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06.12.2018

21:40

Karriere-Entscheidung

Zurück in die Befehlskette – wenn Selbstständige zu Angestellten werden

Von: Lazar Backovic, Michael Scheppe

Der Wechsel zurück in die Unselbstständigkeit kann sich lohnen – für Mitarbeiter wie für Unternehmen. Drei (Ex-)Selbstständige erzählen vom Alltag.

„Ich kann mich jetzt auf das konzentrieren, was mir Spaß macht.“

Björn Hahn, Bayer

„Ich kann mich jetzt auf das konzentrieren, was mir Spaß macht.“

Düsseldorf, Köln, Leverkusen Sein Geld im Sitzen verdienen, so hatte sich Florian Knorr das gedacht – mit beheizbaren Stadionsitzkissen. Der junge Unternehmer wollte produzieren, die Vereine sollten kaufen. So weit der Plan.

Doch daraus wurde nichts. Zwar orderte Real Madrid als einziger Spitzenklub 5000 der Heizpolster. Aber Knorr war auch Sportmarketing-Student an der Universität des Traditionsvereins gewesen – dort durfte der Jahrgangsbeste als Belohnung ein Praktikum machen. Genützt hat es ihm wenig: Selbst mit zwei Nebenjobs konnte Knorr nicht genug Geld beiseiteschaffen, um von seiner Idee leben zu können.

„Wenn du jeden Tag alles gibst und trotzdem deinen Lebensunterhalt kaum finanzieren kannst“, sagt der 29-Jährige, „dann ist das irgendwann frustrierend.“ Seit September arbeitet er deshalb als Berater bei der Kölner Agentur Convidera – Festanstellung statt Gründertraum.

Auch Björn Hahn ist seit Kurzem nicht mehr sein eigener Chef. Als Selbstständiger war der 51-Jährige nicht nur Scout für Pharmafirmen, er musste sich auch um alle Verwaltungsaufgaben, Abrechnungen, Krankenkassenformulare und Kammerbeiträge kümmern, sogar die IT managte er selbst.

Beim Pharmariesen Bayer macht er heute als Inhaus-Berater in etwa das Gleiche wie noch zu Unternehmerzeiten – nur ohne den lästigen Papierkram. Sein Resümee nach zwei Monaten im Kosmos eines Dax-Konzerns: „Ich kann mich jetzt voll auf das konzentrieren, was mir Spaß macht.“

Worauf Seitenwechsler achten müssen

Bewerbung

Für Selbstständige, die eine Festanstellung suchen, gilt das Gleiche wie für jeden anderen auch: Stellen Sie Ihre Stärken heraus!

Hinweis: Unbedingt Auftraggeber und Geschäftspartner als Referenzen angeben. Und verschränken Sie auf dem Bewerbungsfoto nicht die Arme. Schließlich sind Sie nicht mehr der Boss.

Gehalt

Das wird unter Umständen niedriger ausfallen. Dafür gibt es ein sicheres Einkommen, gesponserte Fortbildungen und Unterstützung bei der Altersvorsorge.

Hinweis: Gerade in mittelständischen Unternehmen erschweren überzogene Gehaltswünsche den Wechsel.

Formalia

Hier gibt es Einiges zu beachten. Der Seitenwechsler muss dem Finanzamt eine Abschluss-Steuererklärung aus seiner Selbstständigkeit vorlegen – und prüfen, ob ein Wechsel in die gesetzliche Krankenversicherung sinnvoll ist (nur bei Bruttogehältern unter 59.400 Euro).

Hinweis: Wer seine Selbstständigkeit als Nebenerwerb weiterlaufen lässt, kann sich ein Hintertürchen aufhalten.

Die Sehnsucht nach Sicherheit und der Wunsch, nicht mehr für alles verantwortlich sein zu müssen, sind nur zwei Motive, die Selbstständige dazu bewegen, sich fest anstellen zu lassen. Was sich früher auszuschließen schien, ist mittlerweile unter Arbeitnehmern wie Arbeitgebern en vogue.

