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11.03.2019

11:31

SXSW 2019

Die Tech-Branche entdeckt E-Scooter als neues Milliardengeschäft

Von: Britta Weddeling

Der Straßenkampf der Start-ups erfasst auch das Digitalfestival SXSW: Mikromobilität verspricht ein Riesengeschäft zu werden. Der E-Scooter-Sharing-Anbieter Bird steht kurz vor dem Deutschland-Start.

Mehr als 5,7 Milliarden Dollar investierten Geldgeber weltweit laut McKinsey Deutschland in Mikromobilität. Bloomberg

Nutzer von E-Scootern in San Francisco

Mehr als 5,7 Milliarden Dollar investierten Geldgeber weltweit laut McKinsey Deutschland in Mikromobilität.

Austin Dieses Jahr leuchtet die 7th Street vielleicht noch ein wenig greller als sonst. Überall in Austin im US-Bundesstaat Texas stehen bunte Elektro-Tretroller herum. Die Besucher des Technologiefestivals South by Southwest (SXSW) sausen gut gelaunt von Talk zu Talk auf den Fahrzeugen mit Lenkstange, über Bordsteine, Parkplätze und Straßen. Ein wenig schneller als Spazierengehen, ein wenig mehr frische Luft als im Auto – bei den Besuchern erfreuen sich die wendigen Fahrzeuge großer Beliebtheit.

Jedes Jahr setzt die SXSW neue Trends. Immer wieder feiert eine neue Technologie, eine junge Firma oder ein neuer Trend hier den Durchbruch. Foursquare, Twitter, Meerkat oder Buzzfeed – sie alle eroberten von Texas aus die Welt, auch wenn einige von ihnen inzwischen vergessen sind oder in der Krise stecken. 2019, das ist jetzt schon klar, wird in die Geschichte der SXSW als das Jahr der elektrifizierten Roller eingehen.

Technologiefirmen aus Silicon Valley haben Austin ins Scooterland verwandelt. Der Ridesharing-Anbieter Uber aus San Francisco lädt vor dem Kongresszentrum in Downtown zum Fahrkurs mit Helm und verteilt schwarze Sonnenbrillen.

Konkurrent Lyft sowie die Scooter-Start-ups Lime und Bird platzieren die „Nester“, wie sie Abstellplätze der Roller im Fachjargon nennen, gezielt vor Bars, Kinos oder Steak- und Burgerrestaurants. Abends rauschen beleuchtete Tretroller pfeilschnell über den Asphalt.

Ein seit Monaten tobender Straßenkampf verlagert sich nach Texas. Zuhause in Kalifornien rund um die Firmenzentralen der Scooter-Society, kämpfen die Zweirad-Anbieter um die Gunst von Kunden, Investoren und Städten. Die Sand Hill Road, die Straße der Risikokapitalisten in Menlo Park, hat die Vehikel als neues Milliardengeschäft entdeckt.

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Wem der Einstieg bei Uber oder Lyft nicht gelang, sichert sich jetzt Anteile an Tretroller- oder E-Räder-Firmen. Mehr als 5,7 Milliarden Dollar investierten Geldgeber weltweit laut McKinsey Deutschland bereits in Mikromobilität.

Die Wachstumschancen sind riesig. Das Geschäft mit Mikromobilität könnte allein in Europa bis 2030 Umsätze von bis zu 150 Milliarden Dollar erzielen und 500 Milliarden Dollar weltweit, schätzt McKinsey. Der Markt wachse dreimal so schnell wie vermittelte Fahrten.

Die Tret-Vehikel bringen Anbietern rasche Rendite. Ein Roller mit Anschaffungskosten von 400 Dollar sei bereits kurz nach drei Monaten profitabel. Selbst hohe Investitionen in die Fahrzeuge mit Lenkrad dürften sich schnell rechnen.

Vom Mitfahrdienst zur Mobilitätsplattform

Uber-CEO Dara Khosrowshahi gab laut Medienberichten 100 Millionen Dollar für E-Fahrradanbieter Jump aus. In einer umgebauten Fabrik am Hafen von San Francisco bauen Jump-Mitarbeiter quietschrote Tretroller zusammen, die in China produziert werden. Das wertvollste Start-up der Welt strebt an die Börse, wo es in der zweiten Jahreshälfte eine Bewertung von bis zu 120 Milliarden Dollar erreichen will. Das wäre der größte Börsengang aller Zeiten.

Die Erweiterung des Angebots sei „kritisch“ für Ubers Wachstum, urteilt Carly Doty vom Marktforscher Forrester. Der Plan vom lukrativen Börsendebüt gehe nur auf, wenn Aktionäre das Unternehmen als Plattform für Mobilität bewerten und nicht nur als Fahrvermittler. „Autos waren für uns immer nur der Ausgangspunkt, wir wollen neue Services darüber hinaus schaffen“, sagte Ubers Politik-Chef Andrew Salzberg vorige Woche im Gespräch mit Journalisten.

Überall in der texanischen Stad stehen bunte Elektro-Tretroller herum. Reuters

South by Southwest in Austin

Überall in der texanischen Stad stehen bunte Elektro-Tretroller herum.

Travis van der Zanden, Chef des E-Scooter-Start-ups Bird, arbeitete früher selbst für die großen Ridesharing-Anbieter Lyft und Uber, wo er als enger Vertrauter des früheren Uber-Chefs Travis Kalanick galt. Heute teilt van der Zanden gegen die Ex-Kollegen aus. Er glaubt, dass die Fahrvermittler die Verkehrsprobleme in urbanen Zentren eher verstärken als verbessern. „Die Menschen wollen raus aus den Autos“, sagt der Bird-Chef im Gespräch mit dem Handelsblatt.

