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29.08.2022

04:00

Ranking der Kontrolleure

Das sind Deutschlands mächtigste Aufsichtsräte

Von: Tanja Kewes

PremiumEine Analyse der Dax-Kontrollgremien zeigt: Finanz- und Digitalexperten sind gefragt wie nie – und immer mehr Frauen rücken ins Zentrum der Macht.

Die Manager sind drei von Deutschlands mächtigsten Aufsichtsräten. dpa, PR, Thomas Berger

Clara Streit, Nikolaus von Bomhard (M.), Florian Funck

Die Manager sind drei von Deutschlands mächtigsten Aufsichtsräten.

Düsseldorf „Finanzen und Menschen, das sind die Themen, die mich bis heute besonders reizen“, sagt Clara-Christina Streit. Bei der weltgrößten Strategieberatung betreute sie über 20 Jahre Kunden aus der Finanzbranche und Unternehmen in Finanzierungsfragen. Entsprechend ist sie mit dieser Kompetenz auch bei ihren Mandaten bei der Deutschen Börse und Vonovia gefragt. Bei dem Wohnungskonzern leitet sie den Finanzausschuss des Aufsichtsrats.

Bei den insgesamt 365 neu berufenen Aufsichtsräten der Kapitalseite in den vergangenen drei Jahren wies mehr als jeder dritte (36 Prozent) Finanzexpertise auf. Zudem haben neben Nikolaus von Bomhard sieben weitere der zehn einflussreichsten Aufsichtsräte Deutschlands einen Hintergrund in der Finanzbranche oder Erfahrung als Finanzvorstand.

So war der zweitmächtigste Aufsichtsrat der Republik, Michael Diekmann, einst Vorstandschef des Versicherungskonzerns Allianz, und die Nummern vier bis sechs (Florian Funck, Karl-Ludwig Kley, Joe Kaeser) waren oder sind als Finanzvorstand, kurz CFO, tätig.

Für Nicolas von Rosty, Deutschlandchef der Personalberatung Heidrick & Struggles, spiegelt „die Nachfrage nach Finanzexperten für die Aufsichtsräte einen Trend wider, den wir schon seit einigen Jahren auf Vorstandsebene sehen. Dort sind CFOs aufgrund ihrer Kenntnisse und ihrer Erfahrung in der Kapitalmarktkommunikation inzwischen gern genommene CEOs.“

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    Einzig die Nummer drei im Ranking, Karl-Heinz Streibich, sticht als Nichtfinanzer hervor. Er punktet aber mit einer anderen sehr gefragten Expertise: Digitalkompetenz. Streibich führte jahrelang den nach SAP größten deutschen IT-Konzern, die Software AG.

    Die Aufsichtsräte werden professioneller

    Wirtschaftsprofessor Wolff hat zum Stichtag 31. Juli 2022 alle Vertreter der Kapitalseite bei den Aktiengesellschaften in der Dax-Familie (Dax, MDax, SDax) erfasst. Dabei wurden 1071 Aufsichtsratsposten beziehungsweise 960 Mandatsträger berücksichtigt. Zudem wurden die Neuberufungen der vergangenen drei Jahre im Hinblick auf ihre Kompetenzen und auf demografische Faktoren analysiert.

    Nicht nur Finanz- und Digitalexperten sind gefragt, sondern auch Kompetenzen in Sachen Nachhaltigkeit. So wies jeder fünfte der neu berufenen Aufsichtsräte der vergangenen drei Jahre Digitalerfahrung auf und jeder zehnte in Sachen Nachhaltigkeit. Beispielhaft stehen hierfür der neue Lufthansa-Aufsichtsrat Erich Clementi, ein ehemaliger IBM-Manager, und die neue Covestro-Kontrolleurin Lise Kingo, zuvor Chefin der Nachhaltigkeitsinitiative Global Compact der Vereinten Nationen.

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    „Die Aufsichtsratsbestellungen haben sich professionalisiert“, analysiert Professor Wolff. „Während früher Bekanntheit und große Namen, idealerweise ehemalige Dax-CEOs, gefragt waren, geht es heute fast ausschließlich um fachliche Qualifikation.“ 83 Prozent der neu berufenen Aufsichtsräte seien Neueinsteiger ohne vorheriges Dax-Mandat. Die Zeiten der in sich verstrickten Deutschland AG und Vetternwirtschaft seien endgültig vorbei.

    Diese Entwicklung treiben auch die international tätigen Personalberatungen wie Egon Zehnder, Russell Reynolds, Spencer Stuart, Korn Ferry und Heidrick & Struggles. Sie haben die Besetzung von Aufsichtsräten inzwischen als Geschäftsfeld erkannt, nachdem sie sich hier jahrzehntelang insbesondere in Deutschland zurückgehalten hatten. Es gab schlicht zu wenig zu verdienen. Schließlich ist das Salär der Personalberater für gewöhnlich an das Jahresbruttogehalt des Kandidaten gekoppelt. Und das ist bei Aufsichtsräten deutlich geringer als bei Top-Managementpositionen.