Noch ist ein solcher Seitenwechsel zwar eher ungewöhnlich; er lässt sich aber immer häufiger beobachten. Allein 2017 haben laut Statistischem Bundesamt 97.000 Unternehmer ihre Selbstständigkeit für eine Festanstellung aufgegeben. Ein Viertel mehr als noch 2014.

Seitenwechsler sind gefragt

Den umgekehrten Weg gehen zwar immer noch deutlich mehr Menschen, 250.000 nämlich, aber die Zahl fällt. Zu dieser Entwicklung passt, dass hierzulande immer weniger Gewerbe angemeldet werden, während die Zahl der abhängig Beschäftigten stetig steigt. Kurz: Deutschland zieht es in die Festanstellung – selbst als Gründer.

„Die Offenheit für einen Seitenwechsel ist gestiegen“, sagt Lutz Rachner, Partner bei der Managementberatung Kienbaum. Gerade jüngere Menschen planten ihre Karrieren heute eher in kurzfristigen Zyklen. Da falle es schwer, Festanstellung oder Selbstständigkeit kategorisch auszuschließen. Rachner prognostiziert für die Zukunft deutlich mehr Wechsler „in beide Richtungen“.

Dass Ex-Gründer über ihren Weg zurück in die Befehlskette reden, ist nicht selbstverständlich. Denn in Gründerkreisen gilt oft erst als etablierter Unternehmer, wer eine Handvoll Unternehmen und das eigene Konto an den Rand des Ruins getrieben hat. Umgekehrt fürchten Gründer, als Festangestellte das Wort „gescheitert“ auf der Stirn zu tragen.

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Dabei sind ehemalige Unternehmer heute attraktiver denn je für Unternehmen. Zwar mögen die Querdenker insgesamt schwieriger zu managen sein als jene Arbeitnehmer, die sich über Jahrzehnte in den Mühlen eines etablierten Unternehmens hochgedient haben. „Doch Unternehmen wollen die selbstständigen Experten allein schon deshalb haben, weil sie sich schnell auf neue Themen einstellen können und es gewohnt sind, agil zu arbeiten“, sagt Torsten Schneider, Präsidiumsmitglied im Bundesverband der Personalmanager.

Bei Knorrs neuem Arbeitgeber Convidera sind gleich sechs der gerade mal gut 70 Mitarbeiter ehemalige Unternehmer. Agenturchef Michael Buck will den Anteil weiter steigern. Er hat mit den Seitenwechslern gute Erfahrungen gemacht. „Sie gehen lösungsorientierter an die Themen und erwarten weniger Beistand von oben.“

Ein wenig „Demut vor den Herausforderungen“ Chef zu sein

Und sie verstünden die Nöte des Chefs, auch dann, wenn es mal nicht nach Plan laufe. Wer schon mal erlebt habe, wie eine eigene Idee schiefging, habe ein wenig „Demut vor den Herausforderungen“, mit denen ein Geschäftsführer im Tagesgeschäft klarkommen muss.

Die Büroräume der Kölner Agentur sind offen, die Mitarbeiter kickern in der Pause, im Gang riecht es nach Pizza. Diese Atmosphäre hat Ex-Gründer Knorr den Weg aus der Selbstständigkeit erleichtert, sagt er. Auch inhaltlich ist er recht frei darin, wie er seine Aufgaben erfüllt.

Als festangestellter Berater will Knorr Mittelständler beim Thema Digitalisierung unterstützen. Der einstige Gründer verfolgt dabei einen Inkubator-Ansatz. Und der sieht so aus: Für die Umsetzung der digitalen Geschäftsmodelle gründen Knorrs Kunden eigene Unternehmensteile, eine Art hauseigenes Start-up.

„In meinem neuen Job bewege ich mich in einer ähnlichen Welt wie früher, ohne dass auf mir die gesamte Verantwortung lastet.“

Florian Knorr, Agentur Convidera

„In meinem neuen Job bewege ich mich in einer ähnlichen Welt wie früher, ohne dass auf mir die gesamte Verantwortung lastet.“

Beim Aufbau hilft Knorr. „In meinem neuen Job bewege ich mich in einer ähnlichen Welt wie früher, ohne dass auf mir die gesamte Verantwortung lastet“, sagt der Berater – auch wenn größere strategische Entscheidungen inzwischen andere treffen.

