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14.12.2021

04:00

Serie Klimapioniere

Smartphone mit fünf Jahren Garantie – Fairphone will grüner sein als Apple und Samsung

Von: Christof Kerkmann

Als Start-up eine Industrie verändern: Fairphone hat sich eine unmögliche Mission vorgenommen – und will das Smartphone nachhaltiger machen.

Das Smartphone soll fünf Jahre mit neuer Software versorgt werden.

Fairphone 4

Das Smartphone soll fünf Jahre mit neuer Software versorgt werden.

Düsseldorf Wenn Unternehmen und Behörden Smartphones beschaffen, geht es um harte Fakten wie die Ausstattung und den Preis. Doch ein weiches Kriterium gewinnt an Gewicht: Immer mehr Kunden achten auf die Nachhaltigkeit von Produkten. Der IT-Dienstleister Bechtle hat deshalb kürzlich Produkte von Fairphone ins Portfolio genommen, um „zusätzliche Auswahlmöglichkeiten“ zu bieten.

Für das Start-up aus den Niederlanden ist das ein großer Erfolg. Durch die Kooperation kann es nun Kunden in mehreren europäischen Ländern erreichen, auch über den wichtigsten Markt Deutschland hinaus.

Zugleich gewinnt es an Glaubwürdigkeit: Das Fairphone 4 erscheint nun in den Übersichten des IT-Spezialisten neben Modellen wie dem iPhone 13 oder dem Samsung Galaxy S21.

Es könnte Fairphone helfen, eine schier unmögliche Mission zu erfüllen. Das Unternehmen will die Smartphone-Branche von innen heraus verändern, indem es ein Vorbild für Nachhaltigkeit ist – und so die Konkurrenz zu einer Reaktion zwingt.

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    Dabei muss es aber zumindest so profitabel sein, dass es die Mitarbeiter in der Zentrale und am Fließband bezahlen kann – und das in einer Branche, wo neben Apple und Samsung kaum ein Hersteller Gewinne schreibt.

    Fünf Jahre Garantie

    Der Name soll beim Fairphone Programm sein, und zwar in jeder Hinsicht. Das Unternehmen verspricht den Fabrikarbeitern in China sichere Bedingungen, angemessene Löhne und eine Arbeitnehmervertretung. Zudem sollen die Rohstoffe nicht aus Konfliktregionen stammen, in denen Warlords die Minen kontrollieren. Beides ist längst keine Selbstverständlichkeit.

    Langlebigkeit und Reparaturfähigkeit sind Teil des Konzepts. Für die aktuelle vierte Generation gewährt Fairphone fünf Jahre Garantie, zudem soll es bis mindestens Ende 2025 Updates geben, möglicherweise sogar bis Ende 2027. So lange liefert kein anderer Hersteller aktuelle Software.

    Zudem sind die Geräte modular gebaut, damit Nutzer diese selbst reparieren können – ein Schraubenzieher liegt der Verpackung bei, die Ersatzteile sind im Onlineshop erhältlich. Der Akku für das Fairphone 4 kostet beispielsweise rund 30 Euro, das Kameramodul 80 Euro, der Bildschirm ebenfalls. Zum Vergleich: Wer bei Apple das Display des iPhone 13 tauschen lässt, zahlt 311 Euro.

    Dieser Ansatz ermöglicht es, die Auswirkungen der Smartphoneproduktion fürs Klima zu verringern. Denn: Selbst wenn die Geräte 24 Stunden am Tag eingeschaltet sind und täglich an die Steckdose müssen, werden bei der Herstellung weitaus mehr Treibhausgase freigesetzt – durch die Rohstoffgewinnung, Produktion der Komponenten und den Zusammenbau in der Fabrik.

    Die Quantifizierung ist nicht einfach. Es gebe eine Vielzahl von Studien mit unterschiedlichen Methoden und Rahmenbedingungen, beobachtet das Öko-Institut. Diese bezifferten die Emissionen für Herstellung, Transport und Entsorgung auf 10 bis 100 Kilogramm CO2.

