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14.12.2020

11:27

Serie Klimapioniere

Mit vegetarischen Fruchtgummis bessert Katjes die Klimabilanz auf

Von: Katrin Terpitz

Während andere jetzt erst anfangen, hat Katjes das Ziel Klimaneutralität schon 2020 erreicht. Und zwar vor allem dank einer radikalen Entscheidung.

Seit 2016 sind alle Katjes-Produkte zu 100 Prozent vegetarisch. Der Verzicht auf tierische Gelatine hilft zugleich dem Klima. Katjes

Veggie-Fruchtgummi von Katjes

Seit 2016 sind alle Katjes-Produkte zu 100 Prozent vegetarisch. Der Verzicht auf tierische Gelatine hilft zugleich dem Klima.

Düsseldorf „Erwarten Sie Schwein, wenn Sie Süßes genießen?“, fragt Bastian Fassin, geschäftsführender Gesellschafter der Katjes-Gruppe provokant. Nichts anderes ist Gelatine, gewonnen aus Knochenresten und Schweineschwarten. Sie gibt Fruchtgummis ihre geleeartige Konsistenz. 2016 hat der Süßwarenhersteller einen radikalen Schnitt gewagt: Tierische Gelatine wurde verbannt. Sämtliche Produkte sind seitdem vegetarisch.

Der schöne Nebeneffekt: Katjes sparte ohne Gelatine auf einen Schlag bis zu 20 Prozent der CO2-Emissionen seiner Produkte ein – etwa beim Katjes Grün-Ohr Bärchen im Vergleich zum herkömmlichen Gelatine-Fruchtgummi. Denn die Aufzucht von Tieren ist ein wahrer Klimakiller.

Nach Veggie-Fruchtgummis tat das Familienunternehmen aus Emmerich am Niederrhein nun den nächsten Schritt: Seit 2020 produzieren alle drei Werke in Deutschland klimaneutral. Dort werden Produkte für Katjes, Wick-Hustenbonbons, Ahoj-Brause und Sallos hergestellt. Das nach Haribo und Storck drittgrößte deutsche Zuckerwarenunternehmen ist damit Pionier in seiner Branche.

„Allein der Verzicht auf tierische Zutaten zahlt sich in der Klimabilanz aus“, konstatiert Axel Kölle, Leiter des Zentrums für Nachhaltige Unternehmensführung (ZNU) an der Universität Witten/Herdecke. „Der Schritt zu rein pflanzlichen Zutaten war für Katjes ein Wagnis. Denn die Verbraucherakzeptanz war ungewiss.“

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    „Das Risiko sind wir eingegangen“, sagt Fassin. „Schließlich ist das für uns eine Frage der Überzeugung.“ Bei den Kunden kommt die Umstellung auf Veggie gut an. Allein von Januar bis Oktober legte der Umsatz der Marke Katjes im deutschen Lebensmitteleinzelhandel laut Marktforscher IRI zum Vorjahr um 20 Prozent zu. Zur Höhe des Umsatzes schweigt sich das Familienunternehmen mit allein 550 Mitarbeitern in Deutschland indes aus.

    Der Katjes-Chef meint: „Ein Unternehmen muss so viel für Nachhaltigkeit machen, dass es schmerzt. Erst dann tut man genug.“ Katjes

    Bastian Fassin

    Der Katjes-Chef meint: „Ein Unternehmen muss so viel für Nachhaltigkeit machen, dass es schmerzt. Erst dann tut man genug.“

    Fast acht Jahre forschte Katjes daran, einen adäquaten Gelatine-Ersatz für das ganze Sortiment zu finden. „Ein technologischer Umbruch für unsere Branche wie die Energiewende“, vergleicht Fassin die Entwicklung. Bereits 1971 hatte Katjes mit den Joghurt-Gums ein vegetarisches Fruchtgummi erfunden, auch Katjes-Kinder Lakritz kam schon damals ohne Gelatine aus.

    1987 wurden alle Produkte auf natürliche Farbstoffe und 1994 auf natürliche Aromen umgestellt. „Katjes war schon immer Innovationsführer der Branche – nun auch in Sachen Nachhaltigkeit“, meint der Unternehmer in dritter Generation.