Bayer-Neuzugang Hahn sagt: „Es ist ein Mythos, dass man als Selbstständiger frei ist.“ Dass er das Angebot aus Leverkusen aber annahm, war es auch für ihn ein mehrmonatiger Prozess. Vor seiner Selbstständigkeit war Hahn schon einmal Angestellter. Erst längere Zeit im Hochschulbereich, wenig später in einem amerikanischen Großkonzern.

Den Plausch in der Kaffeeküche vermisst

Auch wenn es banal klingen mag, Hahn vermisste irgendwann den Plausch in der Kaffeeküche. In den Unternehmen, die er beriet, galten strenge Geheimhaltungsklausen. „Da hatte ich im Alltag niemanden, mit dem ich beruflich offen auf Augenhöhe ‧reden konnte.“ Hahn habe sich manchmal wie „der Segler auf der Jolle“ gefühlt, sagt er – zwar im Entdeckermodus, aber irgendwie auch für sich.

Und in immer raueren Gewässern. Hahns Job als Selbstständiger bestand vor allem darin, asiatische Pharmafirmen mit europäischen Unternehmen der Branche zusammenzubringen. Um langfristig erfolgreich zu bleiben, hätte er jedoch bald investieren müssen, zum Beispiel in neue Datenbanken. Und die können schon mal mehrere zehntausend Euro kosten. „Bei solchen Investments“, sagt Hahn, „hast du als einzelner Berater kaum noch eine Chance.“

Bis zu 200.000 Euro jährlich setzte Hahn mit seinen Mandaten um, doch sein Gehalt schwankte stark. Es gab Monate, in denen er nichts verdiente. Das sei nun anders – auch wenn er insgesamt weniger verdiene. „Die finanziellen Abstriche kann ich verkraften“, sagt Hahn. Dafür genieße er die zahlreichen Benefits eines Dax-Konzerns.

Die Diskussion ums Geld sei bei Seitenwechslern oft ein Knackpunkt, sagt Ralf Neier, Senior-Personalberater bei Hapeko, einem Personalkontor für Mittelständler und internationale Konzerne in Osnabrück. „Gehaltsverhandlungen sind schwierig, weil Selbstständige ein ganz anderes Einkommensmodell haben. Sie sollten auch nicht die Illusion haben, so viel Geld wie früher zu verdienen.“

Neier rät ihnen dazu, nicht nur die Jahressummen zu vergleichen, sondern alle Sozialabgaben miteinzurechnen, die Unternehmer selbst zahlen müssen.

Und einen weiteren Punkt dürfe man aus der Rechnung nicht draußenlassen, mahnt Hahn: die eigene Arbeitszeit. Denn auch wenn er heute weniger verdiene, arbeite er im Schnitt auch weniger. Als Selbstständiger waren für ihn 60 Wochenstunden eher die Regel als die Ausnahme. Heute hat er vertraglich eine 40-Stunden-Woche zugesichert. Selbstverständlich fallen ab und zu Überstunden an, aber eben in einem anderen Ausmaß als früher.

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Bei Junggründern wie Knorr kann sich der Wechsel in die Unselbstständigkeit allerdings auch finanziell lohnen. Schließlich geht statistisch gesehen einem Drittel aller Start-ups innerhalb der ersten drei Jahre die Puste aus – und das, ohne je einen einzigen Euro Gewinn einzubringen.

Ein Gefühl, das Philippa Köhnk nur zu gut kennt. Köhnk, 35, hat gleich mehrere berufliche Seitenwechsel hinter sich – von der Gründerin zur leitenden Angestellten zurück zur Gründerin.

Lange Zeit war Köhnk, die früher Pauen hieß, eine der großen Hoffnungen der Berliner Start-up-Szene. Jung, weiblich, erfolgreich – wobei das mit dem Erfolg so eine Sache war. Ihr erstes Projekt Wummelkiste, ein Bastelbox-Abo für junge Eltern, scheiterte an zu hohen Produktionskosten. Auch das Essen-Start-up, in dem sich Köhnk danach engagierte, musste nach zwei geplatzten Finanzierungsrunden Insolvenz anmelden.

