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08.09.2019

12:41

Pincamp

ADAC-Start-up will Campingplätze ans Netz bringen

Von: Timm Seckel

Eine Ausgründung des Autoclubs soll die größte europäische Buchungsplattform für Campingplätze werden. Das Problem: Tausenden Plätzen fehlen die nötigen Programme.

Ein Start-up des ADAC soll zur größten europäischen Buchungsplattform für Campingplätze werden. (Foto: TCS Campingplatz Morges) TCS Campingplatz Morges

Campingplatz

Ein Start-up des ADAC soll zur größten europäischen Buchungsplattform für Campingplätze werden.

(Foto: TCS Campingplatz Morges)

Düsseldorf Was der Brockhaus für den wissbegierigen Leser und der Otto-Katalog für den analogen Einkäufer war, das ist der gedruckte ADAC-Campingführer für den Wohnmobilbesitzer. Ein dickes Nachschlagewerk, in dem tausende Campingplätze in Europa verzeichnet sind.

Der Clou dabei: Jeder einzelne Platz ist nach Angaben des Automobilclubs von Mitarbeitern getestet und bewertet, garantierte Verlässlichkeit ist das Verkaufsargument. Urlauber finden so Informationen zu Lage, Sauberkeit und Sonderpreisen.

Dennoch fallen die beiden Bände mit insgesamt mehr als 2500 Seiten aus der Zeit. Der Anteil der online gebuchten Reisen nimmt Jahr für Jahr zu. Nach Zahlen des Verbands Internet-Reisevertrieb (VIR) wurden im vergangenen Jahr 55 Prozent aller Urlaube im Netz gebucht.

Doch in der Campingbranche funktioniert vieles noch analog. Camper erfragen freie Plätze an jedem Ort einzeln, Buchungen funktionieren mit Zettel und Stift. Von rund 26.000 Campingplätzen in Europa sind nur etwa 4000 vollständig digital buchbar, schätzt der ADAC. „Gerade Deutschland ist da noch ziemlich hinterher“, sagt Uwe Frers, Geschäftsführer von Pincamp, dem hauseigenen Start-up des Autoclubs, auf der Branchenmesse Caravan Salon in Düsseldorf.

Frers und sein Team verfolgen deshalb ein ehrgeiziges Ziel, das das Ende des Campingführers bedeuten könnte. Innerhalb der kommenden Jahre sollen tausende Plätze über die Plattform Pincamp digital buchbar werden. Für Camper soll in fünf Jahren ein „nennenswerter Anteil“ der europäischen Stellplätze verfügbar sein.

Bislang bekommen Besucher der Pincamp-Website nur Informationen über die vom ADAC getesteten Plätze. Doch Ende September will Frers die ersten Campingplätze online anbieten, circa 2500 Standorte sollen Anfang 2020 verfügbar sein. „Jeder Platz, den man im Internet buchen kann, muss über uns buchbar sein“, gibt der Geschäftsführer als Zielvorgabe aus.

Dass es noch keine umfangreiche Buchungsplattform für Campingplätze in Europa gibt, überrascht zunächst. In Deutschland gab es im Jahr 2016 eine kleine Gründungswelle von Start-ups, drei Firmen wollten Internetseiten zur Buchung schaffen. Heute ist keines der Unternehmen noch aktiv. „Sie haben unterschätzt, wie wichtig und gleichzeitig schwer es ist, Vertrauen aufzubauen“, sagt Frers.

Die Campingbranche unterscheide sich wesentlich von der Hotellerie oder dem Geschäft mit Pauschalreisen. Die große Mehrheit der Plätze ist familiengeführt, Kettenstrukturen wie in der Hotelbranche gibt es unter den Campingplatzbetreibern kaum. Das mache die Arbeit besonders kleinteilig, sagt Frers. Die jahrzehntelangen Kontakte des ADAC in die Branche will er nutzen, um Vertrauen in seine Pläne zu schaffen.

„Keiner will, dass die Platzbetreiber mal so abhängig von einer Plattform werden, wie die Hoteliers mit Booking.com“, so Frers. Die Campingbranche sei durch extreme Saisonalität und hohe Loyalität der Urlauber geprägt. Spezielle Bedingungen, auf die Frers sich einstellen muss.

Kooperation mit ausländischen Autoklubs

Seine 40 Mitarbeiter sind damit beschäftigt, nach und nach alle knapp 3000 deutschen Campingplätze ans Netz zu bringen. Sie bieten Schulungen an, machen Vorschläge für Verwaltungssoftware und erklären ihr Konzept. „Das dauert“, sagt Frers. Elf Millionen Euro hat er dafür in den nächsten fünf Jahren zur Verfügung. Laufen die Buchungen erstmal an, soll sich das Portal über Provisionen finanzieren. Ein Teil des Buchungspreises jedes Kunden fließt dabei direkt an Pincamp.

Dass Online-Buchungen im Campingmarkt zum Standard werden, glaubt auch Christian Günther, Geschäftsführer des Bundesverbandes der Campingwirtschaft. Man könne heute nicht mehr einfach losfahren und erwarten, einen freien Stellplatz zu finden. Besonders in der Hauptsaison seien viele Plätze vollständig ausgebucht, sagt Günther.

Ob die Digital-Offensive des ADAC erfolgreich sein könnte, will Günther nicht beurteilen. Aber: „Langfristig wird das zur Standortfrage“, erwartet er. Plätze ohne Möglichkeit im Netz zu buchen würden für Camper immer unattraktiver.

Damit einmal alle europäischen Stellplätze über Pincamp gebucht werden können, kooperiert die ADAC-Tochter mit anderen Autoclubs aus dem Ausland. Das Ziel ist, dass diese unter dem identischen Markennamen ein Buchungsportal für ihr jeweiliges Land schaffen und dieses dann mit den anderen zusammengeführt wird. Mit an Bord ist bereits der Touring Club Schweiz, dessen Angebot im kommenden Jahr startet.

In stark digitalisierten Campingmärkten wie Frankreich und den Niederlanden gebe es bereits Online-Plattformen, diese seien aber auf den nationalen Markt konzentriert. Das französische Portal „Camping and Co“ bedient vor allem Plätze in Frankreich und Italien, nur ein Bruchteil der deutschen Stellflächen sind im Angebot.

Den großen Wurf mit einer Plattform, auf der man sowohl Plätze als auch die passenden Wohnmobile mieten kann, will Frers indes noch nicht wagen. Für das Start-up seien Fokus und Geschwindigkeit besonders wichtig, deshalb konzentriere Pincamp sich zunächst auf die Buchung der Campingplätze. Auch dem gedruckten Campingführer gibt er noch ein paar Jahre. Eines Tages werde es diesen „Bruch“ geben, aber bis dahin habe das Nachschlagewerk weiterhin seine Berechtigung.

Mehr: Das Interesse der Deutschen an Wohnmobilen wächst seit Jahren. Dieses Start-up bietet deshalb Caravans im Sharing-Modell an.

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