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04.10.2018

12:17 Uhr

Wer zu viel motiviert, demotiviert seine Mannschaft. Fotolia.com

Kein Elan?

Wer zu viel motiviert, demotiviert seine Mannschaft.

Karrierecoach Martin Wehrle

„Je mehr wir motivieren, desto demotivierter werden die Mitarbeiter“

VonMartin Wehrle

Lassen sich Mitarbeiter von Prämien, Lob oder Incentive-Reisen motivieren? Auf gar keinen Fall, sagt Gastautor und Karrierecoach Martin Wehrle. Sogar das Gegenteil kann eintreten.

Düsseldorf„Was kann ich tun, um meine Mitarbeiter besser zu motivieren?“, fragte mich der junge Bereichsleiter im Coaching und zupfte an seiner roten Krawatte.

„Was tun Sie denn bislang?“, frage ich zurück.

„Das volle Programm“, sagte er. „Wir setzen individuelle Leistungsprämien aus. Wir belohnen Abteilungen für einen geringen Krankenstand. Wir betreiben systematische Personalentwicklung, um Mitarbeiter durch Kurse noch besser zu machen. Und jedes Jahr ergänzen wir die individuellen Motivationsgespräche durch einen motivierendes Teamevent.“

„Ganz schön viel, was Sie da für die Motivation tun.“ Ein Lächeln ließ seine Zähne aufblitzen.

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„Das ist längst nicht alles! Wir zeichnen auch einen Mitarbeiter des Jahres aus. Und wir haben eine kleine Bibliothek mit motivierender Literatur eingerichtet.“

„Und dennoch sitzen Sie hier, weil Sie mit der Motivation Ihrer Mitarbeiter unzufrieden sind“, erinnerte ich ihn. Nachdenklich sah er mich an. „Haben Sie denn eine Idee, was die Motivation bremst?“

Martin Wehrle ist Gehaltscoach und Buchautor. Dieser Gastbeitrag ist ein bearbeiteter Auszug aus seinem neuem Buch „Noch so ein Arbeitstag, und ich dreh durch“. PR

Der Autor

Martin Wehrle ist Gehaltscoach und Buchautor. Dieser Gastbeitrag ist ein bearbeiteter Auszug aus seinem neuem Buch „Noch so ein Arbeitstag, und ich dreh durch“.

Ich bat ihn in die Mitte des Raums. „Strecken Sie Ihre Arme und die Handflächen nach vorne.“ Ich fuhr meine Arme ebenfalls aus und legte meine Handflächen gegen seine. Dann begann ich, ihn nach hinten zu drücken, wie bei einem Kampf.

Überrascht ließ er sich ein paar Schritte schieben. Dann drückte er dagegen. Jetzt ging ich rückwärts. Schließlich standen wir keuchend im Raum, und ich sagte: „Wenn Sie jemanden in die eine Richtung drücken, drückt er immer dagegen.“

„Ich kann Ihnen nicht folgen.“

„Sagen Sie zu einem Menschen: ‚Sei endlich motivierter‘ – und schon ist seine Motivation futsch. Das ist die paradoxe Wirkung des Appells.“

„Aber es kann doch kein Fehler sein, einen Menschen zu motivieren.“

„Doch, Sie nehmen ihm die Chance zur Eigenmotivation. Vielleicht wäre er freiwillig in diese Richtung gegangen. Aber sobald Sie ihn schieben, leistet er Widerstand.“

„Schieben? Wir tun von Jahr zu Jahr mehr, um die Eigenmotivation zu ermöglichen.“

„Was kommt bei einem Mitarbeiter an, wenn er zum Motivationsgespräch gebeten wird? ‚Du bist nicht motiviert genug!‘“ Er klemmte die Spitze seiner Krawatte zwischen Daumen und Zeigefinger.

„Aber Personalentwicklung ist doch sinnvoll.“

„Personalentwicklung ist unmöglich“, sagte ich. „Jeder kann sich nur selbst entwickeln, als ganzer Mensch – und nicht nur als ‚Personal‘. Und Ihre Teamprämie für geringen Krankenstand sagt indirekt: ‚Ihr seid potenzielle Krankmacher.‘ Wer traut sich noch, krank zu sein, wenn er damit seinem Team die Prämie raubt?“

„Dann meinen Sie also: Je mehr wir motivieren, desto demotivierter werden die Mitarbeiter?“ Endlich hatte er es begriffen.