    Inzwischen betreiben Headhunter wie von Rosty die Besetzung solcher Gremien jedoch unter dem Gesichtspunkt der Geschäftsentwicklung: „An einer Aufsichtsratssuche verdienen wir für gewöhnlich weniger als bei durchschnittlichen operativen Besetzungen. Wir stärken mit einer solchen jedoch unser Netzwerk und unsere Positionierung.“

    Erstmals drei Frauen in den Top Ten

    Neben den Kompetenzen spielt bei den Neuberufungen inzwischen auch noch ein anderes Kriterium eine maßgebliche Rolle: das Geschlecht. Der Trend zu steigenden Anteilen weiblicher Aufsichtsräte setzt sich fort. So lag die Frauenquote bei den Neuberufungen 2022 mit 42 Prozent so hoch wie noch nie. 2020 lag sie noch bei 32 Prozent.

    „Es gibt nicht mehr den Idealkandidaten, sondern die Idealkandidatin“, erklärt Personalberater von Rosty. Das Suchprofil laute: „Erstens, Kandidat ist eine Frau, zweitens, hat operative Erfahrung, idealerweise auf Vorstandsebene, drittens, bringt fachliche Kompetenz in den Topthemen Finanzen, Digitalisierung oder Nachhaltigkeit mit, viertens, hat sich erst jüngst aus dem Operativen zurückgezogen und ist nun im Ruhestand sowie offen und unabhängig genug für einen Kontrolleursposten.“

    Margret Suckale hat mit ihren vier Mandaten bei der Deutschen Telekom, DWS, Heidelberg Cement und Infineon sogar die meisten Mandate unter den mächtigsten Multiaufsichtsräten vorzuweisen. Auf immerhin noch drei Mandate kommen 83 der insgesamt zum Stichtag aktiven 960 Aufsichtsräte. Mehr als 90 Prozent der Dax-Kontrolleure haben nur ein Mandat. „Die Zeiten des Overboardings sind damit endgültig vorbei – der Regulierung und dem Druck durch Investoren und Aktionäre sei Dank“, so Professor Wolff.

    Die Professionalisierung der Aufsichtsratsberufung und -tätigkeit mit vielen Newcomern hat Folgen: Das Handelsblatt-Ranking ist volatiler geworden. Während früher jahrelang dieselben ehemaligen Topmanager die Spitzenplätze belegten, gibt es nun jedes Jahr deutlichere Verschiebungen.

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    Zu den Aufsteigern in die Top Ten gehören dieses Jahr neben der Ex-McKinsey-Beraterin Clara Streit der Finanzmanager Florian Funck. Der 49-Jährige ist im Hauptberuf Finanzvorstand des Familienkonzerns Haniel und im Nebenberuf Aufsichtsrat bei den Haniel-Beteiligungen Ceconomy und Takkt sowie beim Wohnungskonzern Vonovia. Neu unter den Topkontrolleuren ist auch die Präsidentin des Verbands der Automobilindustrie (VDA), Hildegard Müller. Sie sitzt in den Aufsichtsräten von Siemens Energy und Vonovia.

    Zu den Ab- beziehungsweise Aussteigern zählen prominente Köpfe wie Clemens Börsig, 74 Jahre alt. Der frühere Deutsche-Bank-Manager hat seine Mandate bei Daimler und Linde abgegeben. Auch der frühere Bosch-Chef Franz Fehrenbach, 73, verabschiedet sich mit der Aufgabe seiner Mandate bei BASF und Linde aus der Liste der Mächtigen.

    Die Analyse zeigt auch: Die Machtquellen der einflussreichsten Aufsichtsräte sind vielfältiger geworden. Während einige Aufsichtsräte wie Michael Diekmann ihre Mandate in besonders relevanten und großen Unternehmen wie Allianz, Fresenius und Siemens haben, zeichnen sich andere wie Hildegard Müller eher durch ihr hochwertiges Netzwerk aus – oder wie der Familienunternehmer Georg Schaeffler durch ihren hohen Status innerhalb von Unternehmen aufgrund einer langen Amtsdauer. So ist Georg Schaeffler seit Jahren bei Schaeffler und Continental aktiv und nun neu bei Vitesco Technologies.

    Im Jahr 2022 ist im Ranking zudem eine überdurchschnittlich hohe Veränderung der Netzwerkzentren festzustellen. Während in der Vergangenheit insbesondere Mandate bei Linde und der Deutschen Telekom mit einer hohen Netzwerkmacht einhergingen, generieren in diesem Jahr die Aufsichtsräte der Unternehmen Vonovia und Siemens Energy besonders bedeutsame Netzwerke.

    Diese Verschiebung ist zum einen durch einige Neuberufungen zu erklären, bei denen überwiegend Newcomer zum Zuge kamen – bei Linde waren es vier, bei der Telekom drei –, sowie zum anderen durch den Ausstieg ehemaliger Topkontrolleure wie Clemens Börsig und Franz Fehrenbach. Für Wirtschaftsprofessor Wolff steht deshalb fest: „Mehr Dynamik war noch nie in den deutschen Aufsichtsräten.“

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