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19.04.2022

11:35

Sanktionen

Keine Ersatzteile, keine neuen Jets – der russischen Luftfahrt droht der Kollaps

Von: Jens Koenen

Die Sanktionen werfen die russischen Airlines um Jahre zurück. Das Comeback heimischer Flugzeugtypen wie der TU-214 wird daran wenig ändern.

Die noch recht junge russische Fluggesellschaft muss wegen des Ukrainekriegs und der Sanktionen ihre Expansionspläne vorerst begraben. imago images/ITAR-TASS

Flugzeug von S7 landet in Moskau

Die noch recht junge russische Fluggesellschaft muss wegen des Ukrainekriegs und der Sanktionen ihre Expansionspläne vorerst begraben.

Frankfurt In Europa wachsen die Sorgen, dass Flugzeuge russischer Fluggesellschaften nicht mehr sicher genug sind, um in Ländern der EU zu starten und zu landen. EU-Verkehrskommissarin Adina Valean hat vor wenigen Tagen 21 Airlines mit Sitz in Russland auf die „schwarze Liste“ gesetzt und ein Start- und Landeverbot verhängt. Einen deutlicheren Hinweis darauf, dass die russische Luftfahrt mit heftigen Problemen zu kämpfen hat, gibt es wohl nicht.

Direkte Folgen hat der Beschluss nicht, schließlich hat die EU Airlines aus Russland wegen der Sanktionen ohnehin schon verbannt. Doch die Entscheidung ist ein Beleg für die existenziellen Probleme der russischen Luftfahrt. Weil westliche Unternehmen wegen der Sanktionen weder neue Flugzeuge noch Ersatzteile in das Land liefern dürfen, das die Ukraine überfallen hat, bleiben viele Flotten am Boden.

Pobeda, der Billigableger von Aeroflot, hat bereits vorsorglich 16 der 41 Boeing 737 außer Dienst gestellt. Damit will Airlinechef Andrei Yurikov die Ersatzteile, die noch auf Lager sind, für die restlichen Boeing-Flieger zeitlich so weit strecken, bis westliche Firmen wieder liefern dürfen, wie er der russischen Nachrichtenagentur Interfax erklärte.

Ob das gelingen wird, ist allerdings offen. Die Einschätzung von Luftfahrtexperten, wie lange die Vorräte bei wichtigen Wartungsteilen reichen, gehen zum Teil weit auseinander. Die einen sagen, in wenigen Wochen könnten Flugzeuge westlicher Hersteller kaum noch abheben. Die anderen sprechen von wenigen Monaten, die die Branche noch habe.

Dass Prognosen schwer möglich sind, hat mehrere Gründe. Zum einen können die Fluggesellschaften in Russland einen Teil ihrer Flotte als Ersatzteillager benutzen. Zum anderen könnten sie versuchen, in Ländern, die die Sanktionen nicht mittragen, gebrauchte Flugzeuge zu erwerben und diese auszuschlachten. Eine ähnliche Strategie haben Airlines im Iran während der langen Sanktionen verfolgt.

Russland: Airline S7 muss ihre Expansion stoppen

Doch einfach ist das nicht. So ist China in den Augen der russischen Regierung zwar ein „befreundeter Staat“. Doch die dortige Regierung hat bereits erklärt, ebenfalls keine Ersatzteile nach Russland liefern zu wollen. Die Verzweiflung in der russischen Luftfahrt wächst von Tag zu Tag. Drei Viertel der kommerziell genutzten Verkehrsflugzeuge, die für russische Unternehmen im Einsatz sind, stammen aus westlicher Produktion, hat die EU berechnet.

Mittlerweile ist klar: Der Krieg und die Sanktionen werfen die Branche in Russland um Jahre zurück. Das zeigt sich am Beispiel von S7, einer der aufstrebenden Fluggesellschaften in Russland. Das Unternehmen betreibt eine moderne Boeing- und Airbus-Flotte.