Zehn Motivationsmärchen, die Sie besser nicht glauben

Alles ist möglich – Inklusive Bankrott, Burn-out und Betrug

Der faule Zauber: „Du kannst alles erreichen, wenn du nur wirklich willst“. Das ist Bullshit. Jeder von uns hat Grenzen, körperliche, mentale, intellektuelle, finanzielle... Es kann definitiv nicht jeder Astronaut, Millionär oder auch nur Frauenschwarm werden.

Der wahre Kern: In den meisten von uns steckt mehr, als wir denken und uns zutrauen. Vielen Menschen täten eine optimistischere Grundhaltung und mehr Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten gut. Wer die Messlatte etwas höher legt und mutig handelt, erreicht mehr als jemand, der zu früh aufgibt. Insofern ist „Alles ist möglich!“ eine positive Provokation, die (typisch deutsches?) Miesmachertum und „Das haben wir noch nie so gemacht“-Lethargie infrage stellt.

Tsjakkaa! Urschrei-Therapie für Versager

Der faule Zauber: Wer Tsjakkaa schreit, wird unbesiegbar. Er spornt Sie zu großen Leistungen an, so das „Du schaffst es!“-Versprechen. Das stimmt so nicht, denn Schreien gibt allenfalls einen kurzen Kraftimpuls. Möglicherweise ist der Tsjakkaa-Schrei deswegen so beliebt, weil er als euphorisches Erlebnis, als Überlegenheitsgeste, als Aufbegehren gegen eigene Ängste empfunden werden kann. Ein solcher Schrei gibt einen kurzen Schub, man fühlt sich eine Sekunde lang unbesiegbar. Doch der Effekt verpufft, er hat keine Nachhaltigkeit.

Der wahre Kern: Ein Ritual vor großen Herausforderungen kann die Angst dämpfen und die Konzentration fördern.

Positiv Denken! Selbstbetrug statt Aufbruchstimmung

Der faule Zauber: „Erfolg entsteht im Kopf“, so die These. Doch bei den meisten Menschen bleibt er auch dort. Wer positiv denkt, programmiert sein „Unterbewusstsein“ angeblich auf Erfolg und lebt allein durch die Kraft seiner Gedanken glücklicher, erfolgreicher und gesünder.

Der wahre Kern: Eine optimistische Grundhaltung hilft, Herausforderungen zu meistern. Und man kann trainieren, sich nicht von Grübeleien und negativen Gedanken überwältigen zu lassen.

Ziele setzen! Es könnte alles so einfach sein...

Der faule Zauber: „Schreiben Sie Ihre Ziele auf und profitieren Sie von der magischen Wirkung schriftlich fixierter Zielvorstellungen!“, so das kühne Versprechen.

Der wahre Kern: Ziele wirken tatsächlich wie ein Kompass und steuern Handlungsrichtung, - dauer und -intensität. Auch eine schriftliche Fixierung ist von Vorteil. Darüber hinaus kommt es aber vor allem darauf an, ins Handeln zu kommen. Aufschreiben allein genügt nicht!

Visualisieren! Fata Morgana der Träumer

Der faule Zauber: ...besteht in der Behauptung, eine Zielcollage entfalte eine geradezu magische Wirkung und lasse die ausgewählten Bilder quasi automatisch Wirklichkeit werden.

Der wahre Kern: Im Brainstorming und bei der Ideenfindung kann man gut mit Bildern arbeiten. Und: Was wir vor Augen haben oder was uns beschäftigt, lenkt unsere Aufmerksamkeit. Sich mit seinen Zielen auseinanderzusetzen schärft daher die Wahrnehmung für thematisch Passendes.

Glaub an dich! Sprüche statt Strategien

Der faule Zauber: ...entsteht, wenn banale Trostsprüche sich als echte Hilfestellung tarnen.

Der wahre Kern: Kurzfristig tut Trost gut, und wir alle brauchen gelegentlich Trost. Der sollte uns allerdings nicht einlullen und nicht davon abhalten, ins Handeln zu kommen.

Sei ein Teamspieler! Wer's glaubt, wird selig aber nicht erfolgreich

Der faule Zauber: ...besteht im Lobgesang auf eine nicht näher definierte „Teamfähigkeit“. Wer sich im Team versteckt und Konflikte scheut, wird es nicht weit bringen.

Der wahre Kern: Wer andere für sich und seine Ziele gewinnen kann, kommt leichter vorwärts. Dafür muss man aber Teams nutzen können, statt sie als bequeme Hängematte misszuverstehen.

Lauf Marathon! Unsinn des sportlichen Aktionismus

Der faule Zauber: Es wird suggeriert, (extreme) körperliche Fitness sei der Schlüssel zum Erfolg auch auf anderen Gebieten.

