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24.11.2020

04:00

Serie Klimapioniere

Wie HP nicht ganz freiwillig zum Umwelthelfer wurde

Von: Axel Postinett

Als Hersteller von Druckerpapier und Elektrogeräten stand HP in Sachen Umweltschutz oft in der Kritik. Mittlerweile hat sich einiges geändert. 

Umweltschutz war nicht das erste, was bei HP auf der Agenda stand.  AFP

HP

Umweltschutz war nicht das erste, was bei HP auf der Agenda stand. 

San Francisco Am 12. Januar 2010 brach die Welt im Inselparadies Haiti im wahrsten Sinne des Wortes zusammen. Ein verheerendes Erdbeben kostete nicht nur unzählige Leben. Praktisch die gesamte Infrastruktur wurde zerstört, einschließlich der Frischwasserversorgung. 

Viele der Überlebenden im ärmsten Land der westlichen Hemisphäre müssen seitdem mit Wasser aus Plastikflaschen versorgt werden. Luftaufnahmen zeigen gigantische Landflächen, übersät mit Plastikmüll. Irgendwann einmal, so die Befürchtung, wird dieser ganze Müll angesichts fehlender Alternative im Ozean entsorgt werden.

Der Computer- und Druckerhersteller HP will aus der Not dieser drohenden Umweltkatastrophe eine kleine Tugend machen. Eine Recyclinganlage schreddert Unmengen angelieferter Einwegflaschen in kleine Schnipsel, wäscht sie, verarbeitet das gewonnene Material zu Granulat, das zu neuen Farbkartuschen, Drucker-Gehäusen oder Verpackungen verarbeitet werden kann. Die Anlage schafft Arbeitsplätze, Steuereinnahmen und Einkommen für Flaschensammler, die mit dem Müll ihren Lebensunterhalt bestreiten.

So wie Rosette, die bei dem Erdbeben mit ihrem Mann auch den Vater ihrer fünf Kinder, ihr Haus und allen Besitz verlor. Lange lebte sie mittellos in löchrigen Zelten. Heute sammeln sie und andere Bewohnern ihres Dorfes Plastikflaschen für die Fabrik. Mit dem Geld, sagt sie, kann sie Miete bezahlen und endlich ihre Kinder wieder zur Schule schicken. Laut HP verdienen sich über 1.000 Flaschensammler so mittlerweile ihren Lebensunterhalt.

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    HP ist seit 2016 auf Haiti, aber der modernste Teil der Umweltfabrik, eine Waschstraße für Plastikmüll, war erst für 2020 geplant. Das Zwei-Millionen-Dollar-Projekt kam aufgrund der Pandemie nun zwar zum völligen Stillstand. Weil Spezialisten aus Deutschland, Kanada und den USA zur Installation der vom deutschen Mittelständler STF-Group nahe Passau gefertigten Anlage nicht mehr einreisen konnten, wurden kurzerhand einheimische Kräfte per Online-Schulungen ausgebildet und via Video angeleitet, das Werk aufzubauen. 

    Es ist jetzt Teil eines Kreislaufmodells, bei dem sich HP verpflichtet, bis 2025 einen Anteil von 30 Prozent recyceltem Plastik in allen Produktkategorien zu verwenden. Seit 1991 wurden nach eigenen Angaben zusätzlich zu rund 875 Millionen ausrangierten HP-Kartuschen gut 4,69 Milliarden Plastikflaschen wiederverwendet. Allein 2019 waren es nur in Haiti 60 Millionen Plastikflaschen, die sonst in den Meeren gelandet werden. Ach ja, und 114 Millionen Plastik-Kleiderbügel auch. 

    In den 80er Jahren wurde Hewlett-Packard von der Umweltbewegung kritisiert

    So umweltbewusst war HP beziehungsweise Hewlett-Packard allerdings nicht immer. 1939 wurde der Milliardenkonzern in einem Schuppen hinter einem kleinen Einfamilienhaus in Palo Alto, Kalifornien, gegründet. Das Unternehmen wuchs zum zeitweilig größten Technologiekonzern der Welt heran.

    Den ersten großen Auftrag bekamen die beiden Gründer Bill Hewlett und David Packard von einer zweiten späteren kalifornischen Legende: Die aufstrebenden Walt Disney Studios bestellten eine Handvoll Audio-Messgeräte für die Produktion des Animationsfilms „Fantasia“ - mit einer Maus mit komischen Ohren in der Hauptrolle.

