent Gilbert ist verantwortlich für das Thema Inhaltsstoffe auf globaler Ebene. 

    Mehr Bio, weniger Plastik 

    Eines der Ziele: „Das soziale und ökologische Profil unserer Produkte soll in 2020 um 100 Prozent gegenüber 2013 verbessert werden“, erklärt der Sustainable Innovation Director. „2019 haben wir 85 Prozent erreicht. Da sind wir schon sehr nahe an unserem Ziel.“

    Ein weiteres Ziel aus dem Bereich der Ressourcenschonung: Bis 2030 sollen 95 Prozent der Inhaltsstoffe biobasiert sein. Das bedeutet, dass teilweise auch bewährte Zutaten ausgetauscht werden müssen. Kein leichtes Unterfangen, wie Gilbert versichert, schließlich gehe es in der Kosmetik um das Zusammenspiel, um die Balance der verschiedenen Inhaltsstoffe.

    Die grassierende Coronakrise beeinflusst allerdings auch die Nachhaltigkeitsstrategie des Kosmetikkonzerns. „Wir müssen unsere Zulieferer in diesem herausfordernden Umfeld stärker als vorher unterstützen“, sagt Managerin Thery-Cave. Die Coronakrise würde den Bedarf an nachhaltigen Konzepten noch einmal mehr verstärken.

    Ihr Kollege Gilbert schlägt ähnliche Töne an. Die Covid-19-Krise würde das Unternehmen in seinen Nachhaltigkeitsbestrebungen nur bestärken. „Wir gehen unseren Weg weiter – und werden unseren Wandel noch beschleunigen.“

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