    Klimaneutralität hat sich Katjes mit der Strategie „Vermeiden, Vermindern, Kompensieren“ schrittweise erarbeitet. Die Umstellung auf Grünstrom senkte die schädlichen Emissionen ebenfalls stark. „Ich verstehe nicht, warum das nicht mehr Unternehmen tun“, fragt sich Fassin. Grünstrom sei preislich absolut tragbar, und eine höhere Nachfrage bringe Druck in den Energiesektor, schneller auf Erneuerbare umzustellen.

    Katjes investierte auch kräftig in nachhaltige Technologien – etwa moderne Kühlanlagen. „Kältemitteln sind ein CO2-Monster. Ein alter Kühlschrank verursacht etwa so viele Treibhausgase wie ein Auto in einem ganzen Jahr“, sagt Fassin. Ein Blockheizkraftwerk, das mit Gas Strom und Wärme erzeugt, wurde ebenfalls gebaut.

    Grafik

    Die Kartons, in denen Fruchtgummi und Lakritze in die Supermärkte geliefert werden, waren früher weiß und bunt bedruckt. Nun bestehen sie alle aus braunem Recyclingkarton. „Das funktioniert genauso gut“, sagt Fassin.

    Zum Vermindern gehörten auch kleine Dinge mit großer Wirkung. Früher standen in der Produktion Wasserspender mit Plastikbechern. Allein in einem Werk wurden im Jahr 144.000 Wegwerfbecher verbraucht. Katjes spendierte jedem seiner Mitarbeiter hierzulande eine personalisierte Metallflasche mit Namen eingraviert. „Schluck für Schluck eine gute Tat“, steht auf der Flasche.

    „Nachhaltigkeit soll Spaß machen“

    Anette Dierks ist als Managerin verantwortlich für Nachhaltigkeit bei Katjes. Sie hat seit 2014 viele Initiativen ins Leben gerufen. „Bei den ersten Meetings dachten die meisten Mitarbeiter noch: Was sind das für Ökospinnereien“, erzählt Fassin. Jetzt seien alle überzeugt, dass sie etwas tun müssten.

    Azubis wurden zu „Nachhaltigkeitsbotschaftern“ gemacht. Sie bekommen jährlich ihr eigenes Budget für Projekte. Damit bauten sie zum Beispiel mit Grundschülern Hochbeete aus Paletten an oder sammelten gebrauchte Schulranzen für bedürftige Kinder. Jeder kann eigene Vorschläge zur Nachhaltigkeit umsetzen.

    „Ideengarten“ nennt sich das, was früher unsexy innerbetriebliches Vorschlagswesen hieß. Für jede eingereichte Idee wird nicht nur ein Baum gepflanzt, sondern gibt es auch Prämien. Einige aus der Belegschaft bekamen ein dreifaches Monatsgehalt für ihre nachhaltigen Ideen.

    „Nachhaltigkeit soll Spaß machen, nicht abstrakt und kompliziert sein“, betont Dierks. Alle Verwaltungsmitarbeitende haben Nachhaltigkeitsziele zudem in ihren Zielvereinbarungen stehen.

    Alle Kartons wurden auf 100 Prozent Recycling-Pappe umgestellt. Katjes

    Katjes-Kartons

    Alle Kartons wurden auf 100 Prozent Recycling-Pappe umgestellt.

    Bis 2030 will Katjes seine produktionsbezogenen CO2-Emissionen fast halbieren. Basis ist 2012. „Das ist eine enorme Leistung“, meint Nachhaltigkeitsexperte Kölle vom ZNU, wo Katjes Gründungsmitglied ist. Durchschnittlich schafften es Unternehmen nur, ihre Emissionen in zehn Jahren um ein Viertel zu senken. Das zeige die Ernsthaftigkeit, mit der Katjes das Thema Nachhaltigkeit betreibe. „Bastian Fassin ist ein Überzeugungstäter“, meint Kölle.

