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27.05.2022

12:00

Öl-Embargo

Mal eben die Ölsorte wechseln geht nicht: Wie sich Schwedt auf das Embargo vorbereitet

Von: Kevin Knitterscheidt

Die Raffinerie in Schwedt verarbeitet russisches Öl und versorgt Ostdeutschland mit Sprit. Jetzt soll das Start-up Industrial Analytics beim Umstieg auf arabisches Öl helfen.

Die Anlage ist seit jeher darauf ausgelegt, russisches Urals-Öl zu verarbeiten. Bloomberg

PCK-Raffinerie in Schwedt

Die Anlage ist seit jeher darauf ausgelegt, russisches Urals-Öl zu verarbeiten.

Düsseldorf In der PCK-Raffinerie in Schwedt wächst die Angst, dass die Produktion eingestellt werden muss. Nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine erwägt die Europäische Union ein Ölembargo, das PCK schwer treffen würde. Sollte es dazu kommen, muss die Raffinerie ihren Betrieb schlimmstenfalls einstellen – mit dramatischen Folgen für die Versorgung Ostdeutschlands, wo rund neun von zehn Fahrzeugen mit Treibstoffen aus Schwedt angetrieben werden.

Die Raffinerie von PCK ist seit jeher darauf ausgelegt, russisches Urals-Öl zu verarbeiten. 1964 begann das Werk als Petrolchemisches Kombinat in der DDR damit, in Schwedt daraus verschiedenste Kraftstoffe herzustellen – von Motorenbenzin über Diesel bis Kerosin. Alternative Lieferanten waren seither nicht nötig: Russland lieferte in all den Jahren sowohl preiswert als auch zuverlässig. Doch nun bereitet man sich in Schwedt auf ein Ende der großen Abhängigkeit vor, da das Ölembargo droht.

Richard Büssow mit seinen Unternehmen Industrial Analytics soll dabei helfen, Alternativen für die Raffinerie zu suchen. Mit den Algorithmen, die das Unternehmen entwickelt hat, lassen sich Anlagen aus der Prozessindustrie überwachen, digital simulieren und anschließend optimieren. Dabei macht sich das Unternehmen die Daten zunutze, die beim Betrieb etwa von Pumpen, Turbinen, Rohrleitungen und Kompressoren anfallen.

Industrial Analytics im Rennen gegen das Ölembargo

Auf dieser Basis erstellen die angestellten Mathematiker und Physiker ein Computermodell, das mithilfe von Künstlicher Intelligenz das Verhalten der jeweiligen Maschine digital imitiert und sich mit Simulationsdaten füttern lässt.

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    Derzeit sei Industrial Analytics im Gespräch mit PCK, um zu prüfen, inwieweit sich mithilfe der digitalen Modelle der Anlage ein Umstieg auf andere Ölsorten simulieren lässt, berichtet Büssow. Noch sei allerdings nicht klar, wie die Zusammensetzung im Detail ist. „Deshalb können wir auch nichts Konkretes zur Machbarkeit sagen, bevor wir nicht die entsprechenden Analysen durchgeführt haben.“

    Doch für Krisenzeiten bietet Industrial Analytics die richtigen digitalen Werkzeuge. Das Start-up kann berechnen, wie weit der Durchfluss durch einen Kompressor abgesenkt werden kann, ohne in einen instabilen Betriebsbereich zu gelangen oder den Energieverbrauch zu erhöhen. Oder auch, wie gut die einzelnen Aggregate im Werk mit anderen Ölsorten zurechtkommen, die eine andere Zusammensetzung haben als das russische Öl.

    Vattenfall und Covestro sind ebenfalls Kunden von Industrial Analytics

    Für Büssows Start-up Industrial Analytics, das er 2017 gemeinsam mit einigen Kollegen seines früheren Arbeitgebers MAN Energy Solutions gegründet hatte, ist PCK nicht der einzige Kunde. Auch der Energieversorger Vattenfall arbeitet mit dem Berliner Softwareunternehmen zusammen, ebenso wie der Kunststoffhersteller Covestro. „Wir haben uns auf die Prozessindustrie spezialisiert, weil dort in nahezu allen Segmenten mit denselben Geräten gearbeitet wird“, so der Gründer. Derzeit ist er etwa mit Lebensmittelproduzenten im Gespräch, um die Kundenbasis zu verbreitern.

    Dabei sieht sich der promovierte und auf Akustik spezialisierte Ingenieur im Vorteil gegenüber den Herstellern der einzelnen Maschinen, die in den Anlagenparks der Prozessindustrie zu finden sind. „Wir sind unabhängig und können mit unserem Team jede Maschine modellieren“, so Büssow. Dadurch werde auch der Kunde unabhängiger, der sich bei der Digitalisierung seiner Anlage nicht zwingend auf die Software nur eines Maschinenherstellers festlegen müsse.

    Dieser Artikel erschien zuerst am 25.05.2022 um 15:13 Uhr.

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