Das mit zwei Milliarden Dollar bewertete Start-up, an dessen Finanzierungsrunden sich unter anderem Google beteiligte, schickt seit September 2017 E-Scooter auf die Straßen. Von Kalifornien aus expandierte Bird in mehr als 100 Städte, darunter Paris, Wien, Zürich, Brüssel, Antwerpen, Madrid und London. Im Mai oder Juni will van der Zanden in Deutschland starten. In welcher Stadt, will er noch nicht verraten. „Für uns ist es wichtig, dass die Städte, in denen wir aktiv sind, Scooter ebenfalls mögen.“

Die kalifornischen Mobilitätsanbieter gehen inzwischen auf Kuschelkurs mit den Städten, nachdem sie zuvor mit einer bewährten Valley-Strategie gescheitert waren. Zum Start boten Lime und Bird ihren Service an, ohne die Städte zuvor um Erlaubnis zu fragen. Sie verteilten ihre Tretroller überall in der Stadt, das nervte die Anwohner. Beschwerden und Vandalismus häuften sich. Die Städte griffen durch. In San Francisco dürfen Bird oder Lime ihren Service nach wie vor nicht anbieten.

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Nach langem Warten kommen E-Scooter und selbstfahrende Skateboards wohl auch in Deutschland auf die Straßen. Anbietern winkt ein boomender Markt.

Die Anbieter argumentieren, stets im Interesse der Kommunen gehandelt zu haben. „Alle Städte sind mit Autos verstopft“, sagt Bird-Chef van der Zanden. Die Scooter ersetzten Autofahrten, auch die populären Ride-Sharing-Anbietern. So will Bird verhindert haben, dass mehr als 5440 Tonnen CO2-Emissionen durch Abgase freigesetzt wurden.

Innovation sei dringend nötig gewesen, argumentiert van der Zanden: „Wenn wir immer darauf gewartet hätten, dass es einen Dialog mit den Städten oder eine Erlaubnis gibt, wäre die Chance groß, dass wir immer noch warten.“

Konkurrent Lime, das auf eine Bewertung von drei Milliarden Dollar kommt, spendete der kalifornischen Stadt Santa Monica 1,3 Millionen Dollar für neue Radwege. Nicht unbedingt uneigennützig: Um seinen Service anbieten zu können, benötigt das Start-up passende Trassen.

Deutschen Städten will Lime mit eigenen Daten illustrieren, wie Menschen sich fortbewegen und die Kommunen zum Ausbau von Radwegen zu „Mobilitätsrouten“ zu motivieren, kündigte Lime-Co-Gründer Caen Contee bereits an. „Diese Wege sollten nicht nur für Fahrräder, sondern auch für andere Fortbewegungsmittel geöffnet werden.“

Die junge Elite profitiert

Wie immer besitzt der technologische Fortschritt zwei Seiten: Starre Regeln könnten Innovationen wie Elektro-Tretroller verbieten, die einfach zu fahren sind und den Straßenverkehr künftig entlasten dürften. Die Anwendung ist einfach: Nutzer orten Räder und Scooter per App und stellen die Vehikel dann an einem beliebigen Ort wieder ab. Doch auf der SXSW-Konferenz mischen sich in die Euphorie auch nachdenkliche Töne.

Bislang profitierten die E-Roller und E-Räder vor allem die junge, reiche Elite, argumentiert Karen Tamley von der Stadt Chicago. Für Blinde, Rollstuhlfahrer oder ältere Menschen könnten auf dem Gehwerk parkende oder herumfahrende E-Roller leicht zum Hindernis werden, gibt sie zu bedenken und kritisiert: „Unglücklicherweise denken Technologiefirmen nicht über Inklusion nach.“

Bird will umstrittenes Scooter-Sharing bald in Deutschland starten

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Tourismus-Experte Enrique de la Madrid Cordero von der Tecnológico de Monterrey warnt: „Wenn Mobilitätdienste nicht für alle Menschen zugänglich sind, wird dies die Gegenreaktion verstärken.“ In San Francisco entlud sich der Ärger der von den Scootern genervten Anwohnern in aggressiven Aktionen. Die Roller flogen ins Wasser oder landeten in Gräben. Eigens eingerichtete Instagram-Accounts dokumentierten Scooter-Friedhöfe.

Bird-Chef van der Zanden betont, seine Firma wolle keinesfalls zur Belastung für die Innenstädte werden. Auf Gehwegen sei das Fahren nicht erlaubt, die Geschwindigkeit werde durch sogenanntes „Geofencing“ automatisch herunter reguliert. So soll es auch künftig in Deutschland sein, verspricht er. Bislang sind die E-Vehikel auf deutschen Straßen tabu.

Ein Entwurf des Bundesverkehrsministeriums sieht jedoch vor, Fahrten mit E-Scootern bei einer Geschwindigkeit von maximal 20 Kilometern pro Stunde zuzulassen. Bürgersteige allerdings bleiben tabu. Gibt es keinen Radweg, müssen die Fahrer auf die Straße ausweichen. Zu den weiteren Vorschriften zählen eine Versicherungsplakette, zwei voneinander unabhängige Bremsen sowie Blinker vorne und hinten.

Wie in den USA müssen deutsche Fahrer zwar keinen Helm tragen und benötigen voraussichtlich keinen Mofa-Führerschein oder eine andere Fahrerlaubnis. Um 12 Uhr nachts ist die Fahrt ohnehin vorbei. Da deaktivieren sich die Scooter automatisch. „Nichts Gutes passiert nachts nach Mitternacht auf einem Scooter“, sagt van der Zanden.

In Austin, Texas, wo die Besucher nach Ende des offiziellen Festivalprogramms der SXSW in den Kneipen weiterfeiern, dürfte dies umso mehr gelten.

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