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30.11.2020

13:36

Serie Klimapioniere

Wie Develey mit Senf und Gurkenwasser klimaneutral wird

Von: Katrin Terpitz

Der Feinkosthersteller, der weltweit McDonald’s beliefert, arbeitet schon jetzt fast klimaneutral. Vor allem dank Ideen seiner Mitarbeiter. 

Der Feinkosthersteller wurde für sein Engagement mit dem Deutschen Nachhaltigkeitspreis ausgezeichnet. Develey

Develey-Chef Michael Durach

Der Feinkosthersteller wurde für sein Engagement mit dem Deutschen Nachhaltigkeitspreis ausgezeichnet.

Düsseldorf Kinder können die Welt verändern. Das hat nicht zuletzt Klimaaktivistin Greta Thunberg gezeigt. Kinder waren es auch, die Unternehmer Michael Durach dazu bewegten, den Senf- und Feinkosthersteller Develey CO2-neutral zu machen. 

Angefangen hat das sogar schon ein Jahrzehnt vor Greta. 2008 ließen sich Sohn und Tochter Durach, damals Grundschüler, zu Klimabotschaftern für „Plant for the Planet“ ausbilden. Die Initiative zum Bäumepflanzen hatte der bayerische Schüler Felix Finkbeiner als Neunjähriger ein Jahr zuvor gestartet.

„Ich sah das Leuchten in den Augen meiner Kinder, wie sie sich für Klimaschutz und Nachhaltigkeit begeisterten“, erzählt Michael Durach. Der 51-Jährige führt den Lebensmittelhersteller mit Stammsitz Unterhaching in vierter Generation mit seinem Bruder Stefan.

Develey produziert mit 2300 Mitarbeitern an 18 Standorten weltweit bekannte Marken wie Bautz'ner Senf oder Löwensenf. Das Familienunternehmen ist auch Zulieferer von Ketchup, Gewürzgurken und Soßen für den Fast-Food-Riesen McDonald’s – in 43 Ländern.

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Standort erkennen

    Wo viel produziert wird, entstehen aber eben auch viele schädliche Emissionen. Durachs begannen sich zu fragen: „Was kann unser Unternehmen für mehr Nachhaltigkeit tun?“ Dabei formulierten sie spontan ein ambitioniertes Ziel: Develey soll bis 2020 an den deutschen Standorten und bis 2022 international CO2-neutral produzieren. „Wir waren damals eines der ersten Unternehmen, die sich ein Nullziel gaben“, so Durach.

    Konkrete Vorstellungen, wie Klimaneutralität zu erreichen ist, hatten die Develey-Chefs damals nicht. „Wir haben einfach losgelegt.“ Für Axel Kölle vom Zentrum für Nachhaltige Unternehmensführung (ZNU) an der Universität Witten/Herdecke beweist dies „unternehmerischen Mut“. 

    Und der trägt schon Früchte, wo andere gerade erst beginnen, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Seit diesem Jahr sind alle Standorte in Deutschland klimaneutral. Dafür wurde Develey Ende 2019 mit dem Deutschen Nachhaltigkeitspreis ausgezeichnet – gleichzeitig mit Greta Thunberg.

    Mitarbeiter als „Klimabotschafter“

    Doch die Unternehmerbrüder nahmen den Preis nicht selbst in Empfang, sondern schickten Vertreter der Belegschaft zur Gala nach Düsseldorf. „Unseren engagierten Mitarbeitern gebührt die Ehre. Sie alle haben mit ihren Ideen beigetragen, dass Develey klimaneutral wird“, betont Durach. In der Begründung der Jury heißt es: „Develey setzt mit seinem Engagement und seinen zahlreichen Maßnahmen als Mittelständler wegweisende Nachhaltigkeitsstandards in der Branche.“

    Das Projekt „null Emissionen“ begann 2008 mit einer Mitarbeiterbefragung zum Thema Nachhaltigkeit. „Wir haben keine Unternehmensberatung engagiert, sondern alles selbst gemacht“, betont Durach. Jeder einzelne Develey-Beschäftigte wurde zum „Klimabotschafter“ ernannt. Mitarbeiter konnten eigene Ideen einreichen, wie im Unternehmen Emissionen einzusparen sind.

    Grafik

    Azubis schlugen etwa vor, den Aufzug in der Zentrale langsamer zu stellen, damit die Leute lieber die Treppe nehmen. Freitags ist seitdem „aufzugsfreier Tag“. Statt Mineralwasser wird in Besprechungen Leitungswasser ausgeschenkt. Drucker und Papierkörbe gibt es nur noch in Druckerräumen statt in jedem Zimmer. „Da haben die Mitarbeiter begonnen, Rückseiten zu beschreiben, um sich Wege zu ersparen“, so Durach.

