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05.07.2018

16:41

Vorstandsstudie von EY

Allein unter Männern – Nur vier Chefinnen in 160 Top-Aktiengesellschaften

Von: Katrin Terpitz

Frauen bleiben einer Studie zufolge in Vorstandsetagen weiter Exoten – trotz Förderprogrammen. Die dürften nicht zu Alibi-Veranstaltungen verkommen.

Qualifizierte Frauen sollen in Vorstandsetagen aufrücken. dpa

Managerinnen gesucht

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DüsseldorfAntje Leminsky ist eine von vieren. Sie gehört zu den wenigen Frauen in Deutschland, die an der Spitze von 160 börsennotierten Unternehmen stehen. Seit März ist die gebürtige Rostockerin Vorstandsvorsitzende des SDax-Unternehmens Grenke AG.

Ihre Karriere begann sie bei der Unternehmensberatung Pricewaterhouse Coopers (PwC), wechselte zu Gruner + Jahr und koordinierte dort weltweit die IT. Vor fast zehn Jahren gründete Leminsky das Start-up Mondayworks, eine Online-Plattform für IT-Experten. Alles schien zu stimmen, doch die Kunden blieben aus. Das Start-up scheiterte.

„Wir, die das Unternehmen gegründet haben, waren uns zu ähnlich“, sagte sie kürzlich im Handelsblatt. „Es hat die Vielfalt gefehlt – bei Ansichten, bei Erfahrungen, beim persönlichen Hintergrund.“ Fehlende Diversität als Grund fürs Scheitern? Daran gemessen sieht es in deutschen Unternehmen düster aus.

Denn in deutschen Vorstandsetagen ist Vielfalt ebenfalls selten. Obwohl Frauen im Schnitt ein besseres Abitur machen und häufiger studieren, bleiben sie auf der Karriereleiter irgendwann stecken. An die Spitze schaffen sie es fast nie – trotz Frauenförderung und Quotendiskussion. Das belegt eine am Donnerstag veröffentlichte Studie, die die Prüfungs- und Beratungsgesellschaft EY zweimal jährlich durchführt.

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Denn abgesehen von Antje Leminsky leiten nur drei andere Frauen in Deutschland ein börsennotiertes Unternehmen. Logistikexpertin Angela Titzrath führt die Hamburger Hafen und Logistik, die im SDax notiert. Immobilienspezialistin Sonja Wärntges ist Vorstandschefin bei DIC Asset. An der Spitze des TecDax-Unternehmens MediGene steht Immunologie-Professorin Dolores Schendel. Noch nie hat eine Frau an der Spitze eines Dax30-Konzerns gestanden.

Ende Juni gab es der EY-Studie zufolge in den 160 Unternehmen im Dax, MDax, SDax und TecDax 54 weibliche Vorstandsmitglieder. Diese stehen 638 männlichen Kollegen gegenüber. Damit sind 7,8 Prozent aller Vorstandsposten mit Frauen besetzt – und selbst dieser niedrige Wert ist ein neuer Rekord. Vor drei Jahren gab es erst 31 Frauen in diesen Vorständen.

Trotzdem bleiben die Vorstände der meisten Unternehmen eine Männerdomäne: 71 Prozent der Vorstandsgremien sind ausschließlich mit Männern besetzt – in nur 29 Prozent der Unternehmen sitzt mindestens eine Frau im Vorstand. Frauenfreie Zonen sind immer noch die Vorstandsetagen von Dax-Schwergewichten wie Fresenius Medical Care, Infineon oder Linde.

Schafft es eine Frau in den Vorstand, ist sie meist allein unter Männern. Gerade einmal sieben der 160 Unternehmen beschäftigen mehr als eine Frau im obersten Managementgremium. Dazu zählen die Allianz mit Jacqueline Hunt und Helga Jung, Siemens mit Janina Kugel und Lisa Davis und Daimler mit Renata Jungo Brüngger und Britta Seeg.

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„Nach wie vor ist der Weg von Frauen in die Führungsspitzen der Unternehmen mühsam und steinig – trotz freiwilliger Quoten und öffentlicher Debatten“, sagt Ija Ramirez, Partnerin bei EY und Leiterin des Bereichs People Advisory Services.

Über die Ursachen der Männerdominanz in den Chefetagen wird kontrovers gestritten – mal sind dabei die Frauen in der Verantwortung, mal die Männer. Immer wieder genannt werden Familiengründung, Männerseilschaften, mangelnde Führungserfahrung, die gläserne Decke oder fehlender Wille zur Macht, wie es unter anderem Facebook-Managerin Sheryl Sandberg in ihrem Buch „Lean in!“ (Hängt euch rein!) beschreibt.

Ein weiterer Grund, der immer wieder angeführt wird: Frauen studieren immer noch deutlich seltener naturwissenschaftliche und technische Fächer. Nur ein Viertel der jungen Frauen in Deutschland streben der OECD zufolge im Studium technische Berufe wie Ingenieurwissenschaften oder Informatik an. Allerdings ist mit dem Fach BWL quasi die Grundausbildung für Manager seit Jahren nicht nur bei den Männern, sondern auch bei den Frauen der beliebteste Studiengang.

Für Vorstände börsennotierter Unternehmen gibt es anders als für Aufsichtsräte keine gesetzliche Frauenquote. Den mit Abstand höchsten Frauenanteil weisen nach wie vor die Dax30-Konzerne mit 13 Prozent auf. Ramirez betrachtet das als Indiz dafür, dass „öffentlicher Druck und Imagefragen hier durchaus eine Rolle spielen“. Schließlich stehen die Dax-Konzerne viel stärker im öffentlichen Fokus.

Bei den meisten Unternehmen sieht sie das Bestreben, den Frauenanteil im Vorstand zu steigern. „Allerdings gibt es oft nicht übermäßig viele weibliche Kandidaten mit ausreichender Managementerfahrung und Qualifikation. Vorstandstaugliche Frauen sind heute sehr gesucht“, sagt EY-Partnerin Ramirez.

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Sie rät Unternehmen, Frauen noch stärker zu motivieren und für eine Karriere zu interessieren. Frauenförderprogramme dürften aber nicht zu Alibi-Veranstaltungen verkommen. „Der Fachkräftemangel ist eine der größten mittelfristigen Herausforderungen für deutsche Unternehmen – wir können es uns einfach nicht leisten, dass so viele Frauen freiwillig oder unfreiwillig auf eine Karriere verzichten.“

Am häufigsten sind Frauen in den Chefetagen für operative Bereiche wie Produktion oder Logistik verantwortlich – dort sind immerhin 30 Prozent der Vorstandsmitglieder weiblich. 24 Prozent verantworten das Ressort Personal, 22 Prozent sind für sonstige Zentralfunktionen wie Marketing, Forschung oder Compliance tätig.

Auch zwischen den Branchen gibt es große Unterschiede. Am niedrigsten ist der Frauenanteil mit unter fünf Prozent im Handel und der Rohstoffbranche. In der Finanzbranche, Telekommunikation und Logistik ist der Frauenanteil im Vorstand mit je 13 Prozent am höchsten.

Auch Neu-Chefin Antje Leminsky führt mit der Grenke AG einen mittelständischen Finanzdienstleister. Mehr als 1.300 Mitarbeiter erwirtschaften in 31 Ländern knapp 2,5 Milliarden Euro Umsatz. Gründer Wolfgang Grenke suchte Leminsky gezielt als seine Nachfolgerin aus. Das Vertrauen in ihr Können hat er – schließlich war sie fünf Jahre seine Stellvertreterin.

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