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04.12.2018

14:51

Ein Jahr nach „#MeToo“

Angst vor Belästigungsvorwürfen lässt Topbanker ihre Kolleginnen meiden

Die „#MeToo“-Debatte über sexuelle Belästigung hat Alphamänner verstört. Viele halten Abstand zu Frauen. Die Wall Street könnte noch mehr zum Männerklub werden.

#MeToo: Aus Angst vor Belästigungsvorwürfen meiden Top-Banker Frauen dpa

#MeToo

Einen Megaskandal wie den um Filmproduzent Harvey Weinstein gab es an der Wall Street bisher nicht.

New YorkKein Abendessen mehr mit weiblichen Kollegen. Sitzen Sie auf Flügen nicht neben ihnen. Buchen Sie Hotelzimmer auf verschiedenen Etagen. Vermeiden Sie Einzelgespräche. Ein männlicher Vermögensberater drückte es so aus: Eine Frau einzustellen sei heutzutage schon „ein unbekanntes Risiko“. Was wäre, wenn sie etwas, was er sagt, falsch aufnehmen würde, so die kuriose Frage.

An der Wall Street greifen Männer nach der Diskussion über sexuelle Übergriffe in Hollywood und anderen Branchen, der sogenannten #MeToo-Debatte, auf umstrittene Strategien zurück – und machen damit das Leben für Frauen noch schwieriger.

US-amerikanische Beobachter nennen es bereits den „Pence-Effekt“, benannt nach US-Vizepräsident Mike Pence, der gesagt hatte, er vermeide es, allein mit einer anderen Frau als seiner Ehefrau zu speisen. In der Finanzwelt kann die Folge eine noch stärkere Geschlechtertrennung sein.

Interviews mit mehr als 30 leitenden Führungskräften deuten darauf hin, dass viele der lange unter ihresgleichen gebliebenen männlichen Führungskräfte von der #MeToo-Debatte verschreckt sind. Viele haben offenbar Probleme, mit der neuen Zeit zurechtzukommen. „Man hat das Gefühl, auf Eierschalen zu laufen“, klagt etwa David Bahnsen, ein Ex-Geschäftsführer der Großbank Morgan Stanley, jetzt als unabhängiger Berater aktiv.

Das Phänomen erstreckt sich auch auf andere Branchen. In den ganzen USA überprüfen Männer ihr Verhalten auf der Arbeit. Manche wollen sich so vor einer – in ihren Augen – übertriebenen „politischen Korrektheit“ schützen, andere wollen einfach das Richtige tun.

An der Wall Street, wo Frauen in den oberen Führungsrängen schon jetzt rar gesät sind, führt das zu einem absurden Effekt: Die Branche hatte lange eine Kultur gefördert, die Belästigungsbeschwerden still und heimlich abgeräumt und so einen Megaskandal wie den um Hollywood-Produzent Harvey Weinstein vermieden hat.

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Jetzt, mehr als ein Jahr nach Beginn der #MeToo-Bewegung und den Enthüllungen über Belästigung und Missbrauch in Hollywood, im Silicon Valley und andernorts, könnte die Wall Street noch mehr zu einem Männerklub werden, als sie es sowieso schon ist.

„Frauen suchen nach Ideen, wie sie damit umgehen sollen, weil es unsere Karriere beeinflusst“, sagte Karen Elinski, Präsidentin der „Financial Women’s Association“ und Topbankerin bei Wells Fargo. „Es ist ein echter Verlust.“

Durch das Verhalten der Männer könnten neue Probleme entstehen, glaubt der Arbeitsrechtler Stephen Zweig von der Kanzlei Ford-Harrison. „Wenn Männer es vermeiden, mit Frauen alleine zu arbeiten oder zu reisen, oder aufhören, Frauen aus Angst vor dem Vorwurf sexueller Belästigung zu fördern“, erklärte er, „werden diese Männer zwar eine Beschwerde wegen sexueller Belästigung vermeiden, aber direkt eine Beschwerde wegen sexueller Diskriminierung erhalten.“

Treffen nur noch mit offener Tür

Topmanager von Hedgefonds, Anwaltskanzleien, Banken, Private-Equity-Gesellschaften und Investment-Management-Gesellschaften, die anonym bleiben wollen, sehen eine deutliche Verschiebung. In vertraulichen Gesprächen geben sie zu, dass sie wie US-Vizepräsident Mike Pence denken. Viele fühlten sich unbehaglich in der Gegenwart von weiblichen, jungen, attraktiven Kolleginnen – aus Angst vor der Gerüchteküche oder einer potenziellen Haftung.

Ein Manager für Infrastrukturinvestitionen sagt, er würde sich nicht mehr mit weiblichen Angestellten in Räumen ohne Fenster treffen. In Aufzügen halte er Abstand. Ein Mann in den Endvierzigern aus dem Bereich Private Equity erklärte, er habe auf Rat seiner Frau, einer Juristin, eine neue Regel aufgestellt: kein Geschäftsessen mit einer Frau unter 35 Jahren.

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Die Veränderungen können subtil, aber tückisch sein, wenn beispielsweise eine Frau von gelegentlichen Drinks nach der Arbeit ausgeschlossen wird und nur männliche Kollegen Bindungen und ein entsprechendes Netzwerk knüpfen, oder, wenn bei privaten Gesprächen mit dem Chef die Tür weit offen steht.

Viele Wall-Street-Männer reagieren inzwischen regelrecht paranoid auf die #MeToo-Enthüllungen. Einige fürchteten eine falsche Anschuldigung, sagt der Anwalt Zweig. „Diese Männer fürchten das, was sie nicht kontrollieren können.“

Im Januar, als #MeToo an Fahrt gewann, gab Ron Biscardi, Chef der Firma Context Capital Partners, eine spätabendliche Zusammenkunft auf, die er während der Jahreskonferenz in seiner Penthouse-Suite veranstaltet hatte. „Angesichts der Tatsache, dass sich Frauen bei unseren Veranstaltungen in der Minderheit befinden, möchten wir sicherstellen, dass die Umgebung immer einladend und angenehm ist“, sagte er. „Wir waren der Meinung, dass das Abschaffen der Party notwendig war, um dieses Ziel zu erreichen.“

Ein Problem der Wall Street wie vieler anderer US-Branchen ist sicher, dass vielen der lange unter sich gebliebenen Männern schlicht die Umgangsformen fehlen, um entspannt mit weiblichen Kollegen umzugehen. Patriarchales Denken lässt sich auch im Jahr 2018 offenbar nicht so leicht abschütteln.

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Angesichts der Dominanz der Männer in den Spitzenjobs der Wall Street führt das zur absurden Situation, dass die Debatte über sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz das berufliche Vorankommen von Frauen beeinträchtigen könnte. Schwerwiegend wirkt etwa der Verlust männlicher Mentoren, die helfen könnten, die Karriereleiter zu erklimmen.

„Es gibt nicht genug Frauen in leitenden Positionen, um die nächste Generation ganz alleine hochzubringen“, sagt Lisa Kaufman, Chefin von LaSalle Securities. „Ein Vorwärtskommen erfordert in der Regel, dass jemand auf der obersten Ebene Ihre Arbeit kennt, Ihnen Möglichkeiten bietet und bereit ist, Sie innerhalb der Firma zu vertreten. Es ist schwer, eine derartige Beziehung zu entwickeln, wenn die ranghöhere Person nicht gewillt ist, Zeit allein mit Ihnen zu verbringen.“

Die ehemaligen Alphamänner der Wall Street dürften ihre „Angst nicht zur Barriere“ werden lassen, lautet Kaufmans Rat.

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