Der wahre Kern: Menschen, die gesund leben, sind im Allgemeinen leistungsfähiger.

Sei ganz du selbst! Die Lüge des Authentischseins

Der faule Zauber: ...besagt, dass man „einfach“ nur man selbst sein müsse, und alles werde sich zum Besseren wenden. Das ist im besten Fall nichtssagend, im schlimmsten Fall irreführend. „Wähle dir Rollen, die zu deinen Werten und Eigenschaften passen, und reflektiere regelmäßig, wie du diese Rollen am besten ausfüllen kannst“, wäre ein ehrlicher und angemessener Rat. Nur ist der für das simple Weltbild, das die Tsjakkaa-Propheten verkaufen, vielleicht ein wenig zu komplex.

Der wahre Kern: ...besteht darin, dass Menschen, die im Einklang mit ihren Werten und Bedürfnissen leben, glücklicher und potentiell auch erfolgreicher sind als Menschen, die das Gefühl haben, sich täglich verbiegen zu müssen.

Hab Spaß! Das Lächeln der Loser

Der faule Zauber: „Hab Spaß“ wird zur Erfolgsphilosophie überhöht, nach dem Motto: „Lächle in die Welt, und die Welt lächelt zurück.“ Das lädt zur Realitätsflucht ein und verhindert einen angemessenen Umgang mit Krisen. Wer die Erwartung schürt, der Job, das Leben (die Beziehung, der Sport etc.) solle immer Spaß machen, braucht vor allem eines - unbeschränkten Zugang zu Glückspillen.

Der wahre Kern: ... ist, dass man Erfolge feiern sollte, um Kraft für die Zukunft zu schöpfen, und dass in einem erfüllten Leben auch Platz für Freude und Genuss ist.

Quelle

Rolf Schmiel

Senkrechtstarter – Wie aus Frust und Niederlagen die größten Erfolge entstehen

Campus Verlag; Auflage: 1 (10. September 2014)
ISBN-10: 3593500086
ISBN-13: 978-3593500089

Chefs haben zwei Möglichkeiten, einen Mitarbeiter für faul zu erklären: Sie mahnen ihn ab. Oder sie motivieren ihn. Was mehr wehtut, darüber kann man streiten. Motivierung ist Leistungs-Doping. Und wann wird Doping nötig? Wenn die Zeiten, die einer ohne läuft, zu langsam sind.

Doch was tut ein Mitarbeiter, wenn er schon jeden Tag sein Bestes gibt? Er wird bockig und verlangsamt sein Tempo. Weil er spürt, dass er angeschoben wird, hält er dagegen. Niemand will als zum Leben erweckte Motivationsleiche gelten.

Aber gibt es nicht Mitarbeiter, die sich von Prämien, Lob oder Incentive-Reisen doch motivieren lassen? Ja, aber solche Drogen nutzen sich ab. Das erste Lob des Chefs löst noch Leistungsfeuerwerke aus. Das zweite Lob lässt noch ein paar Funken sprühen. Und beim dritten ist der Ofen aus.

Ähnlich verpuffen Prämien und Incentives. Oder haben Sie je erlebt, dass ein fauler, schlampiger, demotivierter Kollege – Abrakadabra! – durch eine Prämie dauerhaft zu einem fleißigen, achtsamen und motivierten Kollegen geworden wäre? Wer ohne Prämie nichts gerissen hat, wird auch mit Prämie nichts reißen.

Aber die Motivation der Leistungsträger kann durch die Prämie bombardiert werden. Wie soll eine Kundenberaterin, die ihren Beruf wirklich liebt, mit Prämie besser beraten als ohne? Wer schon alles gegeben hat, kann nicht mehr nachlegen – und fühlt sich in seiner Leistung verkannt.

Der Psychologie-Professor Martin Seligman, Pionier der Positiven Psychologie, schreibt: „Eine Berufung ist die am meisten befriedigende Art von Arbeit, eben weil sie eine Belohnungshandlung ist und deshalb um ihrer selbst willen getan wird – statt für die materiellen Vorteile, die sie bringt.“ Diese Voraussetzung sei „wichtiger als die materiellen Kompensationen für Arbeit“.