Von der Gründerin zur Angestellten und zurück

„Ich hatte nie gelernt, wie ein Unternehmen funktioniert, das vollkommen stabil läuft“, sagt die Unternehmerin. Also suchte sich Köhnk das stabilste Unternehmen, das man sich wohl vorstellen kann – und heuerte als E-Commerce-Managerin bei einem Kölner Hersteller für Arbeitskittel, Kellnerjacken und Warnwesten an – Gründungsjahr 1788.

„Die Branche war mir zwar durchaus geläufig und sympathisch“, sagt Köhnk. Schon ihr Urgroßvater hatte einen Zwischenhandel für Arbeitsbekleidung gegründet, den der Vater übernahm. Und doch merkte sie an vielen Stellen, dass ein Mittelständler aus dem Rheinland eben anders tickt als die hippe Hauptstadt-Gründerszene – auch wenn es „wirklich alles prima Kollegen waren“.

Ich hatte nie gelernt, wie eine Firma funktioniert, die stabil läuft.

Philippa Köhnk, Mitgründerin DCom

Ich hatte nie gelernt, wie eine Firma funktioniert, die stabil läuft.

Was die Gründerin vor allem unterschätzte, war ihre eigene Sprache. „Wir haben für ein und dieselbe Sache zwei unterschiedliche Begriffe benutzt und so sicherlich auch das ein oder andere Mal aneinander vorbeigeredet.“ Klar hätte man simultan zwischen „Familienunternehmerisch“ und „Start-up-Deutsch“ übersetzen können. „Das habe ich auch versucht.“ Die Kommunikation blieb dennoch kompliziert.

Ein weiterer Punkt waren die langen Vorlaufzeiten: „Wir haben zum Beispiel Budgetbesprechungen für das neue Geschäftsjahr ein halbes Jahr im Voraus gemacht. Das war ich einfach nicht gewohnt.“ Und doch ging es der Unternehmerin darum, genau solche Prozesse kennen zu lernen. „Das Ziel eines Start-ups ist es ja, irgendwann ein etabliertes Unternehmen zu werden. Das wollte ich einmal von innen sehen.“

Noch in der Elternzeit gekündigt

Köhnks Aha-Moment, wieder Unternehmerin zu werden, kam kurz nach der Geburt ihrer ersten Tochter. „Ich hatte neun Wochen nicht gearbeitet, die ersten zwei fühlten sich super an, die anderen sieben irgendwie seltsam.“ Dann klingelte das Telefon. Ein alter Bekannter bat Köhnk, ihm bei der Beratung eines Kunden zu helfen. Es ging darum, eine Digitalstrategie zu erarbeiten, der Startschuss für ihre neueste Unternehmung.

„Da habe ich gemerkt, wie sehr mir dieser Teil meines Lebens fehlte.“ Noch in der Elternzeit kündigte Köhnk ihren festen Job und gründete im Team ihr aktuelles Unternehmen DCom.

Köhnk sitzt mit Babybauch in einem Düsseldorfer Café, als sie ihre Geschichte erzählt. Es sind noch drei Wochen bis zum errechneten Geburtstermin ihrer zweiten Tochter. Ob es ihr nie um Sicherheit gegangen wäre? „Nein, das war mir egal. Sonst hätte ich auch nicht gekündigt.“ Doch sie könne nun besser verstehen, wenn etwa künftige Mitarbeiter ein Sicherheitsbedürfnis haben. „Weil ich erlebt habe, was eine solche Sicherheit bedeutet.“

Auch Florian Knorr und Björn Hahn könnten sich prinzipiell vorstellen irgendwann einmal wieder zu gründen, wenn sie momentan auch sehr glücklich mit ihrer Entscheidung sind. „Das Freudengefühl, das einen durchfährt, wenn man morgens aufsteht und der Chef seines eigenen Start-ups ist, in das man seine ganze Leidenschaft steckt, ist schon ein besonderes“, sagt Knorr. „Diese Identifikation fühlt man als Angestellter nicht so stark.“

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