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09.08.2018

15:14 Uhr

Die Planung des Arbeitstages fällt zwischen Deutschen und Niederländern komplett unterschiedlich aus. Imago

Notiz

Die Planung des Arbeitstages fällt zwischen Deutschen und Niederländern komplett unterschiedlich aus.

Berufsalltag

Zwei Manager im Vergleich – warum Niederländer die beste Work-Life-Balance haben

VonLilian Fiala

Sogar auf höchster Managementebene halten sich in den Niederlanden Privates und Berufliches die Waage – ganz anders als in Deutschland.

Amsterdam, DüsseldorfDen gelben Zettel hat Wilbert Mulders immer in seiner Tasche. Zwischen Laptop und den Schlüsseln für das Segelboot, eingequetscht zwischen Arbeits- und Privatleben. Darauf hat der 51-Jährige Tipps für produktiveres Arbeiten notiert. Auch die Namen seiner Kinder, seiner Frau und seiner Freunde stehen da.

Und eine Checkliste für seine Gesundheit. Details daraus sollen nicht veröffentlicht werden. Es ist eine Art persönliche Kurzanleitung zum Runterkommen. Sie soll Mulders daran erinnern, was wirklich wichtig ist, wenn es mal stressig wird. Er hat den DIN-A5-Zettel sogar laminiert. Mulders ist Manager in Amsterdam. Jede Woche arbeitet der Niederländer zwischen 40 und 60 Stunden. Das ist viel in seinem Land.

300 Kilometer weiter kramt Stephan Grabmeier einen USB-Stick aus seiner Tasche. Ob die Präsentation für den Vortrag gestern Abend noch fertig geworden sei, will die Organisatorin der Veranstaltung halb im Spaß, halb im Ernst wissen. Grabmeier lächelt. Natürlich habe er die Folien, sagt der 47-Jährige freundlich.

Der Niederländer ist trotz seiner Führungsposition mit viel Verantwortung entspannt. Er arbeitet meist nicht mehr als 40 Stunden pro Woche. Randstad

Wilbert Mulders

Der Niederländer ist trotz seiner Führungsposition mit viel Verantwortung entspannt. Er arbeitet meist nicht mehr als 40 Stunden pro Woche.

Was er nicht sagt: dass er sie bis spät in die Nacht bearbeitet hat, weil sonst keine Zeit blieb. Um fünf Uhr morgens ging es dann weiter, von seinem Wohnort Bonn nach Düsseldorf, wo er jetzt einen Vortrag zum Thema Digitalisierung und neue Formen der Arbeitsorganisation halten soll. Grabmeier sieht müde aus an diesem Tag. Auch er arbeitet viel. 70, manchmal 80 Stunden pro Woche. In stressigen Zeiten auch noch mehr. Doch er ist zufrieden mit seinem Leben. Grabmeier ist Manager in Deutschland.

Die Niederländer sind laut einer Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) das Land mit der besten Work-Life-Balance. Deutschland belegt nur Platz acht. Woran liegt das? Wir wollten es genau wissen und haben beide Manager jeweils einen Tag lang begleitet.

Auf den ersten Blick haben der Holländer Mulders und der Deutsche Grabmeier einiges gemeinsam: Beide arbeiten bei großen Unternehmen, in denen sie die Digitalisierung und neue Arbeitsweisen voranbringen sollen. Grabmeier ist Chief Innovation Officer (CIO) bei der Personalberatung Kienbaum, Mulders ist Senior Vice President und Leiter im Bereich Enterprise Clients and Talent Engagement bei der Zeitarbeitsfirma Randstad.

Beide arbeiten eng mit ihrer Unternehmensleitung zusammen, haben ihr eigenes Mitarbeiterteam und tragen viel Verantwortung. Beide verdienen um die 250.000 Euro im Jahr, plus Boni. Sie sind in etwa gleich alt, haben je einen Sohn und eine Tochter. Außerdem haben beide einen vollen Kalender (siehe Grafik). Doch bei einem genaueren Blick dort hinein sowie auf die Arbeitsbedingungen der beiden Länder ergeben sich maßgebliche Unterschiede.

Im Nachbarland arbeitet gerade einmal ein Prozent der Männer mehr als 50 Stunden pro Woche. Die Zahl der Frauen, die so lange arbeiten, ist statistisch so gering, dass sie sogar vernachlässigbar ist. Die Holländer verbringen im Schnitt 16 Stunden ihrer Woche mit Essen, Hobbys und Freizeit.