    An Umweltschutz wurde damals in der Garage hinter dem Haus Nummer 367 in der Addison Avenue, heute offiziell der „Geburtsort des Silicon Valley“, allerdings nicht gedacht. Im Backofen der Küche wurden erst die Leiterplatten für die bestellten Geräte „gebacken“, danach der Braten fürs Abendessen von Familie und Mitarbeitern. Die Abwässer landeten im Ausguss.

    Das hat sich dramatisch geändert. Zum Teil, weil die Gründer vom Umweltschutz überzeugt waren. 1966 wurden in eigenen Anlagen Abermillionen gebrauchte Lochkarten aufgearbeitet und wiederverwendet.

    Zum Teil aber auch, weil es eine schlichte Notwendigkeit war, um in einer sich wandelnden Zeit zu überleben. Weltweit stiegen die staatlichen Anforderungen an den Umweltschutz kontinuierlich.

    Grafik

    2015 wurde der Konzern im Rahmen einer großen Konsolidierungsaktion in zwei Unternehmen aufgespalten. Eines davon ist HP Enterprise, das andere die HP Inc. mit 59 Milliarden Dollar Umsatz in 2019, um die es in diesem Artikel geht.

    HP Inc. (Börsenkürzel HPQ) ist spezialisiert auf kommerzielle und Konsumenten-Drucktechnik, Druckerfarben, Papiere sowie Computer, Laptops und Monitore. Mit anderen Worten: HP geriet sehr schnell ins Fadenkreuz der Umweltbewegungen, die in den 80er-Jahren an Bedeutung gewannen. Bei Themen wie Abholzung, Verpackungsmüll oder Plastik in den Weltmeeren - immer tauchte der Name HP auf.

    Zunächst nur als Verursacher, doch mittlerweile auch als Vermeider von Müll sowie praktizierender Umweltschützer. Statt aus Holzfasern werden Paletten heute aus Stroh gefertigt, statt aus quietschenden Styroporklammern zieht man seinen HP-Laptop heute aus einer Schutzverpackung aus geformtem, 100 Prozent recycelbarem Zellstoff. Allein das soll 2019 rund 214 Tonnen Plastikschaum eingespart haben.

    HP-Kunden können alte Geräte und verbrauchtes Material in Recyclingzentren abgeben

    Das „Wall Street Journal“ analysierte 5500 Unternehmen weltweit, und HP Inc. landete 2020 auf dem achten Platz der weltweit „am nachhaltigsten“ geführten Unternehmen der Welt. Die Plätze eins bis drei belegten Sony, Philips und Cisco. Der deutsche Merck-Konzern erreichte den vierten Platz. Zum Vergleich: Samsung schaffte es nur auf Rang 28, Apple landete auf dem 68. Platz.

    Als namhafter Hersteller von Computern, speziell Laptops und Chromebooks, sowie Druckern aller Größenordnungen ist HP auch im Fokus, wenn es um Elektroschrott geht, definiert als ein Produkt, das entweder eine Batterie oder einen Stecker oder beides hat. Elektroschrott ist die am schnellsten wachsende Müllgattung in der westlichen Welt.

    Laut Global E-Waste-Monitor, einer UN-nahen Non-Profit-Organisation, die auch vom deutschen Ministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) unterstützt wird, sind 2019 weltweit 53,6 Millionen Tonnen Elektroschrott angefallen oder 7,3 kg pro Kopf der Erdbevölkerung. Nachweislich recycelt wurden davon nur 9,3 Millionen Tonnen. Das sind zwar mehr als die 1,8 Millionen Tonnen in 2014, aber bei Weitem nicht genug. 

    Vom Rest landet viel, oft fälschlich als wiederverwendbar deklariert, in Containern, importiert aus den reichen Kontinenten Europa, Asien oder Amerika, in afrikanischen Häfen und schließlich als schwermetallverseuchter Giftmüll auf wilden Deponien oder im Ozean. Die USA sind mit Abstand der größte Produzent von E-Waste.

    Seit 1991 wurden nach eigenen Angaben gut 4,69 Milliarden Plastikflaschen wiederverwertet. HP

    Recycling

    Seit 1991 wurden nach eigenen Angaben gut 4,69 Milliarden Plastikflaschen wiederverwertet.

    HP hat ein Programm mit dem Ziel aufgelegt, zusammen mit seinen Vertriebspartnern bis 2025 rund 1,2 Millionen Tonnen Hardware und Druckermaterial sowie Farbkartuschen zu recyclen. Bei Tonerpatronen liegt die Wiederverwendungsrate bereits bei 98 Prozent. Diese Initiative kommt zusätzlich zu den eigenen Umweltschutzbemühungen des Konzerns. 