Im Programm waren bis zum Beginn des Kriegs Ziele in Europa und Asien. 196 Destinationen in 33 Ländern listete die Airline bisher auf. S7 ist zudem Mitglied in der Luftfahrtallianz One World rund um British Airways und American Airlines. Das Management hatte Pläne für die Zeit nach der Pandemie geschmiedet. Eine neue Billigtochter sollte gegründet, neue Ziele angesteuert werden, auch in Deutschland.

Seit dem Einmarsch Russlands in die Ukraine ist S7 aber von weiten Teilen der Welt abgeschnitten. Die meisten der Jets sind bei großen Leasingfirmen gemietet. Das Management von S7 muss fürchten, dass diese Flugzeuge beschlagnahmt werden, sobald sie außerhalb von Russland geparkt werden.

Deshalb hat die Fluggesellschaft sämtliche internationalen Verbindungen eingestellt und fliegt nur noch in der Heimat. Selbst das wird zunehmend schwieriger, da Ersatzteile fehlen. Ob S7 dazu übergeht, Flugzeuge auszuschlachten, um den Betrieb einer Restflotte sicherzustellen, ist nicht bekannt. Bisher galt die Airline als äußerst solide und verlässlich, auch was ihre finanziellen Verpflichtungen anging.

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Der Krieg in der Ukraine stellt nun alles auf den Kopf. Selbst wenn dieser irgendwann zu Ende sein sollte, ist das Vertrauen westlicher Leasingfirmen und Flugzeugversicherer nachhaltig beschädigt. Es dürfte viele Jahre dauern, das zu richten.

Die russische Regierung stellt sich auf langfristig gestörte Beziehungen gen Westen ein. Sie will deshalb die Produktion russischer Flugzeuge wieder hochfahren. Doch das wird die Schmerzen russischer Airlines kaum mildern können. Dazu fehlt es in Russland schlicht an ausreichenden Produktionskapazitäten. So hat Rostec, ein russischer Staatskonzern, laut Nachrichtenagentur Tass angekündigt, bis Anfang 2030 lediglich 70 neue Jets der TU-214 bauen.

Die TU-214 ist ein Flugzeug für die Mittelstrecke. Mit maximal 210 Passagieren ist sie bezüglich ihrer Größe mit dem Airbus A321 vergleichbar. Der Vorteil aus russischer Sicht: In dem Flugzeug wird fast ausschließlich russisches Material verbaut. Selbst die Avionik, also die für die Steuerung wichtige Elektronik, ist russischer Herkunft. Die Sanktionen des Westens greifen hier also nicht.

Keine TU-214 im kommerziellen Dienst

Das Problem: Jenseits der Größe sind die TU-214 und der Airbus A321 ein ungleiches Paar. Zwar ist die TU-214 durchaus ein modernes Flugzeug. Doch der Airbus ist deutlich effizienter. Die TU gilt als sehr schwer und damit durstig. Deshalb wurde sie bisher von russischen Airlines so gut wie nicht eingesetzt. Aktuell fliegt keine Maschine mehr im kommerziellen Dienst. Die Flugzeuge dieses Musters, die gebaut wurden, sind vor allem fürs Militär unterwegs.

Rostec-Chef Juri Sljusar sieht gleichwohl Chancen für die TU-214. So könne die Regierung in Moskau den russischen Fluggesellschaften den Einsatz des Jets über Hilfen bei den Treibstoffkosten schmackhaft machen, schlug er kürzlich vor. Denkbar wäre so eine Maßnahme. Schließlich hat die russische Regierung klargemacht, dass ihr eines wichtig ist: Die Menschen im weitläufigen Russland sollen wie bisher von einer in die nächste Stadt reisen können – ungeachtet all der Sanktionen des Westens.

Ehrgeizige Unternehmer wie Vladislav Filev, der S7 gründete, dürfte das dauerhaft nicht zufriedenstellen. Der Entrepreneur ist äußerst umtriebig. Für den geplanten neuen Billigableger hatte er bereits klare Ziele formuliert: 40 neue Airbus A320 neo sollten in die Flotte aufgenommen werden, 2025 wollte die Airline eigentlich 16 Millionen Fluggäste pro Jahr transportieren. Russisches Gerät kam bisher allerdings nicht in seinem Businessplan vor.

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