    Develey verteilte an jede Abteilung Geräte, die den Stromverbrauch in Cent messen. Mitarbeiter konnten so im Büro und zu Hause heimliche Stromfresser aufspüren wie Bildschirme oder Kaffeemaschinen auf Dauer-Stand-by. Die diversen Geräte in den Büros wurden durch gemeinschaftliche Kaffeeautomaten ersetzt.

    „Es sind die vielen kleinen Dinge, die helfen“, so Durach. Mehr als 800 Einzelmaßnahmen zur Emissionsreduktion hat das Unternehmen erarbeitet. Jeder Standort setzte sich nach den Gesamtzielen auch eigene Ziele. Nachgehalten werden diese vor Ort von freiwilligen Nachhaltigkeitsmanagern. Diese tauschen sich regelmäßig virtuell über Best-Practice-Beispiele aus. Wichtig: In die Beurteilung von Develeys Führungskräften fließt auch ein, ob die jeweiligen Nachhaltigkeitsziele erreicht wurden.

    „Man kann als Chef Nachhaltigkeit nicht par ordre du mufti vorschreiben. Mitarbeiter müssen an die Sache glauben“, betont Durach. Managementexperte Kölle bestätigt: Nachhaltigkeit funktioniere nur, wenn auch die Belegschaft mitziehe, sie Teil einer „coolen Bewegung“ werde.

    Doch das Energie- und Stromsparen stieß irgendwann an Grenzen. „Ein Unternehmen, das klimaneutral produzieren will, muss viel investieren und knallhart auf Gewinn verzichten“, so Durach. Develey hat bisher einen zweistelligen Millionenbetrag für Klimaneutralität lockergemacht. Für Durachs eine Investition in die Zukunft.

    Bewusster Verzicht auf Gewinn

    „Als Familienunternehmen haben wir das Glück, dass uns kein Analyst im Nacken sitzt“, betont Durach. „Schließlich bekommen wir keinen Cent mehr, nur weil unser Glas Senf klimaneutral produziert wird.“ Irgendwann werden sich die Investitionen auszahlen, ist Durach sicher. Dem Geschäft haben die Klimaziele jedenfalls nicht geschadet: Der Umsatz stieg auf mehr als 500 Millionen Euro. Develey arbeitet profitabel. Im Sommer erst wurden Durachs von der Beratung EY als „Entrepreneure des Jahres“ ausgezeichnet.

    Develey selbst investierte massiv: 2012 entstand im Werk in Dingolfing ein Holzhackschnitzelwerk. Das spart im Jahr rund 3000 Tonnen CO2. Hinzu kommt ein Blockheizkraftwerk. In Unterhaching wurde komplett neue Klimatechnik installiert. Develey war laut Durach das erste Unternehmen, das im Industriemaßstab Kohlendioxid als Kältemittel einsetzte. 2013 wurde der Standort an Tiefengeothermie angeschlossen und arbeitet seitdem klimaneutral.

    Im Werk in Dijon hat Develey eine Biogasanlage entwickelt. Diese filtert feste Stoffe aus dem Abwasser, die vergast und verstromt werden. Seit 2015 hat Develey viel Photovoltaik installiert. „Wir wollen so autark wie möglich werden“, sagt Durach. In Bautzen werden so 90 Tonnen Kohlendioxid eingespart. Das entspricht dem Stromverbrauch von rund 111 Haushalten.

    Durch die diversen Maßnahmen konnte Develey seine CO₂-Emissionen von 2011 bis 2018 nahezu halbieren. „Allerdings ist es in Produktionsbetrieben so gut wie unmöglich, kein Kohlendioxid zu emittieren“, stellt Kölle vom ZNU klar. Unvermeidbare Emissionen kompensiert der Hersteller mit Baumpflanzungen.

    Etwa 120.000 Bäume hat Develey bisher mit „Plant for the Planet“ gepflanzt. In der Initiative ist Michael Durach selbst aktiv: „Eine weitere halbe Milliarde Bäume haben wir für die nächsten Jahre versprochen für unsere Klimaneutralität.“ Frithjof Finkbeiner, Vorstand von Plant for the Planet, betont: „Unternehmen, die Bäume pflanzen, betreiben kein Greenwashing. Sie tun etwas, um die Klimakrise zu verhindern.“

    Die Tochter des Develey-Co-Chefs engagiert sich für Klimaschutz durch Bäumepflanzen. Sie und ihr Bruder inspirierten ihren Vater, das Familienunternehmen klimaneutral zu machen. Develey

    Camilla und Michael Durach

    Die Tochter des Develey-Co-Chefs engagiert sich für Klimaschutz durch Bäumepflanzen. Sie und ihr Bruder inspirierten ihren Vater, das Familienunternehmen klimaneutral zu machen.

