Handelsblatt App
Jetzt 4 Wochen für 1 € Alle Inhalte in einer App
Anzeigen Öffnen
MenüZurück
Wird geladen.

07.12.2020

12:44

Serie Klimapioniere

Wie Ørsted vom Öl- und Gaskonzern zum größten Windunternehmen der Welt wurde

Von: Helmut Steuer

Unternehmen wie BP und Shell versuchen noch, sich der neuen Energiewelt anzupassen. Doch ein Konkurrent aus Dänemark hat längst gezeigt, wie der Wandel funktioniert.

Während andere Ölkonzerne sich erst langsam bewegen, hat Orsted die Wende schon geschafft. obs

Orsted

Während andere Ölkonzerne sich erst langsam bewegen, hat Orsted die Wende schon geschafft.

Stockholm Es war ein guter Tag, vergangene Woche vor dem Højesteret, dem Obersten Gerichtshof in Kopenhagen. Zumindest für Ørsted. Das Offshore-Windanlagenunternehmen darf den Namen des legendären dänischen Physikers und Chemikers Hans Christian Ørsted nun endgültig führen, urteilten die Richter und wiesen die Klage von sieben Nachfahren des Entdeckers der magnetischen Wirkung des Stroms ab.

„Wir änderten den Namen 2017 in Ørsted als eine Würdigung an H.C. Ørsted, einen der größten dänischen Wissenschaftler aller Zeiten“,  freute sich Henrik Poulsen, Chef des größten Offshore-Windanlagenunternehmens der Welt. Dabei sollte der Namenswechsel von Dong Energy zu Ørsted vor allem eines signalisieren: die radikale Kehrtwende von einem großen CO2-Verursacher zu einem der nachhaltigsten Unternehmen der Welt.

Für Poulsen, der spätestens Ende kommenden Monats die Führung des Konzerns abgibt und im Frühjahr für den Aufsichtsrat kandidiert, war die endgültige Entscheidung der Richter deswegen ein weiterer wichtiger Schritt in Richtung eines „grünen Konzerns“. H.C. Ørsted entdeckte vor 200 Jahren den Elektromagnetismus und legte damit den Grundstein dafür, wie heute Strom produziert wird.

Und genau das macht Ørsted: Es produziert Strom. Viel Strom. Mit Windkraftanlagen auf dem Meer. Mittlerweile ist das Unternehmen mit seinen 6100 Mitarbeitern unangefochtener Weltmarktführer bei der Planung und dem Betrieb von Offshore-Windparks. Und belegt in diesem Jahr den ersten Platz der nachhaltigsten Unternehmen der Welt im Ranking von „Corporate Knights“, einem Unternehmen für Medien-, Forschungs- und Finanzinformationsprodukte.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Noch vor zehn Jahren war Dong Energy, wie das Unternehmen damals hieß, allerdings Dänemarks größter Fernwärme- und Stromproduzent und einer der größten CO2-Emittenten in der Branche. „85 Prozent unserer Wärme- und Stromproduktion stammten aus der Kohleverbrennung, nur 15 Prozent aus erneuerbaren Energien“, erklärte Martin Neubert, Chef der Offshore-Windsparte bei Ørsted in einem Interview mit der Beratungsfirma McKinsey.

    Doch mit der Ölpreiskrise 2014 und dem gescheiterten Versuch, ein Kohlekraftwerk in Mecklenburg-Vorpommern zu bauen, kam in Fredericia, dem Hauptsitz des Unternehmens, die Einsicht, dass die Geschäftsausrichtung radikal verändert werden muss.

    Eine neue Strategie musste her, ansonsten hätte der Konzern, der sich bis heute mehrheitlich in Staatsbesitz befindet, möglicherweise nicht überlebt.

    Grafik

    Nach mehr als einem Jahr intensiver Diskussionen stand die neue Strategie. „85/15“ beinhaltete eine radikale Umkehr des bisherigen Energiemixes. Künftig sollten 85 Prozent der Stromproduktion aus erneuerbaren Energieträgern gewonnen werden und nur noch 15 Prozent aus konventionellen.

    Da Dong schon vor dem Namenswechsel einige wenige Windanlagen auf See betrieb, entschied sich die Konzernleitung, auf die Offshore-Energie zu setzen. „Wir waren gezwungen, uns zu ändern, weil wir in einer wirtschaftlich schwierigen Lage waren“, erklärte Ørsted-Chef Poulsen dem Handelsblatt. Das Unternehmen trennte sich von seinem Öl- und Gasgeschäft, beschloss radikale Kosteneinsparungen und setzte nahezu vollständig auf Windkraft im Meer. 

    „Es wurde ein völlig neues Unternehmen“, so Poulsen. Die „Harvard Business Review“ bezeichnete die Abkehr von fossilen und die Hinwendung zu erneuerbaren Energieträgern als „eine der zehn größten Unternehmenstransformationen des letzten Jahrzehnts“.

