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06.07.2022

00:00

Revolution im Fußball

Topmanagerin: „Wir knacken die letzte Männerbastion“

Von: Tanja Kewes

PremiumSechs Unternehmerinnen und Managerinnen übernehmen das Frauenteam des FC Viktoria 1889 Berlin und wollen damit die deutsche Sportwelt nachhaltig verändern.

FC Viktoria 1889 Berlin

Das Gründungsteam

Ein großes Ziel: Tanja Wielgoß (von links), Lisa Währer, Verena Pausder, Ariane Hingst, Katharina Kurz und Felicia Mutterer wollen mit ihrem Projekt den Fußball in Deutschland verändern.

Düsseldorf Sie haben lange genug zugeschaut, jetzt handeln sie: Ein prominent besetzter Zusammenschluss rund um die ehemalige deutsche Fußballnationalspielerin und zweimalige Weltmeisterin Ariane Hingst will den deutschen Sport, insbesondere den deutschen Fußball verändern. Hingst hat gemeinsam mit fünf weiteren Topfrauen der deutschen Wirtschaft die Frauenmannschaft des Berliner Vereins FC Viktoria 1889 Berlin übernommen und ausgegründet. „Wir sind uns sicher, die Zeit ist jetzt reif für Frauen im Fußball“, so die gebürtige Berlinerin Hingst.

Ziel ist es, die Mannschaft, die bisher in der Regionalliga spielt und die Saison 2021/22 mit dem vierten Platz abschloss, innerhalb von fünf Jahren über die Zweite in die Erste Bundesliga zu bringen. Gelingen soll dies mit dem neuen, bereits verpflichteten Sportdirektor Henner Janzen, einer neuen Trainerin sowie neuen Spielerinnen. Dabei geht es den Investorinnen nicht nur um den sportlichen und wirtschaftlichen Erfolg dieser Mannschaft. Sie wollen auch in der Breite dafür sorgen, dass Frauensport, insbesondere Frauenfußball als deutsche Sportart Nummer eins, stärker wahrgenommen und wertgeschätzt wird und in diesem Segment auch mehr Gleichberechtigung etwa in puncto Gehalt herrscht.

„Frauenfußball muss aus der Mitleidsecke raus. Das FC-Viktoria-Berlin-Frauenteam ist ein wirtschaftliches Projekt mit gesellschaftspolitischem Auftrag. Wir wollen mit dem Verein den Aufstieg schaffen und damit die Anerkennung für den Frauenfußball im Besonderen und den Frauensport im Allgemeinen erhöhen“, sagt Verena Pausder, Unternehmerin und Gründerin. Und weiter: „Viktoria ist aber kein reines Finanzinvestment. Wir Gründerinnen und Anteilseignerinnen werden nicht verkaufen, wenn die Mannschaft den Aufstieg in die Erste Liga geschafft hat. Wir werden dieses Projekt langfristig stützen und tragen.“

Zum Gründungsteam gehören neben Hingst und Pausder weitere sportliche und wirtschaftliche Größen wie die Vorstandsvorsitzende der Vattenfall Wärme Berlin AG Tanja Wielgoß, die ehemalige Fernsehmoderatorin und (Sport-)Journalistin Felicia Mutterer, die Mitgründerin und Geschäftsführerin von BRLO Craft Beer Katharina Kurz und die Marketingexpertin Lisa Währer. Während die ersten fünf sich ehrenamtlich engagieren, wird Währer in Vollzeit die Geschäftsführung der Gesellschaft übernehmen. An dieser hält der Verein FC Viktoria 1889 Berlin aufgrund der deutschen 50-plus-1-Regel die Mehrheit der Stimmrechte.

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    Nikutta, Allmendinger und Zypries als Botschafterinnen

    Daneben sind weitere namhafte Investorinnen wie die ehemalige deutsche Fußballtorhüterin und -funktionärin Katja Kraus, die ehemalige Schwimmerin und mehrfache Olympiagewinnerin Franziska van Almsick und die Unternehmerin Lea-Sophie Cramer als Unterstützerinnen mit dabei. Die Deutsche-Bahn-Vorständin Sigrid Nikutta, die Soziologin und Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung Jutta Allmendinger und die ehemalige Bundesministerin für Justiz Brigitte Zypries sind als Botschafterinnen ebenfalls mit an Bord. Gemeinsam wollen sie nun um weitere Unterstützer und Sponsoren werben. Auch Männer seien willkommen.