Die restliche Zeit wird verschlafen. Gerade einmal 0,5 Prozent der Befragten gaben an, regelmäßig Überstunden zu machen. Hierzulande sind es etwa fünf Prozent, die mehr als 50 Wochenstunden arbeiten. Das ist immer noch ein vergleichsweise ausbalancierter Wert; der OECD-Durchschnitt liegt bei zwölf Prozent. Aber es ist eben unausgewogener als bei den holländischen Nachbarn.

8:00 Uhr

Stephan Grabmeier ist schon seit drei Stunden wach, als er auf der Bühne steht, um seine Präsentation zu halten. Trotz der vielen Arbeit wirkt er angetrieben, aber nicht wie ein Getriebener. Auf der Bühne ist er enthusiastisch, erklärt seinem Publikum begeistert digitale Managementkonzepte wie New Work. „Ich habe Freude an dem, was ich mache“, sagt er später. Sein Stress sei „positiver Stress“.

Wilbert Mulders wurde heute früh von der Sonne und den Geräuschen des Kanals geweckt – er hat die Nacht auf seinem Segelboot in Amsterdam verbracht. Sein 18-jähriger Sohn kommt am Nachmittag, ein halbes Jahr haben sie sich nicht gesehen, weil der Sohn gerade eine Ausbildung zum Kapitän macht und auf den Weltmeeren unterwegs war.

Der deutsche Manager liebt seinen eng getakteten Tagesplan. Für ihn ist Stress positiv – eine Arbeitswoche von 70 bis 80 Stunden gehört für ihn zum Standard. Kienbaum

Stephan Grabmeier

Der deutsche Manager liebt seinen eng getakteten Tagesplan. Für ihn ist Stress positiv – eine Arbeitswoche von 70 bis 80 Stunden gehört für ihn zum Standard.

Nach einem Abendessen möchte Mulders mit ihm nach Hause in einen Vorort der niederländischen Hauptstadt segeln. Bei einem Kaffee erklärt Mulders, wie er seinen Ausgleich findet: Zwischen Terminen lässt er mindestens eine halbe Stunde Zeit, nach 18 Uhr gibt es keine Meetings mehr.

Er macht Yoga, meditiert und sieht jeden Tag als Neustart. „Ich frage mich jeden Morgen drei Dinge: Was will ich heute wirklich erledigen? Was kann ich für andere tun? Was kann ich für mich selbst tun? So starte ich positiv in den Tag“, sagt Mulders. Für ihn heißt das heute, vor allem Meetings führen, vorbereiten, nachbereiten. Eine Partnerschaft mit einem neuen Softwareanbieter für das Recruiting bei Randstand soll unter anderem entstehen.

12:00 Uhr

Für das Mittagessen bleibt Mulders nach einem produktiven Vormittag eine Stunde. Er trifft sich mit einem Kollegen, mit dem er schon in Deutschland zusammengearbeitet hat. Dort war Mulders drei Jahre lang für Randstad tätig. Der Manager sieht den Unterschied in der deutschen und der niederländischen Arbeitsweise vor allem in der starken Hierarchie in vielen deutschen Unternehmen. „Deutschland ist individuell geprägt, die Niederlande orientieren sich am Team“, erklärt er.

Heißt: Während in Deutschland Arbeitnehmer und Arbeitgeber oft persönliche Zielvereinbarungen festlegen, kommt es in den Niederlanden auf den Gesamt-Output des Teams an. „In meinem Team in Deutschland kam am Anfang oft der Satz: ,Da muss ich meinen Chef fragen.‘ Ich sage dann: Nein, du musst deine eigenen Entscheidungen treffen“, erinnert sich Mulders. Das habe viele überrascht.

Die Kritik an der deutschen Hierarchiegläubigkeit teilt Grabmeier: „Vor allem in sehr traditionellen Unternehmen gelten starke Hierarchiegefälle. Ich halte das für kontraproduktiv.“ Die individuelle Entscheidungsfreiheit und Selbstständigkeit würden dadurch eingeschränkt, Arbeitsprozesse unnötig in die Länge gezogen.

