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25.08.2022

15:45

Strompreis

Vom Sanierungsfall zum Krisenprofiteur: Rekordstrompreise sorgen bei Steag für Gewinnsprung

Von: Kathrin Witsch

Kohlestrom ist wieder gefragt: Die Kassen beim Essener Kraftwerksbetreiber füllen sich. Die Steag erhofft sich dadurch bessere Chancen für den Verkauf des eigenen Unternehmens.

Kraftwerk Bloomberg/Getty Images

Kraftwerk Duisburg-Walsum

Das Niedrigwasser hat den Kohlekonzernen in den vergangenen Wochen zu schaffen gemacht. 

Düsseldorf Während einige Energiekonzerne durch die Preiskrise in Existenznot geraten, fahren andere hohe Gewinne ein – etwa der Steinkohleverstromer Steag. In den ersten sechs Monaten des Jahres kamen die Essener bei 2,4 Milliarden Euro Umsatz auf ein Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) von 450 Millionen Euro, wie Steag am Mittwoch mitteilte. Damit liegt der Überschuss schon jetzt höher als im gesamten vergangenen Jahr.

Auf einmal wird der Kraftwerksbetreiber, der als Sanierungsfall unter den deutschen Energiekonzernen galt, zum Krisenprofiteur: „Unser Ergebnis ist in diesem Jahr wesentlich dem Verstromungsgeschäft geschuldet“, sagt Steag-Chef Andreas Reichel im Gespräch mit dem Handelsblatt. Auch die Pläne für den Verkauf des Unternehmens gewinnen durch die guten Zahlen an Schwung.

Schon seit dem vergangenen Herbst steigen die Preise für Strom, Kohle, Öl und Gas immer weiter. War es zunächst die sprunghaft erhöhte Nachfrage nach den weltweiten Corona-Lockdowns, treibt seit Ende Februar vor allem die physische Gasknappheit die Preise. 

Aktuell kostet eine Megawattstunde (MWh) Strom im tagesaktuellen Handel über 600 Euro. Zum Vergleich: Vor einem Jahr lag der Kurs noch bei knapp 60 Euro. Die Preise für Kontrakte im anstehenden Winter liegen sogar bei mehr als 700 Euro je MWh. 

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    Energiekonzern Steag profitiert von hohen Strompreisen

    Die Gewinne von Steag dürfte das in den kommenden Monaten sogar noch weiter nach oben treiben. Dann nämlich, wenn die Essener noch mehr Strom erzeugen und am Markt verkaufen können: Um den Gasverbrauch zu senken, hat die Bundesregierung per Gesetz die Möglichkeit geschaffen, alte Steinkohlekraftwerke wieder ans Netz zu holen.

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    Die Verordnung erlaubt den Stromverkauf aus Reservekraftwerken, die mit Steinkohle oder Öl befeuert werden, bis Ende April 2023. Das Wiederanfahren für mehrere Monate ist für die Betreiber wirtschaftlich interessant, gleichzeitig ist ausreichend Steinkohle auf dem Weltmarkt vorhanden.

    Steag will daher die Kraftwerke Bergkamen im Ruhrgebiet und Völklingen-Fenne im Saarland, die eigentlich Ende des Jahres stillgelegt werden sollten, länger am Netz lassen. Auch die Anlagen Quierschied und Bexbach im Saarland sollen Anfang November wieder unter Volllast laufen. Insgesamt 2,3 Gigawatt Leistung könnte die Steag so bereitstellen.

    Steag sieht keinen Kohle-Engpass – aber „astronomisch hohe Preise“

    Die zusätzliche Steinkohle für die Kraftwerke kommt aus Nord- und Südamerika, Südafrika und Australien und wird zu den Überseehäfen in Amsterdam, Rotterdam und Antwerpen verschifft. Von dort kommt Kohle per Bahn zu den Kraftwerken.

    Wegen der eingeschränkten Kapazitäten auf der Schiene sei die Transportlage besonders im Saarland allerdings sehr herausfordernd, sagt Konzernchef Reichel. So müssten dann allein ins Saarland jede Woche 30 Züge mit Steinkohle fahren anstatt derzeit zwei bis drei. 

    Die Logistik sei ein ganz wesentlicher Faktor in der Frage, wann die Kraftwerke wieder ans Netz gehen können, so Reichel. Bis November werde man aber genügend Kohlevorräte aufbauen können, ist er überzeugt. „Die Preise sind im Moment zwar astronomisch hoch, aber die Kohle ist verfügbar.“ Einen Engpass gebe es nicht. 