    Freiwillige Baumpflanzungen sind für Finkbeiner der Schlüssel für das Überleben der Menschheit. Plant for the Planet hat die Pflanzung von einer Billion Bäumen als Ziel ausgerufen. „Diese können ein Viertel des menschengemachten Kohlendioxids speichern. Das gäbe der Menschheit etwa 15 Jahre mehr Zeit“, so Finkbeiner.

    „Die Welt braucht Unternehmer wie Michael Durach, der für den Klimaschutz entschlossen vorangeht, ohne dass er dadurch mehr Gewinn einfährt“, lobt Finkbeiner. Nachhaltigkeit sei für den Familienunternehmer eine Herzensangelegenheit und kein Marketing. „Develey hat viele Millionen investiert, deren Amortisationsdauer schwer zu bestimmen ist“, lobt auch Kölle vom ZNU. Was Develey auf die Beine gestellt habe, sei vorbildlich. Michael Durach engagiert sich seit Jahren in der Initiative ZNU goes Zero. Dort haben sich Mittelständler Klimaneutralität zum Ziel gesetzt.

    Allerdings hat für die Durachs Klimaschutz auch Grenzen: „Wir müssen darauf achten, dass Nachhaltigkeit auch ökonomisch ist.“ So fahren etwa die Vertriebler keine Elektroautos. Der Außendienst verliere sonst zu viel Zeit beim Aufladen. E-Fahrzeuge gibt es nur im Pendelverkehr.

    Auf dem Weg zur Klimaneutralität gab es immer wieder Rückschläge. An öffentliche Fördermittel zu kommen erwies sich als schwierig. „Wir wurden von Behörde zu Behörde geschickt“, ärgert sich der Mittelständler. „Develey ist eben kein Konzern, der zehn Leute nur fürs Beantragen von Fördergeldern abstellen kann.“

    Aus Gurkenwasser wird Streusalz

    Obwohl Develey 2022 das Ziel Klimaneutralität erreicht hat, gehen die Anstrengungen weiter. Derzeit werden die CO2-Belastungen für alle Produkte erhoben. Der Senf der Marke Develey ist seit diesem Jahr klimaneutral. Develey produziert regional und hat den Senfanbau wieder ins Umfeld geholt. Bisher kam Senf aus Kanada, heute vorwiegend aus Osteuropa. Für die Marke Bautz‘ner kommen schon knapp 40 Prozent der Senfsaaten aus Deutschland. „Wir konnten unsere Lieferkette verkürzen und damit den CO2-Fußabdruck verringern.“ Als nächstes Produkt steht Ketchup an.

    Seit 2016 verzichtet Develey in allen Markenprodukten konsequent auf den Einsatz von Palmöl. An den Rezepturen wurde viele Jahre getüftelt. Develey ist auch einer der größten Hersteller von Biosenf. Doch Durach gibt zu bedenken: „Bio ist nur nachhaltig, wenn es auch regional ist.“

    Ein weiterer Fokus liegt auf Verpackungen. Das Material der Beutel wurde um 14 Prozent reduziert, alle Develey-Dressing-Flaschen sind auf 30 Prozent recyceltes PET umgestellt. Luftpolsterfolie wurde als Füllstoff durch geschredderte Pappe und Altpapier ersetzt.

    Develey gehen die Ideen nicht aus: Die Gemeinde Dingolfing streut im Winter die Straßen mit Salz, das aus Develey-Gurkenwasser gewonnen wird. „Wir hatten bei der Produktion sehr viel Abwasser mit Salz“, so Durach. Zwei Jahre wurde getüftelt, um den Wertstoff zurückzugewinnen.

    Derzeit läuft ein Pilotprojekt: Mitarbeiter hierzulande bekommen auf Wunsch zu attraktiven Konditionen eine Solaranlage auf ihr Privatdach. Unter einer Bedingung: Der überschüssige Strom wird an Develey verkauft. Dafür erhalten Mitarbeiter einen attraktiveren Preis als vom öffentlichen Netz. Für Develey ist der Strom dennoch günstiger. So baut die Firma ihren eigenen Ökostromkreislauf auf.

    Für Durach ist das eine Win-win-Situation für alle: Unternehmen, Mitarbeiter und das Weltklima. „Wir wären heute nicht so weit, hätten meine Kinder vor zwölf Jahren nicht den Anstoß gegeben.“

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