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18.05.2022

18:29

Porträt

Elon Musk ist Visionär – doch zunehmend steht er alleine da

Von: Felix Holtermann

Der Unternehmer will zu den Sternen – und hat bereits die Welt verändert. Doch nach Jahren des Aufstiegs fehlt es zunehmend an Korrektiven.

Auf wen hört er noch? dpa

Elon Musk

Auf wen hört er noch?

New York Es gibt diese Momente, da ist Elon Musk ganz bei sich. Wie ein begeisterter Junge steht er am 10. Februar 2022 auf seiner Starbase in Texas. Die Sonne ist untergegangen, hinter ihm schimmert silbern das riesige, superschwere Starship von SpaceX. Es soll Menschen auf den Mars bringen. Und darüber hinaus. „Lasst uns das wahr machen!“, ruft Musk den Zuhörern zu und strahlt.

Es gibt viele Videos des Tesla-Chefs, in denen er über Elektroautos spricht, über Tunnelbohrmaschinen und Flammenwerfer. Aber nie wirkt er so gelöst, wie wenn er über seine erste Leidenschaft redet: die Raumfahrt. „Du möchtest morgens aufwachen und daran glauben, dass die Zukunft großartig wird“, sagt Musk. „Und genau darum geht es bei einer raumfahrenden Zivilisation. Ich kann mir nichts Aufregenderes vorstellen, als hinauszugehen zu den Sternen.“

Der Glaube an die Zukunft, er kann Berge versetzen, das weiß der 50 Jahre alte Unternehmer. Geboren wurde er in Südafrika, programmiert mit zwölf sein erstes Computerspiel. Mit 16 Jahren wandert er mit seinem Bruder nach Kanada aus, macht in Philadelphia einen Bachelor-Abschluss in VWL und Physik.

1999 gründet er die Firma, aus der Paypal werden sollte, und revolutioniert das Bezahlen im Internet. Als Ebay die Firma 2002 für 1,5 Milliarden Dollar kauft, ist Musk ein gemachter Mann.

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    Im selben Jahr gründet er SpaceX. 2004 investiert er in Tesla. Drei Langzeitpartnerinnen hat er über die Jahre und heute sieben Kinder. Aber bei Musk ist immer klar, worauf der Fokus liegt: dem Geschäft.

    „Musk weiß genau, was er will. Und er mag keine Kompromisse“, sagt Steve Adler. Er ist Bürgermeister von Austin, der elftgrößten Stadt der USA, und hat Musk dazu gebracht, die neue Tesla-Gigafactory in der Nähe anzusiedeln.

    Über den Tesla-Chef: „Elon kann zuhören. Wenn er will“

    Um den Unternehmer zu überzeugen, griff Adler zu einem ungewöhnlichen Mittel: Im Frühjahr 2020, zu Beginn der Coronapandemie, lud Adler Musk in sein Privathaus ein. „Ich war aufgeregt“, erinnert sich Adler im Gespräch mit dem Handelsblatt. „Musk kam direkt zur Sache.“ Am Esstisch versprach der Bürgermeister, die nötigen Planungs- und Genehmigungsprozesse schnell abzuwickeln. Hinzu kamen Steuererleichterungen. Musk war zufrieden.
    Zur Fabrikeröffnung war Adler eingeladen. Reden durfte der Bürgermeister nicht.

    Musk siedelte eine seiner Gigafactories in Austin, Texas an. AP

    Tesla in Austin

    Musk siedelte eine seiner Gigafactories in Austin, Texas an.

    Musk hat erklärt, unter dem Asperger-Syndrom zu leiden, einer leichten Form des Autismus. Tatsächlich tut sich der Unternehmer oft schwer im Umgang mit anderen Menschen. Reden hält er stockend, als suche er nach den richtigen Worten. „Elon kann sehr genau zuhören. Wenn er will“, sagt ein Ex-Tesla-Manager, der zur Gründungsmannschaft des Autoherstellers gehörte. „Wenn ihn ein Thema interessiert, dann kennt er alle technischen Details.“

    Berühmt ist die Episode, wie Musk auf dem Boden seines Büros in der Tesla-Fabrik schlief. „Elon akzeptiert kein Nein. Er setzt ein absurd hohes Ziel. Und erwartet dann, dass alle es möglich machen. Egal wie“, erinnert sich der Manager. Als eine neue Logistikchefin, die Tesla von der US-Armee geholt hatte, Musk entgegnete, dass im Jahr maximal 80.000 Autos produziert werden könnten, nicht 100.000 wie von ihm vorgegeben, feuerte er sie. Ihr Nachfolger schaffte die 100.000.

    „Elon kann brutal sein. Wenn er mit deinen Antworten nicht zufrieden ist und du zu oft widersprichst, landest du auf der Abschussliste“, sagt der Ex-Manager. Die Liste an Weggefährten, mit denen Musk sich über die Jahre zerstritten hat, ist lang. Mit Teslas Gründer Martin Eberhard stritt er sich vor Gericht, trat noch Jahre später auf Twitter nach. Aber er schmeißt auch Partys für die Belegschaft, wenn seine Ziele erreicht werden.

