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01.11.2019

13:54

Strafprozess

Unerwartete Wende im Falk-Prozess: Hauptbelastungszeuge ändert Aussage

Von: René Bender

Im Verfahren gegen den Verlags-Erben Falk bricht der Staatsanwaltschaft Stück für Stück die Anklage weg. Der Haftbefehl lässt sich kaum noch aufrecht erhalten.

Die Staatsanwaltschaft wirft dem Verlags-Erben vor, den versuchten Mord an einem Frankfurter Anwalt in Auftrag gegeben zu haben. dpa

Alexander Falk

Die Staatsanwaltschaft wirft dem Verlags-Erben vor, den versuchten Mord an einem Frankfurter Anwalt in Auftrag gegeben zu haben.

Frankfurt Schon als er pünktlich um 09.30 Uhr den Gerichtssaal betritt, scheint Alexander Falk zu spüren, dass es ein guter Tag für ihn wird. Er lächelt zuversichtlich und strahlt kurz darauf übers ganze Gesicht. Auf dem Weg zur Anklagebank hat er in den spärlich besetzen Zuschauerreihen einen Freund gesichtet, den er mit einem Augenzwinkern begrüßt. Dann folgt das gewohnte Ritual: Der Justizwachtmeister nimmt ihm die Handschellen ab und Falk, der seit September 2018 in Untersuchungshaft sitzt, nimmt Platz.

Der Donnerstag ist der mittlerweile achte Verhandlungstag in dem Prozess gegen den Erben des berühmten Kartografieverlags. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, den versuchten Mord an einem Frankfurter Anwalt in Auftrag gegeben zu haben. Und eigentlich ist es ein Termin, den Falk fürchten müsste. Denn heute soll einer von zwei Hauptbelastungszeugen aussagen.

Serhad Y. hatte vor genau einem Jahr bei der Polizei angegeben, dass er Ende 2009 bei einem Treffen in einem Hamburger Steakhouse dabei war, bei dem Falk einen Mord in Auftrag gegeben habe. Getötet werden sollte demnach der Frankfurter Anwalt Wolfgang J., der zu dieser Zeit eine Schadensersatzklage gegen Falk vorbereitete, in der es um Millionenforderungen und eine Pfändung von 30 Millionen Euro aus Falks Vermögen ging. Der Anwalt wurde im Februar tatsächlich durch einen Beinschuss niedergestreckt, überlebte aber.

Als Serhad Y. Stunden später nach seiner Aussage den Gerichtssaal verlässt, haben sich seine ursprünglichen Angaben in Schall und Rauch aufgelöst. Nein, es hat kein Treffen im Jahr 2009 in dem Steakhouse gegeben, bei dem ein Mordauftrag erteilt wurde, sagt er. Stattgefunden habe lediglich ein Treffen im September oder Oktober 2010, also deutlich nach dem Anschlag.

Seine ursprüngliche Aussage habe er vor allem auf Druck von Etem E., des anderen Hauptbelastungszeugen, getätigt. E. ist Y.s Neffe und hat das Verfahren gegen Falk erst ins Rollen gebracht. E. erzählte der Polizei von dem Treffen im Steakhouse, bei dem 200.000 Euro übergeben worden sein sollen. E. legte auch ein später aufgenommenes Tonband vor, auf dem sich Falk über die Schüsse auf den Anwalt freute.

Doch als E. vor wenigen Wochen vor Gericht aussagen sollte, verweigerte er die Auskunft. Er könne sich sonst selbst belasten. Dazu muss man wissen, dass die Staatsanwaltschaft gegen ihren Kronzeugen E. inzwischen selbst ermittelt. Sie verdächtigt ihn, Falk mit den Tonbandaufnahmen erpresst zu haben und geht auch dem Verdacht nach, dass E. selbst etwas mit dem Anschlag auf den Anwalt zu tun haben könnte, sprich dem Verdacht der Beihilfe zum versuchten Mord.

Es sind nicht die ersten Ermittlungen gegen E., einen zigfach vorbestraften Kriminellen aus dem Hamburger Milieu, der unter anderem bereits an einem versuchten Tötungsdelikt an einem Boxpromoter beteiligt gewesen sein soll.

In knapp zwei Wochen ist E. erneut als Zeuge geladen. Er hat angekündigt, diesmal aussagen zu wollen. Sollte er dies tatsächlich tun, dürfte das spannend werden. Zur Sprache kommen dürfte dann auch einiges von dem, was Y. dem Gericht erzählt hat.

„Sicher keinen Mordauftrag und keine Geldübergabe“

Y. ist ein bulliger Mann mit Glatze, der vor Jahren einmal verurteilt wurde, weil er jemandem eine durchgeladene Waffe in den Mund steckte und auch in der Folge immer wieder mit Schusswaffen in Verbindung gebracht wurde.

Ihn als besonders vertrauenswürdigen Menschen zu bezeichnen, wäre auch heute verfehlt. Mehrfach verlässt er während seiner Aussage den Gerichtssaal, beratschlagt sich mit seinem Anwalt vor der Tür und beruft sich anschließend auf sein Auskunftsverweigerungsrecht nach Paragraf 55.