    „Auch wenn die Ergebnisse aufgrund verschiedener Methodik nur bedingt vergleichbar sind, fällt auf, dass neuere Geräte mit größeren Bildschirmdiagonalen und höherer technischer Ausstattung auch höhere CO2-Werte zeigen“, schreibt das Institut. Die unabhängige Organisation geht somit davon aus, dass moderne Modelle am oberen Rand der Bandbreite liegen.

    Die Belastung für das Klima lässt sich deutlich senken, wenn man die Nutzungszeit verlängert. Wird ein Smartphone nach zweieinhalb Jahren ausgemustert – wie es häufig üblich ist –, liegt der Herstellungsaufwand bei rund 40 Kilogramm CO2 pro Jahr. Nach fünf Jahren sind es dagegen nur noch 20 Kilogramm.

    Ein Vorbild für Apple und andere

    Die Crux: So lange halten die wenigsten Smartphones durch. Bei einem Sturz ziehen sich schnell Risse über den Bildschirm, und der Akku lässt nach zwei, spätestens drei Jahren spürbar nach. Da die meisten Modelle sich nicht ohne Spezialwerkwerkzeug öffnen lassen, müssen Nutzer damit in eine Werkstatt gehen. Viele schaffen sich gleich neue Hardware an.

    Fairphone zeigt, dass es anders geht. Mit einem Absatz von 95.000 Stück im vergangenen Jahr sei das Start-up auf dem gigantischen Smartphone-Markt zwar nur ein Rundungsfehler, sagt Ben Wood, Analyst beim Marktforscher CCS Insight.

    Es zeige aber die „Kunst des Möglichen, wenn es darum geht, ein ethisches und nachhaltigeres Mobiltelefon anzubieten“. Als Referenz übe es Druck auf die gesamte Branche aus.

    Tatsächlich tut sich etwas. So kündigte Apple im November an, Kunden Ersatzteile und Werkzeuge für die Reparatur bestimmter Modelle zu verkaufen. Das mag im Vorgriff auf Gesetze geschehen, die in mehreren Ländern in Arbeit sind, ist aber zugleich ein Erfolg der „Right to Repair“-Bewegung, die das Recht auf die Reparatur von Elektronik einfordert. Hier zählt Fairphone zu den Vorbildern.

    Einfach ist die Veränderung nicht, gerade für ein Start-up mit nur gut 70 Mitarbeitern. Fairphone spürt das immer wieder. Das erste Modell erhielt nur eine begrenzte Zeit Softwareupdates – Anpassung und Auslieferung sind aufwendig.

    Die zweite und dritte Generation boten zudem eine mäßige Ausstattung zu vergleichsweise hohen Preisen – das hat mit der Nachhaltigkeit zu tun, aber auch den geringen Stückzahlen.

    Nachhaltigkeit „auf einer anderen Ebene“

    Das Fairphone 4, seit dem Herbst auf dem Markt, soll einiges besser machen. Das Unternehmen habe Lehren aus der Vergangenheit gezogen, sagt Marktforscher Wood. Das neue Modell scheine ein deutlicher Schritt nach vorn zu sein.

    Er sieht gute Chancen, dass der Hersteller sich behaupten kann. „Große Unternehmen wie Apple und Samsung sind bereits auf dem Weg zu mehr Nachhaltigkeit, aber Fairphone hebt die Dinge auf eine andere Ebene.“ Wenn das Management in der Lage sei, die Kosten mit dem Marktpotenzial in Einklang zu bringen, könne es ein gesundes Geschäft aufbauen.

    Der IT-Dienstleister Bechtle ist angetan: Die Nachfrage sei im Vergleich zu großen Herstellern überschaubar, wachse aber stetig – was die Entscheidung für die Kooperation nur bestätige.

    Serie – Klimapioniere der Wirtschaft: Es gibt kaum einen Tag, an dem nicht ein neues Unternehmen auf der Welt seine frisch gesetzten Klimaziele und Ambitionen für die Energiewende erklärt. Dabei gibt es einige, die dem Trend der „Green Economy“ schon lange vorausgehen und seit vielen Jahren beweisen, dass Ökologie und Ökonomie kein Widerspruch sein müssen. In unserer Serie stellen wir ein paar dieser „Klimapioniere“ vor.

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