    „Wir wollen mit unserem Engagement die letzte Männerbastion knacken, den deutschen Profifußball, der bisher ein reiner Männerzirkus ist“, sagt Topmanagerin Tanja Wielgoß. Es könne und dürfe nicht sein, dass Profifußballerinnen ein um ein Vielfaches geringeres Gehalt erhielten als ihre männlichen Kollegen. „Wir wollen die Gleichberechtigung auch im Sport vorantreiben. Das können wir anscheinend wie in der Wirtschaft auch nicht dem Markt überlassen. Wir haben es geschafft, wenn es einen Verein wie Viktoria in jeder deutschen Stadt gibt.“

    Die Idee zu der Initiative entstand während der Frauen-Weltmeisterschaft 2019. Damals veranstaltete die Mitgründerin und Geschäftsführerin der Bierbrauerei BRLO Katharina Kurz in ihrem Biergarten am Gleisdreieck in Berlin ein Public Viewing. Der Andrang bestärkte sie und die Journalistin Felicia Mutterer darin, sich im Frauenfußball grundsätzlich und wirtschaftlich zu engagieren.

    Bei der Politik weckt die Übernahme ebenfalls Interesse. Berlins Oberbürgermeisterin Franziska Giffey erklärte: „Der Spitzenfußball wird in der öffentlichen Wahrnehmung noch häufig von Männern dominiert. Daher unterstütze ich die Idee, den Fußball in unserer Hauptstadt und im ganzen Land weiblicher zu gestalten. Für das Vorhaben wünsche ich den Initiatorinnen und dem Team viel Erfolg.“

    Die Ursachen für die Ungleichbehandlung von Frauen im Fußball sind vielfältig: angefangen bei deutlich weniger Medienpräsenz über die geringeren Gehälter von Sportlerinnen bis hin zu dürftigen Sponsoringeinnahmen. Insgesamt fließen laut Statista weltweit nur rund sieben Prozent der Sponsorengelder in den Sport mit Frauen.

    US-Klub Angel City FC als Vorbild

    Vorbild für den deutschen Frauenklub ist der Angel City FC. Der Frauenfußballklub aus Los Angeles wurde 2020 gegründet und begann 2022 mit dem Spielen. Das Team hat viele hochkarätige Besitzer, darunter Tennisstar Serena Williams, die Schauspielerinnen Natalie Portman und Eva Longoria sowie einige Größen aus der Investmentszene. Und ab Sommer wird auch eine deutsche Topfußballerin mitspielen: Die Torhüterin der deutschen Frauennationalmannschaft, Almuth Schult, wird vom VfL Wolfsburg zum Angel City FC wechseln.

    Das Engagement der deutschen Frauen kommt zur rechten Zeit. Am Mittwoch startet die Frauenfußball-EM in England. Und laut der Frauenfußball-Strategie der UEFA hat der Frauenfußball das größte Wachstumspotenzial im Fußballmarkt. So hat sich die Anzahl der Frauen- und Mädchenteams in den letzten 15 Jahren verdoppelt.

    Beim Viertelfinale der Women’s Champions League zwischen dem FC Barcelona und Real Madrid kamen in der vergangenen Saison rund 91.500 Zuschauerinnen und Zuschauern ins Camp Nou – ein neuer Weltrekord für den Frauen-Fußball. International investieren schon Konzerne wie die britische Barclays Bank und der Getränke- und Lebensmittelkonzern Pepsico Millionenbeträge in den Mädchen- und Frauenfußball.

    Mit dem neuen Sportdirektor Henner Janzen haben sich die Gründerinnen eine versierte Größe gesichert. Der 55-jährige Jurist ist seit vielen Jahren selbstständiger, international tätiger Spielerberater und konzentriert sich seit 20 Jahren auf den Frauenfußball. Und mit Verena Pausder gehört eine Unternehmerin im eigentlichen Sinne zum Gründungsteam. Aufgrund ihrer zahlreichen Ideen, Impulse und ihres Engagements ist sie inzwischen eines der bekanntesten Gesichter der deutschen Gründerszene und schon lange gesellschaftspolitisch aktiv.

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