Auch Y. wird mit der Erpressung Falks in Verbindung gebracht. Doch davon will er bei seiner Aussage nichts wissen. „Ich habe das Tonband zwar interessant gefunden. Mehr möchte ich aber nicht sagen. Paragraf 55“, kommentiert er routiniert.

So bleibt von seiner Aussage vor allem das klare Bekenntnis, dass es kein Treffen im Jahr 2009 im Steakhouse gegeben habe. Das Treffen sei erst 2010 gewesen. Daran könne er sich noch genau erinnern, weil zuvor sein Sohn zweiten Geburtstag feierte. „Das war ein besonderes Treffen, weil Falk ja ein bekannter Mann ist. Ich habe Lammrücken gegessen, Falk einen Salat. Es ging darum, Falk Tipps für seine Haft in der JVA Glasmoor zu geben.“ Falk stand damals vor dem Antritt einer Haftstrafe, nachdem er wegen versuchten Betrugs und Bilanzfälschung verurteilt worden war. „Es gab sicher keinen Mordauftrag und keine Geldübergabe“, sagt Y.

Wie es denn dann genau zu seiner ursprünglichen Aussage gekommen sei, will Richter Jörn Immerschmitt wissen. „E. hat Druck auf mich ausgeübt, immer wieder angerufen. Ich soll die Aussage gegen Falk machen“, sagt Y. „Er hat mir gesagt, was ich sagen soll. Nicht soviel, damit ich nicht durcheinander komme.“ Dass Falk gesagt habe, das Schwein müsse man erledigen und eine Bewegung mit der Hand am Hals gemacht habe. Und Geld übergeben habe. Die Aussage wäre wichtig für E. Denn der wolle schließlich eine Belohnung kassieren, die eine Kanzlei für die Aufklärung des Falles ausgelobt hatte.

Und E. habe ihm, Y., auch gedroht. „Es wäre besser für mich, auszusagen. Irgendwann habe ich dann nachgegeben und im November 2018 ausgesagt. E. hat mich zum Polizeipräsidium gefahren.“

Doch er habe sich unwohl damit gefühlt. Wochen später habe er sich dann entschieden, die Aussage zurückzunehmen. E. sei darüber sehr verärgert gewesen. Zu E. habe er heute keinen Kontakt mehr.

Trotzdem hat Serhad Y. inzwischen Anzeige gegen E. erstattet. Der habe seine frühere Lebensgefährtin und Mutter des gemeinsamen Sohnes an deren Arbeitsplatz und zuhause aufgesucht und sie massiv bedroht. Er werde Y. finden, sie könne eine neue Familie gründen, denn ab heute gebe es keinen Serhad mehr.

Wichtiges Beweismittel weggebrochen

Als Y. nach seiner Aussage den Saal verlassen hat, fasst Falks Verteidiger den aktuellen Stand der Dinge aus seiner Sicht zusammen. Er erzählt von all den Dingen, auf die Staatsanwaltschaft und Gericht den Haftbefehl gegen Falk stützen. Dem Tonband, aus dem zwar schäbige Schadenfreude Falks über den Schuss auf J. hervorgehe, aber kein Mordauftrag. Dass dazu inzwischen durch ein Gutachten erwiesen sei, dass die Tonbandaufnahme zusammengeschnitten, sprich manipuliert wurde und damit nichts wert sei.

Er spricht über E., einen Zeugen, den selbst der Richter bereits der organisierten Kriminalität zugeordnet hat. Einen Mann, der von den Kanzleien Clifford Chance und DLA Piper noch vor Beginn der Hauptverhandlung insgesamt 100.000 Euro für seine Aussagen kassierte.

Falks Verteidiger Björn Gercke fragt, welchen Wert seine Belastungsaussage hat? Was geschehen würde, wenn Herr Falk einem Zeugen „Geld für eine Aussage“ vor Abschluss der gerichtlichen Untersuchung zahlen würde? Und Gercke greift schließlich die Aussage von Y. auf, durch die der Staatsanwaltschaft ein wichtiges Beweismittel weggebrochen sei.

Die Konsequenz: Gercke beantragt, den Haftbefehl aufzuheben oder gegen Auflagen außer Vollzug zu setzen. Falk würde seinen Pass abgeben, Meldeauflagen bei den Behörden erfüllen. Er werde als fünffacher Familienvater nicht flüchten, wolle sich dem Verfahren weiter stellen. Der Richter schaut Falk und seine Anwälte lange an, sagt dann, er sei sich seiner Verantwortung bewusst und wolle den Antrag gründlich prüfen.

Ganz am Ende, als der Richter die Sitzung schließen will, fragt Gercke dann, ob Falk kurz einen alten Freund begrüßen dürfe, der im Publikum sitze und eigens aus den USA angereist sei. Der Justizwachtmeister lässt den Freund in den Verhandlungssaal. Er und Falk umarmen sich lange und innig. Dem Freund laufen Tränen über die Wangen. Falk lächelt. Danach bekommt er die Handschellen wieder umgelegt. Es könnte das letzte Mal gewesen sein, dass er gefesselt den Gerichtssaal verlässt.

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