    Kunden können alte Geräte und verbrauchtes Material in HP-Recyclingzentren abgeben, Restwerte auf Neukäufe angerechnet bekommen, noch funktionierende Geräte zur Weiterverwertung spenden oder gegen Geld zurückgeben. Immerhin wird geschätzt, dass weltweit seltene Edelmetalle wie Gold, Silber oder Kupfer in PCs, Smartphones, Monitoren oder Tablets im Wert von weit über 50 Milliarden Dollar irgendwo auf Mülldeponien enden.

    Das Umweltengagement ist manchmal aber auch nicht ganz uneigennützig. Für HP als einer der weltweit größten Hersteller von Druckern und Druckerpapier ist natürlich die „Deforestation“ ein Problem, das Verschwinden der Wälder, sei es durch Waldbrände oder wilde Abholzung wie gerade erst wieder in Brasilien, wo die Feuer teilweise vorsätzlich als Brandrodung gelegt worden sein sollen. Laut UN gehen so jährlich 75.000 Quadratkilometer Wald verloren, das ist fast die gesamte Fläche Panamas.

    HP versichert: „Wir wissen, wo jedes Blatt herkommt“

    Das sorgt bei einer Firma aus der Druckerindustrie natürlich schnell für negative Publizität. Wenn die Kunden abends in den Nachrichten brennende Wälder sehen und unter jeder E-Mail im Büro den drohenden Hinweis finden: „Überlegen Sie es sich dreimal, ob Sie das jetzt ausdrucken wollen“, wird der Klick auf den Druckknopf zum sozialen Stigma.

    HP will dieses schlechte Gewissen der Kunden verhindern und gleichzeitig die Umwelt schonen. „Wir stellen sicher, dass unser Papier nur aus Hölzern gewonnen wird, die explizit für die Papiererzeugung angepflanzt wurden“, so Siegfried Dewaldt, verantwortlich für Nachhaltigkeit und Compliance bei HP Inc. für die Region Deutschland, Österreich und Schweiz, im Gespräch mit dem Handelsblatt. 

    HP wisse, wo jedes Blatt herkommt, und überprüfe und zertifiziere auch seine Lieferanten entsprechend. „Für unsere Produkte findet keine wilde Abholzung statt“, stellt Dewaldt klar. Das soll auch der Kunde wissen. Im laufenden Jahr hat HP zusätzlich bereits rund elf Millionen Dollar für Wiederaufforstung investiert in Ländern wie „Irland, Brasilien oder China“. Dabei rede man mit Umweltorganisationen wie dem WWF, wo gerade eine Wiederaufforstung am sinnvollsten sei.

    Ein großes Thema für die Zukunft ist aber auch der industrielle 3D-Druck. „Das Ziel ist es, Bauteile oder ganze Geräte nur noch bei Bestellung zu drucken, so wie heute Bücher“, erklärt Manager Dewaldt. Die Vorteile liegen klar auf der Hand: Auf weltweit verteilten 3D-Druckfarmen wird quasi direkt beim Käufer vor der Tür produziert, statt Ware um die halbe Welt zu verschiffen und in Lagerhäusern zu stapeln. 

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    Neue Produktions- und Designtechniken ermöglichen zudem eine Reduzierung von Gewicht und Materialmenge. Das spart Rohmaterialien, Lagerfläche, Treibstoff für den Transport, verbessert die CO2-Bilanz und spart natürlich Geld.

    HP ist heute schon ein führender Anbieter für 3D-Druck in Kunststoff und zunehmend auch in Metall. Die noch junge Industrie forscht an immer neuen Materialien, Rohstoffen, Druckverfahren. Nicht zuletzt die Pandemie von 2020 mit ihrer teilweise massiven Unterbrechung von Lieferketten in Industrie und Handel hat die Vorteile von 3D-Druck schlagartig in den Vordergrund gerückt und die Forschung beschleunigt. Hier gehen, so HP, Umweltschutz und Innovation wieder Hand in Hand. 

    Oder eben Umweltschutz und Wirtschaftlichkeit. Denn alles, was HP an Material spart, sei es durch Recycling, 3D-Druck oder mehr Effizienz, sorgt schließlich am Ende für eine bessere Bilanz. 

    Serie – Klimapioniere der Wirtschaft: Es gibt kaum einen Tag, an dem nicht ein neues Unternehmen auf der Welt seine frisch gesetzten Klimaziele und Ambitionen für die Energiewende erklärt. Dabei gibt es einige, die dem Trend der „Green Economy“ schon lange vorausgehen und seit vielen Jahren beweisen, dass Ökologie und Ökonomie kein Widerspruch sein müssen. In unserer Serie stellen wir ein paar dieser „Klimapioniere“ vor.

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