    Als Zielvorgabe für die Umsetzung des 85/15-Programms wurde das Jahr 2040 genannt. Doch die Geschwindigkeit des Umwandlungsprozesses überraschte selbst die Konzernleitung.

    Mittlerweile geht das Unternehmen davon aus, dass man bereits 2025 klimaneutral Energie produzieren wird. Seit der „Energiewinde“, wie man bei Ørsted die Umstellung auf Offshore-Windparks mit einem Augenzwinkern bezeichnet, hat das Unternehmen seine Emissionen um 86 Prozent gesenkt.

    Für Noch-Chef Poulsen ist die Umstellung seines Konzerns alternativlos, „wenn wir den weltweiten Temperaturanstieg auf höchstens 1,5 Grad begrenzen und die beschleunigte Zerstörung unserer globalen Ökosysteme vermeiden wollen“.

    Die Transformation war ein kühner Schritt, denn zu der Zeit waren Offshore-Windparks noch kleine Anlagen mit einer maximalen Leistung von 160 Megawatt – weit entfernt also von den gigantischen Parks heute, die bis zu 714 Megawatt leisten. 

    Und es gibt noch Luft nach oben: Die Ein-Gigawatt-Grenze wurde von Hornsea One vor der englischen Ostküste bereits geknackt. Der größte Offshore-Windpark der Welt liefert 1218 Megawatt. Werden alle geplanten Ausbaustufen umgesetzt, kommt Hornsea in einigen Jahren sogar auf sechs Gigawatt.

    Grafik

    Mittlerweile spielt Ørsted mit seiner Produktionskapazität von rund 11 Gigawatt im Konzert der ganz großen Energiekonzerne mit. Einige Offshore-Parks sind mehrere Hundert Quadratkilometer groß. Und es scheint, als habe die dänische Regierung, die immer noch mit 50,1 Prozent die Mehrheit an Ørsted hält, von dem Unternehmen gelernt.

    Ende vergangener Woche kündigte die sozialdemokratische Minderheitsregierung an, sich vollständig aus dem Öl- und Gasgeschäft zurückzuziehen. Bis 2050 will der größte Öl- und Gasproduzent der EU komplett aus der Förderung fossiler Energien aussteigen. 

    „Unser Beschluss wird in der ganzen Welt auf breiten Widerhall stoßen“, erklärte Dan Jørgensen, Dänemarks Minister für Klima, Energie und Versorgung. Ab sofort werden keine Förderlizenzen mehr vergeben. Die Schließung der 55 Ölplattformen auf den 21 Ölfeldern in der Nordsee ist die Folge eines Regierungsbeschlusses, ab 2050 völlig fossilfrei zu sein. Damit geht eine Ära im kleinen Königreich zu Ende, denn das Land fördert seit 1972 Öl und Gas.

    Trotzdem ist Dänemark auch jetzt schon Vorreiter in Sachen nachhaltiger Energie. Im vergangenen Jahr überstieg der Strom aus Erneuerbaren erstmals die Marke von 50 Prozent. Und bis 2030 will das kleine Land mit seinen rund 5,8 Millionen Einwohnern 100 Prozent seines Stroms aus erneuerbaren Energien produzieren. Ørsted wird bei der Erreichung dieses Ziels eine große Rolle spielen.

    Derzeit betreibt Ørsted 22 Offshore-Parks und plant weitere in Dänemark, Deutschland, Großbritannien, den Niederlanden, in den USA und in Taiwan. 2022 werden die Offshore-Windkraftwerke Strom für deutlich mehr als zehn Millionen Haushalte liefern. 

    Grafik

    Bis 2030, so haben es sich die Dänen vorgenommen, wollen sie die Produktionskapazität auf 30 Gigawatt ausbauen. Europa ist derzeit die Region, in der Zweidrittel der weltweit installierten knapp 6000 Windturbinen stehen. Allein in Deutschland versorgt Ørsted derzeit rund 1,4 Millionen Haushalte mit Strom. 

    In den kommenden zwei Jahren kommen weitere 1,2 Millionen hinzu. Doch Asien und auch die USA sind im Kommen und machen Ørsted Hoffnung auf neue Märkte. Das Unternehmen hat sich zwar auf Offshore-Anlagen spezialisiert, bietet aber auch Onshore- und Solaranlagen sowie Energiespeicherungslösungen an.

    Das breitere Angebot sei notwendig, da die Konkurrenz in Form der großen multinationalen Ölkonzerne wie Shell, BP oder Total wächst, weiß man in der Ørsted-Konzernzentrale. Auch der Rest der Branche sieht sich unter dem Druck von Politik und Investoren mittlerweile gezwungen, deutlich größer in das Geschäft mit grünen Energien einzusteigen.

