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04.08.2022

16:04

Neurowissenschaften

Alzheimer-Forscher Sylvain Lesné unter Betrugsverdacht

Von: Maike Telgheder

Der Fall erschüttert die medizinische Wissenschaft: Der Neurowissenschaftler soll Studien zu den Ursachen von Alzheimer manipuliert haben. Fraglich sind die Folgen für die Medikamentenforschung.

Alzheimer-Forscher Sylvain Lesné unter Betrugsverdacht Twitter

Sylvain Lesné

In mehr als 20 Publikationen soll er manipulierte Abbildungen veröffentlicht haben.

Frankfurt Als Sylvain Lesné vor 16 Jahren eine viel beachtete Studie zu einer möglichen zentralen Ursache der Alzheimer-Erkrankung in der Fachzeitung „Nature“ veröffentlichte, war er, der Hauptautor, gerade mal 32 Jahre alt. Seine Arbeit wurde in der Fachwelt über Jahre als Beleg für die These zitiert, dass Eiweißablagerungen verantwortlich für die tödliche Erkrankung seien.

Jetzt verdichten sich die Hinweise, dass der französische Neurowissenschaftler seine Veröffentlichung manipuliert hat: Sein Fall erschüttert seit einigen Tagen die medizinische Wissenschaft.

Diskutiert wird nicht nur, inwieweit Lesné der gesamten Alzheimer-Forschung geschadet hat. Die Frage ist auch, ob seine Arbeit zu milliardenschweren Fehlinvestitionen in einen Forschungsansatz geführt hat, der bislang keine wirksamen Medikamente hervorbrachte. So intoniert zumindest das Fachmagazin „Science“ die Angelegenheit. Das Magazin hatte das Ganze ans Licht gebracht.

Amyloid-Plaques als Ursache für Alzheimer? Forscher unter Betrugsverdacht

Lesné, Jahrgang 1974, hatte 2006 in einer Forschungsarbeit das Protein namens Abeta*56 als eine der Ursachen für Alzheimer-Demenz dargestellt. Die Studie des seit 2002 an der Universität von Minnesota tätigen Biochemikers zahlte auf die damals weit verbreitete Hypothese ein, dass Eiweißablagerungen – sogenannte Amyloid-Plaques – für die Gehirnstörungen bei einer Alzheimer-Demenz verantwortlich gemacht werden können.

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    Belegt wurde das in der Studie mit einer Reihe von Aufnahmen, die die Eiweißablagerungen im Gehirn von Studienteilnehmern zeigten. Die Aufnahmen waren vermutlich gefälscht, wie das Fachmagazin „Science“ Ende Juli verkündete. Mehr als 20 Publikationen des Franzosen sollen laut „Science“ manipulierte Abbildungen enthalten haben.

    „Amyloid-Mafia“ habe andere Forschungsansätze an den Rand gedrängt

    Bereits im vergangenen Jahr hatte der Neurowissenschaftler Matthew Schrag den Stein ins Rollen gebracht. In den Abbildungen der Lesné-Arbeiten war er auf Ungereimtheiten gestoßen. Schrag wandte sich an „Science“, die mit Unterstützung von Experten mehr als sechs Monate recherchierte und jetzt schwere Vorwürfe gegen Lesné erhebt.

    Sollten sich diese bestätigen, müsste sich nicht nur Lesné verantworten. Auch Vorgesetzte, Mitautoren sowie Fachmagazine, die die Artikel veröffentlicht haben, müssten sich fragen, warum die Manipulationen nicht aufgefallen sind.

    „Es ist verheerend festzustellen, dass ein ehemaliger Mitarbeiter mich und die wissenschaftliche Gemeinschaft mit dem Bearbeiten von Bildern in die Irre geführt hat“, schreibt Karen Ashe, Co-Autorin und Vorgesetzte von Lesné auf der Internetplattform Alzforum. Die Universität von Minnesota habe ein Untersuchungsverfahren gegen Lesné eingeleitet, so Ashe weiter.

    Gleichzeitigt wehrt sich die Wissenschaftlerin aber gegen einen von „Science“ implizit erhobenen Vorwurf: Danach sei mit den Forschungsarbeiten zu Abeta*56 einer Reihe von letztlich fehlinvestierten Medikamentenstudien Vorschub geleistet worden, die an den Wirkmechanismus von Amyloiden, ebendiesen Proteinablagerungen im Gehirn, ansetzen. Es habe bisher keine klinischen Studien gegeben, die speziell dieses Molekül adressiert hätten, so Ashe.

    Die Fachzeitschrift „Science“ hatte argumentiert, dass die Lesné-Arbeiten zur Festigung der Amyloid-Hypothese bei der Entwicklung von neuen Medikamenten beigetragen habe. Etwa die Hälfte der gesamten Alzheimer-Finanzierung fließe in solche Projekte. Wissenschaftler, die sich auf andere mögliche Alzheimer-Ursachen wie Immunstörungen oder Entzündungen konzentrierten, würden beklagen, dass sie von der „Amyloid-Mafia“ an den Rand gedrängt wurden.

    Alzheimer-Krankheit ist nach wie vor unheilbar

    Die bisherigen, auf die Plaques zielenden Medikamente hätten aber noch keine Wirksamkeit bewiesen. Auch nicht das im vergangenen Jahr zugelassene Medikament Aduhelm von Biogen. Obwohl es in zwei Hauptstudien widersprüchliche Ergebnisse zur Wirksamkeit erbracht hatte, ließ es die amerikanische Zulassungsbehörde zu. Biogen hat das Medikament unterdessen in Europa wieder vom Markt genommen.

    Das zeigt, wie hoch der therapeutische Notstand beim Morbus Alzheimer ist, an dem weltweit mehr als 30 Millionen Menschen leiden. Bis heute gibt es kein Medikament, das die Krankheit heilen kann.

    Die letzten Zulassungen auf dem Gebiet erfolgten um die Jahrtausendwende. Die damals eingeführten Wirkstoffe wie Donepezil vom US-Konzern Pfizer oder Memantin von der Frankfurter Pharmafirma Merz zielen nur auf Symptome der Erkrankung und greifen nicht die Ursache an.

    Lesnés Arbeiten zu Amyloid nicht entscheidend für Alzheimer-Forschung

    Verschiedene Wissenschaftler relativieren indes die Rolle der Lesné-Arbeiten für die Alzheimer-Forschung. „Ich hatte den Namen Lesné vor dem Skandal noch nie gehört“, sagte etwa der Alzheimer-Forscher Giovanni Frisoni vom Neurocenter der Universität Genf der „Neuen Zürcher Zeitung“. „Die Arbeiten von Lesné sind keineswegs die entscheidenden“, meint auch sein Kollege Robert Perneczky von der Universität München. Die Studien zum Lesné-Molekül Abeta*56 seien nicht die wichtigsten Grundlagen der Medikamentenentwicklungen der letzten Jahre gewesen, betonen beide.

    Ebenso äußert sich Neurowissenschaftler Mathias Jucker, Professor und Direktor am Hertie-Institut für klinische Gehirnforschung der Universität Tübingen auf Alzforum: „Die Implikationen, die der ,Science‘-Artikel unterstellt, sind übertrieben.“ Das Lesné/Ashe-Papier habe viel weniger Einfluss auf die Richtung in dem Forschungsfeld gehabt, als in „Science“ behauptet werde. „Ich glaube nicht, dass sich das Forschungsfeld ohne die Lesné-Arbeit anders entwickelt hätte“, so Jucker.

    Erstpublikation: 02.08.22, 17:55 Uhr.

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