In seinem eigenen Team hat Grabmeier von Anfang an klargestellt, dass alle auf einer Ebene und selbstständig arbeiten. Zu festgelegten Terminen wie dem gemeinsamen Mittagessen besprechen er und seine Kollegen dann den aktuellen Stand verschiedener Projekte und Aufgaben. In traditionellen Unternehmen verhindere meist die Angst vor einem Kontrollverlust solche Arbeitsweisen.

Der Grund für die flachere Hierarchie in den Niederlanden liegt in der Geschichte des Landes. Bereits im Mittelalter entwickelte sich durch den gemeinsamen Bau von Deichen durch alle Bürger ein Konsens, der heute als Poldermodell bezeichnet wird. Es beschreibt die organisierte Verhandlung zwischen Arbeitgebern, Gewerkschaften und unabhängigen, von der Regierung ernannten Mitgliedern im Wirtschaftsrat.

Diese Parteien müssen sich zu Löhnen und Arbeitsbedingungen einigen. Günter Gülker, Geschäftsführer der Deutsch-Niederländischen Handelskammer (DNHK), erklärt: „Die Niederlande sind ein handelsorientiertes Land, Deutschland ist produktorientiert. Im Handel ist man auf Kompromisse angewiesen – da stehen starke Hierarchiegefälle im Weg.“ In Deutschland gehört der Ingenieur zu den angesehensten Berufsgruppen – er entwickelt und produziert. In den Niederlanden wird dagegen der Händler geschätzt.

14:00 Uhr

Stephan Grabmeier führt ein Gespräch zum Abschluss der Probezeit mit einem jungen Kollegen. Danach geht es fließend in die nächste Projektpräsentation über. Auch wenn das Gespräch gut lief, bleibt weder Grabmeier noch dem jungen Kollegen Zeit, das Besprochene zu reflektieren. Der nächste Termin wartet.

Der Deutsche kennt sich aus in der Welt, hatte in seiner Karriere bereits Berührungspunkte mit einem Arbeitsleben ganz ähnlich dem der Holländer. Für die Master Management AG war Grabmeier einige Jahre in Dänemark tätig. Damals waren er und seine erste Frau noch verheiratet, er ging arbeiten, sie blieb in Elternzeit zu Hause bei den Kindern. „Das Modell hat mir nicht gefallen und letztendlich auch die Beziehung entzweit. Um mich herum gingen in dänischen Familien Frau und Mann arbeiten, keiner blieb zu Hause“, sagt Grabmeier.

Die letzten fünf Jahre war er mit Siemens-Vorstandsmitglied Janina Kugel liiert. „Das war zwar ein extrem hoher logistischer Aufwand, aber es hat besser zu meinem Lebensstil gepasst“, sagt Grabmeier. Er und Kugel haben jeweils zwei Kinder. Die Beziehung benötigte einen minutiös auf Business und Familienleben abgestimmten Terminkalender. „Seit der Trennung von meiner Ehefrau war ich nicht mehr in der klassischen Vaterrolle“, fügt Grabmeier hinzu und räumt mit Blick auf seinen Geschäftsalltag ein: „Ansonsten wäre ich zeitlich lange nicht so flexibel.“

Arbeitstage im Direktvergleich

Wilbert Mulders

8 Stunden: Der Arbeitstag von Wilbert Mulders geht von acht bis 17 Uhr – inklusive 60 Minuten Mittagspause.

Stephan Grabmeier

16 Stunden dauert es, bis der Arbeitstag von Stephan Grabmeier vorbei ist.

Die Doppelverdiener-Haushalte, die Grabmeier in Dänemark so schätzen lernte, gehören auch in den Niederlanden zum Standard. Meist arbeiten dort jedoch beide Arbeitnehmer in Teilzeit. Das ist in Deutschland noch selten – vor allem auf Führungsebene.