    Die Importpreise für Steinkohle sind in den vergangenen Monaten rasant gestiegen: von unter hundert Euro die Tonne auf immerhin fast 400 Euro. Weltweit ist die Nachfrage nach dem Rohstoff groß. Alle Länder bauen ihre Vorräte aus, um sich auf einen Winter vorzubereiten, in dem Gas aufgrund der Folgen des Ukrainekriegs zum knappen Gut werden könnte. 

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    Die hohen Einkaufspreise sind für die Steag aber mit Blick auf den noch deutlich stärkeren Anstieg der Strompreise gerade kein Problem. Das Geld für die verkaufte Energie gleicht die Mehrkosten bei der Kohlebeschaffung um ein Vielfaches aus.

    Das zeigt sich auch in den guten Halbjahreszahlen. In denen sieht der Steag-Chef vor allem eine Chance, den kriselnden Versorger wieder auf Vordermann zu bringen. 

    „Das Jahr 2020 war von tiefer Krise geprägt: Hohe Abschreibungen infolge des Gesetzes zur Beendigung der Kohleverstromung, Sozialpläne von 1000 Arbeitsplätzen im Inland mussten wir bilanziell verkraften“, sagt Reichel. Jetzt könne die Transformation des Unternehmens wirklich vorangebracht werden. 

    Vor allem aber ist es die Chance, einen Käufer für das Unternehmen zu finden. „Aufgrund der Neubewertung unserer inländischen Kraftwerke haben wir die Möglichkeit, die Steag jetzt als Ganzes zu verkaufen“, ist der Manager überzeugt. Dieser Prozess startet mit Blick auf die gute Marktsituation nun sogar früher als geplant, wie das Handelsblatt bereits Anfang August berichtete.

    Nach immer größer werdenden Verlusten hatte sich der Steinkohlekonzern mit seinen Eigentümern, den Kommunen des Ruhrgebiets, Ende 2021 auf einen Sanierungsplan geeinigt. 485 Millionen Euro Nettoverschuldung kamen bis dahin zusammen – auch aufgrund der Energiewende und der politisch forcierten Abkehr von fossilen Energieträgern, dem Hauptgeschäft von Steag.

    Steag: Mehr als die Hälfte der Gewinne kommt aus der Steinkohle

    Etwas mehr als die Hälfte der Gewinne kommt auch in diesem Halbjahr aus dem Geschäft mit der Steinkohle. Um die 45 Prozent stammen aus dem zweiten Geschäftsfeld Erneuerbare, Speicher und Geothermieanlagen. 

    Während Käufer für den „grünen“ Teil des Unternehmens Schlange stehen, gilt der „schwarze“ Teil, also die Kohlekraftwerke, als schwer verkäuflich. Viele Investoren und auch die finanzierenden Banken lehnen Kohle-Engagements aus Nachhaltigkeitsgesichtspunkten ab.

    Genau das habe sich aber nun geändert, sagt der Steag-Chef. „Es hat mich selbst überrascht, aber das Interesse von Investoren, Investmentbankern und Strategen an der Steag als Ganzes ist groß“, erklärt der Manager. Ende des Jahres startet der Verkaufsprozess offiziell, ein Jahr später soll er abgeschlossen sein. 

    Vorher wird die Steag aber noch in zwei Teilkonzerne aufgespalten. Auf der einen Seite das alte fossile Geschäft, auf der anderen Seite das mit Erneuerbaren und nachhaltiger Energieerzeugung. Auch wenn der aktuelle Plan offiziell der Gesamtverkauf beider Bereiche ist, ist nach wie vor eine mögliche Übernahme der Kohlegeschäfte durch eine Stiftung im Eigentum des Bundes eine Option. 

    Vorteil einer solchen Lösung: Der Staat bekäme eine Kraftwerksreserve, könnte damit einen Beitrag zur Energiesicherheit leisten und hätte zudem die Handlungsfreiheit, die Blöcke stillzulegen, wenn sich der Energiemarkt aus der Abhängigkeit vom russischen Gas befreit und neu sortiert hat.

    Steag steht mit dem Kohleausstieg vor einer Herausforderung

    Denn gute Ergebnisse hin oder her: Mittelfristig steht die Steag vor der Herausforderung, dass Deutschland bis spätestens 2038 aus der Kohle aussteigen will. Während Konzerne wie RWE massiv in Windkraft und Solaranlagen investieren, hat der Konzern den Absprung in das Zukunftsgeschäft verpasst. Zu hoch war die Last von Schulden und Pensionsverpflichtungen in den vergangenen Jahren.

    Den Rückstand wird Steag nicht mehr aufholen können. So bleibt ein Verkauf trotz aktuell gut laufender Geschäfte am Ende die einzige Option.

    Erstpublikation: 24.08.22., 07:06 Uhr (aktualisiert 24.08.22 um 12:22 Uhr).

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