    Weggefährten sagen, Elon Musk habe sich verändert

    Über die Jahre hat Musk viele Ziele erreicht – gegen maximale Widerstände. Im Alleingang hat Tesla den Kampf mit den etablierten Autokonzernen aufgenommen, die teilweise auf 100 Jahre Erfahrung zurückblicken. Zunächst belächelt, ist Tesla zu ihrer Nemesis geworden. Und nur dank SpaceX kann die Nasa wieder aus eigener Kraft Astronauten in den Orbit schießen.

    Was machen diese hart umkämpften Erfolge mit ihrem Spiritus Rector? Musk habe sich über die Jahre verändert, sagen Weggefährten. Jürgen Schönstein unterrichtet am MIT in Boston Schreiben und Rhetorik und hat Musk mehrfach interviewt.

    Der Journalist erinnert sich daran, wie einfach das in der Anfangszeit war. „Musk hatte eine hervorragende Assistentin. Die hat mich angerufen: Elon sitzt jetzt eine Stunde am Steuer und hat Zeit“, erzählt Schönstein. „Die Assistentin hat Musk später gefeuert, genauso wie seine Pressestelle. Jetzt ist er für Medien kaum noch erreichbar.“

    Du möchtest morgens aufwachen und daran glauben, dass die Zukunft großartig wird. Elon Musk, Unternehmer

    In seinem Buch „Powerplay“ beschreibt Musk-Biograf Tim Higgins, wie der Zirkel an Leuten, auf den Musk hört, über die Jahre immer kleiner geworden ist. Kritik gilt ihm nicht mehr als Bereicherung, sondern zunehmend als störend, folgt man dieser Darstellung.

    Und das wird auf Dauer zum Problem. Man muss sicher nicht so weit gehen wie der langjährige Musk-Kritiker und Chef des Investmenthauses Stanphyl Capital, Mark Spiegel, der auf einen Absturz der Aktie setzt und Musk einen „pathologischen Lügner“ nennt. Aber es ist auffällig, dass Elon Musk mit seiner „Glauben versetzt Berge“-Mentalität immer öfter aneckt. Oft geht es um Eitelkeiten. Manchmal um Menschenleben. Und fast immer um sehr viel Geld.

    Beispiel Autopilot: Musk behauptet seit Jahren, dass Tesla „dieses Jahr“ das sogenannte Full Self-Driving meistern werde, das der Konzern bereits für 12.000 Dollar Aufpreis für seine Autos verkauft. Doch es gibt immer wieder Unfälle mit Tesla-Autos, deren Fahrer sich auf den Autopiloten verlassen.

    Die US-Verkehrsaufsicht, lange passiv, nimmt Tesla neuerdings in die Zange. Bei der letzten Quartalskonferenz sagte Musk selbst, er habe „noch nie so viele Fehlentwicklungen gesehen“ wie beim Autopiloten.

    Elon Musks „Zirkusshow“ bei Twitter

    Beispiel Twitter: Musk teilt dort seit Langem hart gegen seine Kritiker aus, nicht selten unter der Gürtellinie. Zu Jahresbeginn hatte er heimlich eine Beteiligung an dem sozialen Netzwerk aufgebaut und diese zu spät gemeldet, was die US-Börsenaufsicht gegen ihn aufgebracht hat.

    Der Tesla-Gründer teilt auf Twitter oft gegen andere aus. AP

    Elon Musk

    Der Tesla-Gründer teilt auf Twitter oft gegen andere aus.

    Dann erklärte er im Interesse der „freien Rede“, Twitter übernehmen zu wollen und das Problem der Fake-Accounts anzugehen. Nur um jetzt zu verkünden, den Deal vorläufig auf Eis zu legen – wegen der vielen Fake-Accounts. An der Wall Street wurde das als „Zirkusshow“ kritisiert. Musk gab sich unbeirrt.

    Es gab eine Zeit, da war der Unternehmer kritikfähiger. Als ein US-Journalist ihn fragte, was es mit ihm mache, dass amerikanische Idole, darunter der Mondfahrer Neil Armstrong, seinen Plan der kommerziellen Raumfahrt kritisierten, bricht seine Stimme für einen kurzen Moment. „Das hat mich sehr traurig gemacht, weil das meine Helden sind“, sagte Musk und kämpfte mit den Tränen.

    „Ich wünschte, sie würden hierherkommen und unsere harte Arbeit sehen. Ich will die Raumfahrt doch allen zugänglich machen.“ Auch heute noch berührt der Ausschnitt – da ist er wieder, der begeisterte Junge, der an die Zukunft glaubt. Allein: Die Zeiten, als Elon Musk sich so verletzlich zeigte, sind lange her. Das Interview stammt aus dem Jahr 2012.

    Dieser Artikel erschien zuerst am 15.05.2022 um 17:00 Uhr.

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