Arbeitsfreude ist ein Funke, der aus der Tätigkeit an sich auf Menschen überspringt und intrinsische Motivation entfacht. Keine Firma kann einen Beschäftigten dauerhaft von außen motivieren. Aber ihn dauerhaft zu demotivieren, das gelingt leicht. Einige Unternehmen tun das täglich, ohne sich dessen bewusst zu sein:

  • Mitarbeiter müssen Entscheidungen umsetzen, hinter denen sie nicht stehen.
  • Vor lauter Bürokratie kommt kein Mensch mehr zum Arbeiten.
  • Schmale Budgets stehen vernünftigen Arbeitsplätzen und –mitteln im Weg.
  • Führungskräfte haben kaum noch Zeit für ihre Mitarbeiter.
  • Aktionäre werden schneller informiert als die eigene Belegschaft.
  • Meetings wuchern wie Krebsgeschwüre und bringen die Arbeit zum Erliegen.
  • Durch geringe Personalstärke fehlt die Zeit, noch sorgfältig zu arbeiten.
  • Die Arbeitsplätze wackeln, obwohl es dem Unternehmen gut geht.
  • Gehaltsverhandlungen bringen keine vernünftigen Ergebnisse, nur Demütigungen.

Der beste Weg, Mitarbeiter zu motivieren? Sie fair behandeln. Sie fair bezahlen. Ehrlich zu ihnen sein. Und sie fragen, was sie brauchen, um ihre Arbeit gut zu machen. Der Rest passiert von ganz allein. Arbeitsfreude motiviert am meisten. Wir brauchen wieder mehr davon.

Martin Wehrle, Noch so ein Arbeitstag, und ich dreh durch
Mosaik 2018, 380 Seiten, 15 Euro
ISBN: 978-3442393268

Kommentare (2)

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Herr Matthias Elfers

05.10.2018, 14:24 Uhr

Was Herr Wehrle da aufstellt hat an Thesen, kann ich absolut bestätigen.
Ich hatte, unabhängig vom Unternehmen, regelmäßig Führungsgespräche.
Hier werden Ziele definiert, weil von der Personalabteilung (Neo Germanisch: Human Resource) das ganze eingefordert wird.
Ob ich die Ziele tatsächlich erreiche oder nicht ist (...) egal. Der direkte Vorgesetzte entscheidet das . Meist mit nicht mal mit objektiv messbaren Zielen. Man wird hingedrückt, wo die Vorgesetztenebenen einen sehen wollen.
Es wird der Persönlichkeit u. den zukünftigen Anforderungen nicht ansatzweise gerecht. Ich soll mich zum Experten im Bereich Elektromobilität entwickeln. Ein Witz. Wo die Reise da wirklich hingeht ist nicht wirklich sicher. Je mehr man sich mit dem Thema befasst, desto mehr merkt man das die derzeitigen Ansätze völliger Schwachsinn sind. Gesagt habe ich es. Auch unterlegt mit Argumenten. Akzeptiert wird es nicht.
Fazit: ich suche nach immer mehr Gegenargumenten und das schöne ich finde sie auch.
- Akkus sind zu schwer. Masse und Energie sind einander Proportional. 25% Mehrgewicht bedeutet 25% mehr Energie
- Akkus haben eine (...) Leistungsdichte
- sie haben eine geringe Haltbarkeit 500 - 1000 Ladezyklen oder 100.000 bis 150.000 km
- Es wird nie ausreichend Ladestellen geben. Entweder Ladeplatz oder Parkplatz. Wird Lustig für Laternenparker
- Kupfer wird Sau teuer. Auf den Kupferpreis spekuliere ich lieber nicht, weil ich nicht dran glaube.
- Es gibt nie einen vernünftigen Gebrauchtmarkt, da die Akkus zu schnell "hin" sind
- Das beste Argument kam von einem Kollegen: Da hat man soviel Geld reingesteckt, anderes macht keinen
Sinn. Er macht mit Akkus weiter. Dem verlorenen Geld noch gutes hinterherwerfen.
Es schließt sich der Kreis. Das Motiviert voll.
Ich freue mich schon auf das nächste Gespräch. Vorbereitung ich 0 Stunden. Mein Vorgesetzter 1 Stunde. Dauer 1 Stunde. Nachbereitung 2h: Kosten: 4 Stunden.
Ziel: Blabla
Nutzen: Keiner ausser die Zeit rumgebracht. Innovation: NULL Beitrag von der Redaktion editiert. Bitte bleiben Sie sachlich.

Herr Walter Neuschitzer

09.10.2018, 16:37 Uhr

Wie bei vielen anderen Giften kommt es auch hier auf die Dosis an.
Schleimiges Lob kommt natürlich negativ an. Aber wertschätzenden und freundlichen Umgang empfinde ich als positiv, ebenso wie eine Sonderzahlung bei besonderen Erfolgen und Leistungen.

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