Unter 2500 Managern sind zuletzt gerade einmal 2,5 Prozent in Teilzeit beschäftigt gewesen, wie eine Umfrage des Fraunhofer-Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation schon vor drei Jahren ergab. Inzwischen bieten etliche Konzerne Teilzeitführungsmodelle an. Der Wert dürfte deshalb auch in Deutschland gestiegen sein. Doch der Pragmatismus sei in den Niederlanden stärker ausgeprägt als hierzulande, erklärt DNHK-Geschäftsführer Gülker. „Die Leitfrage ist: Wie viel Geld braucht meine Familie, um glücklich zu sein? Die Arbeit teilen sich Paare dann entsprechend auf.“

Ein häufiger Irrglaube ist allerdings, dass die Gesetzeslage in den Niederlanden Teilzeitarbeit einfacher mache als in Deutschland. Tatsächlich ähneln sich die Arbeitsgesetze der beiden Länder stark. Ulrike Tudyka, Juristin für Arbeitsrecht bei der DNHK, sagt: „Die gesetzlichen Bestimmungen in Deutschland erlauben genauso eine Work-Life-Balance wie in den Niederlanden.“ In Deutschland gibt es, genau wie in den Niederlanden, einen Anspruch auf Teilzeitarbeit. Der Arbeitnehmer muss dem Arbeitgeber seinen Teilzeitwunsch rechtzeitig mitteilen. Der Chef darf nur aus schwerwiegenden Gründen ablehnen.

17:00 Uhr

Wilbert Mulders und seinem Team hat sich ein Start-up vorgestellt. Doch das Angebot des kanadischen Gründers, der gerade via Skype bei ihm vorsprach, konnte ihn und sein Team nicht beeindrucken. „Die Idee ist gut, aber die Umsetzung ist nicht ausgereift“, sagt Mulders. Trotzdem ist er mit seinem Tagespensum zufrieden. Er hat heute viel geschafft. Eine neue Kooperation ist geklärt, die Projekte sind alle auf einem guten Stand, und für Anfang September konnte er ein wichtiges Meeting planen. Jetzt läuft er zu Fuß zum Bahnhof. Beim Spazieren verarbeitet er den Tag.

Stephan Grabmeier hat um 17 Uhr noch lange nicht Feierabend. Nach den Besprechungen mit seinen Kienbaum-Kollegen in Köln ging es zu einem Beratungsgespräch für den Deutschen Industrie und Handelskammertag (DIHK) nach Bonn. Gerade das Kilometerschrubben, das für Grabmeier als externen Berater üblich ist, bedeutet für Wilbert Mulders Stress. So kommt es, dass er vor allem auf Geschäftsreisen zu seinem gelben Notfallzettel greift.

Grabmeier findet die Pendelei zwischen den Terminen an den unterschiedlichsten Orten nicht anstrengend. Von der DIHK aus ist er jetzt auf dem Weg in die Bonner Innenstadt. Dort trifft er sich in einem Café erneut mit zwei Mitarbeitern aus seinem Kienbaum-Team.

An einem kleinen Tisch in der Altstadt planen die drei die Umsetzung eines Projekts, für das die Unternehmensleitung grünes Licht gegeben hat. Zwischen seinem letzten Arbeitsmeeting und dem Abendessen mit einem Geschäftskunden schiebt Grabmeier von 18:30 Uhr bis 20:15 Uhr noch etwas Sport ein: Spinning im Fitness-Studio um die Ecke vom Bonner Altstadt-Café.

Arbeitszeitmonitor: So viele Überstunden macht Ihr Chef

Arbeitszeitmonitor

So viele Überstunden macht Ihr Chef

Manager oder Managerin zu sein bedeutet harte Arbeit. Besserverdiener, so zeigt es eine Studie, arbeiten deutlich länger als vereinbart.

Er hat die Mentalität eines Leistungssportlers. Von Tennis über Squash bis zum Triathlon hat er in diversen Disziplinen Höchstleistungen erbracht. „Ich bin ein Mensch, der seine beste Performance abliefert, wenn der Druck sehr hoch ist“, sagt Grabmeier. Das gelte für Wettkampfsituationen genauso wie für den Job. Natürlich gebe es aber auch Momente, in denen er nicht mehr kann, gibt er zu. Und meint damit nicht nur sportliche Herausforderungen. Was er dann tut? Auf diese Frage folgt lange Stille. Dann sagt er: „Weitermachen, irgendwie.“

Auch nach dem Geschäftsessen ist der Arbeitstag für Grabmeier immer noch nicht vorbei. Für eine weitere Vortragsveranstaltung muss er mal wieder eine Präsentation vorbereiten. Gegen Mitternacht schickt er schließlich eine SMS: „Mein Tag endet jetzt, er war länger als geplant. Leider werden es nur knapp sechs Stunden Schlaf.“ Denn dann geht es schon wieder zum nächsten Beratungsgespräch – diesmal nach Frankfurt.

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