    Weil Katjes als Produktionsbetrieb seine Emissionen nicht sofort ganz auf null bringen kann, wird der Rest bis dahin kompensiert. Für Fassin ist das alles andere als „Greenwashing“. „Die ganze Welt ist arbeitsteilig organisiert. Warum nicht auch bei CO2?“, meint Fassin. Der Unternehmer befürwortet auch die CO2-Steuer. Solche Kosten verstärkten den Druck zu mehr Nachhaltigkeit. „Ohne Fridays for Future wäre die CO2-Steuer wohl nie gekommen“, meint er.

    Zur Kompensation seiner Emissionen unterstützt Katjes vier Nachhaltigkeitsinitiativen, die unter anderem von der Gold Standard Foundation zertifiziert sind: Im indischen Raipur wird aus Reisschalen, die sonst Abfall sind, Strom gewonnen. In Kenia und Ruanda verhindern effizientere Kochöfen weiteres Abholzen und Gesundheitsschäden durch Rauch.

    Grafik

    In Peru unterstützt Katjes ein Projekt, das den Regenwald schützt und zerstörte Böden durch nachhaltigen Anbau von Biokakao wieder aufwertet. Fassin ist vorab mit Mitarbeitern zum Amazonas gefahren, um das Waldschutzprojekt zur CO2-Kompensation persönlich zu begutachten.

    „Das ist schon außergewöhnlich, dass sich ein Unternehmenslenker so stark einbringt“, meint Peter Frieß, Geschäftsführer von Fokus Zukunft. Die Beratung hat die CO2-Bilanz für Katjes erstellt und weitere Maßnahmen zur Reduktion mit erarbeitet. „Frauenförderung, Bildung und Armutsbekämpfung stehen im Fokus von Katjes’ Projekten, die eben nicht nur dem Klimaschutz dienen.“

    Klimaneutralität muss finanziell schmerzen

    Das Familienunternehmen arbeite mit großer Ernsthaftigkeit am Ziel Klimaneutralität, beobachtet Frieß. Allerdings habe Katjes durchaus noch Hausaufgaben zu machen. Bei den Lieferanten etwa gebe es noch erhebliches Potenzial, CO2-Emissionen zu senken.

    Derzeit ist Katjes mit seinen Zulieferern im Gespräch, wie diese ebenfalls klimaneutral werden können. „Die Lieferanten zu überzeugen und mitzunehmen ist schon eine Herausforderung“, räumt Fassin ein. In einigen Jahren werde es Standard sein, dass die ganze Lieferkette CO2-neutral arbeitet, ist er überzeugt.

    Die Kosten für Katjes’ Klimaneutralität will der Familienunternehmer nicht näher beziffern. Fassin betont aber: „Ein Unternehmen muss so viel für Nachhaltigkeit machen, dass es schmerzt. Erst dann tut man genug.“ Der Katjes-Chef warnt: „Wenn wir so weiterwirtschaften wie bisher, geht unser Planet unter.“

    Jedes Unternehmen könne und müsse seinen Beitrag leisten. Alle sprächen immer nur von den Kosten der Nachhaltigkeit. Vielmehr sollte man betonen, was für ein Gewinn Nachhaltigkeit für die Menschen und den Planeten sei.

    Katjes setzt auf pflanzliche Rohstoffe.

    Katjes-Werk

    Katjes setzt auf pflanzliche Rohstoffe.

    Klimapositiv wäre für Katjes der nächste Schritt nach der Neutralität. „Das wäre großartig“, meint Fassin. „Aber Nachhaltigkeit ist eine lange Reise, die werden meine Kinder noch fortsetzen müssen.“

    Serie – Klimapioniere der Wirtschaft: Es gibt kaum einen Tag, an dem nicht ein neues Unternehmen auf der Welt seine frisch gesetzten Klimaziele und Ambitionen für die Energiewende erklärt. Dabei gibt es einige, die dem Trend der „Green Economy“ schon lange vorausgehen und seit vielen Jahren beweisen, dass Ökologie und Ökonomie kein Widerspruch sein müssen. In unserer Serie stellen wir ein paar dieser „Klimapioniere“ vor.

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