    Mit seinem Konkurrenten BP, will Ørsted künftig „grünen Wasserstoff“ produzieren. Das gaben beide Unternehmen vor einem Monat bekannt. Grün ist der Wasserstoff, wenn er mithilfe erneuerbarer Energien wie Windkraft erzeugt wird. Bislang werden die notwendigen Elektrolyse-Anlagen hauptsächlich mit Gas betrieben. Doch künftig wird die BP-Raffinerie im Emsland mit einer 50-Megawatt-Elektrolyseanlage den grünen Wasserstoff herstellen. Den Strom liefert Ørsted aus den Offshore-Anlagen in der Nordsee.

    Ørsted ist ein Pionier und hat vorweggenommen, was auch andere Öl- und Gaskonzerne demnächst machen werden oder auf Druck ihrer Investoren machen müssen. Denn die Geldgeber schauen immer stärker auf das Nachhaltigkeitsprofil eines Unternehmens. 

    Aktionäre profitieren von neuer Strategie

    „Die Gewinner in dieser Kategorie wachsen gerade heran, und die Unternehmen, die die Rolle übernehmen, die Ölkonzerne früher gespielt haben, stammen aus der Solar- und Windenergie“, erklärte der UBS-Analyst Sam Arie dem „Wall Street Journal“. Als Beispiel nannte er Ørsted, dass seinen Börsenwert seit der Umstellung um mehrere Hundert Prozent steigern konnte. 

    Tatsächlich haben seine Aktionäre von den Aktivitäten des dänischen Konzerns deutlich profitiert. Erneuerbare gewinnen immer stärker an Bedeutung. Die Wasserstoff-Fantasien treiben die Ørsted-Aktie zudem weiter an, urteilen Experten. 

    Allein in den vergangenen zwölf Monaten sind die Papiere um nahezu 70 Prozent gestiegen. „Wir sind jetzt an einem Punkt angekommen, an dem die Transformation abgeschlossen ist“, erklärte Poulsen auf einer Pressekonferenz, auf der er im Sommer seinen Rücktritt bekanntgab. Mit anderen Worten: Mission completed.

    Serie – Klimapioniere der Wirtschaft: Es gibt kaum einen Tag, an dem nicht ein neues Unternehmen auf der Welt seine frisch gesetzten Klimaziele und Ambitionen für die Energiewende erklärt. Dabei gibt es einige, die dem Trend der „Green Economy“ schon lange vorausgehen und seit vielen Jahren beweisen, dass Ökologie und Ökonomie kein Widerspruch sein müssen. In unserer Serie stellen wir ein paar dieser „Klimapioniere“ vor.

    Klimapioniere der Wirtschaft – alle Teile der Serie

    Essay: Pioniere, Vorreiter und Nachahmer – Warum die Klimawirtschaft endlich boomt

    Politik und Gesellschaft machen Druck beim Klimaschutz – und Unternehmen treten die Flucht nach vorn an. Einige sind dem Rest schon um Längen voraus.

    >> Lesen Sie hier den Beitrag

    Alnatura-Gründer fordert radikalere Maßnahmen für den Klimaschutz

    Seit Jahrzehnten hat sich der Biohändler der Nachhaltigkeit verschrieben. Jetzt drängt der Gründer auf grundlegende Veränderungen in der Wirtschaft. Lesen Sie hier den Beitrag. 

    Suchmaschine Ecosia: Bäume bilanzieren statt Gewinne maximieren

    Christian Kroll hält nichts von Profitmaximierung. Der Erfolg seiner Suchmaschine Ecosia wird in gepflanzten Bäumen gemessen. Nächstes Ziel: 130 Millionen. Lesen Sie hier den Beitrag.

    Putzmittel ohne Plastikverpackung: Everdrop will nachhaltige Produkte aus der Nische führen

    Im ersten Jahr erzielte Everdrop zweistellige Millionenumsätze. Nun will das Start-up mit Pflegeprodukten nachlegen – die Konkurrenz lockt Kunden mit Abos. Lesen Sie hier den Beitrag.

    Doppelter Umsatz, null Emissionen: Wie Hempel nachhaltig wachsen will

    Für die kommenden fünf Jahre hat sich der dänische Lackhersteller einiges vorgenommen. Eine enge Zusammenarbeit mit Lieferanten und Kunden steht im Zentrum der Strategie. Lesen Sie hier den Beitrag.

    Badebomben-Erfinder Lush treibt Kosmetikkonzerne vor sich her

    Unverpackte Produkte und Recycling liegen im Trend: Der britische Kosmetikhersteller Lush gibt mit seinen Umweltideen der Branche den Takt vor. Lesen Sie hier den Beitrag. 

    Wie Armedangels nachhaltige Mode auch für den Mainstream attraktiv macht

    Das Kölner Start-up gilt als Pionier umweltfreundlicher Mode. Jetzt setzt Armedangels auf neue Technologien – mit denen es noch mehr Kunden erreichen will. Lesen Sie hier den Beitrag. 

    Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

    Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

    Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

    ×