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03.12.2019

04:00

Touristik

Nach Pleite von Thomas Cook: Jedes zehnte Reisebüro wechselt die Marke

Von: Christoph Schlautmann

Der deutsche Tourismusmarkt steht vor der Neuordnung. Tausende Reisebüros, die bislang unter Thomas Cook firmierten, brauchen nun neue Partner.

Thomas-Cook-Pleite: Jedes zehnte Reisebüro wechselt die Marke dpa

Trübe Aussichten

Die Folgen der Thomas-Cook-Pleite spüren die Reisebüros in Deutschland deutlich.

Düsseldorf Deutschlands Reisebüroinhaber entdecken in diesen Tagen ein wichtiges Werkzeug: den Akkuschrauber. Grund ist die Pleite des Reiseveranstalters Thomas Cook Deutschland, über den vergangenen Mittwoch das förmliche Insolvenzverfahren eröffnet wurde. Die damit verbundene Neuordnung in der Touristik wird nach Informationen des Handelsblatts nun dazu führen, dass etwa jedes zehnte der 10.000 deutschen Reisebüros seinen Markennamen ändert.

Den ersten Schritt dazu unternahmen viele gleich nach dem Aus des europaweit zweitgrößten Reiseveranstalters. „Die meisten Franchisenehmer hatten ihre Thomas-Cook-Schilder schon am zweiten Tag abmontiert“, berichtet Thomas Bösl, Geschäftsführer der Raiffeisen Touristik Group (RTK), des mit über 6000 verbundenen Reisebüros größten Urlaubsverkäufers in Europa. Dabei wird Bösls Vertriebsimperium im bayerischen Burghausen, das seit 2014 zu 74,9 Prozent dem ägyptischen Milliardär Samih Sawiris gehört, selbst für einen Großteil der neuen Firmenschilder sorgen.

Abgesehen von den Thomas-Cook-eigenen 106 Reisebüros, die an den Warenhauskonzern Galeria Karstadt Kaufhof gehen, nehmen die Bayern nahezu sämtliche Agenturen unter ihre Obhut, die sich noch bis vor Kurzem mit den Marken „Thomas Cook“ und „Neckermann“ schmückten.

Zunächst galt die mächtige, aber wenig bekannte Vertriebsfirma – nach DER Touristik und Tui drittgrößter Urlaubsverkäufer mit deutschlandweit 3,5 Milliarden Euro Jahresumsatz – eher als Opfer der Pleite. So blieb Thomas Cook der Gruppe einen zweistelligen Millionenbetrag an Provisionen schuldig, wie das Handelsblatt erfuhr.

Dennoch schultert die RTK-Gruppe, an der die Raiffeisenbank Altötting ein Viertel der Anteile hält, jetzt die Hauptlast bei der Neuordnung von Deutschlands Reisebürolandschaft.

Die meiste Arbeit dürfte es bei der Kooperation „Alpha“ geben, an der RTK neben Thomas Cook bereits zuvor zur Hälfte beteiligt war. Dort hatten die Bayern unmittelbar nach der Pleite auch die restlichen 50 Prozent übernommen, den Anteil aber später an den Duisburger Reiseveranstalter Schauinsland-Reisen weitergereicht.

Schauinsland-Logo als Ersatz

Erledigt ist die Angelegenheit damit nicht. Die 734 selbstständigen Agenturinhaber präsentierten sich in der Vergangenheit mehrheitlich als „Neckermann Reisen Partner“, eine Marke, die viele deutsche Urlauber Ende September um ihr Erspartes brachte. In der Branche gilt sie als verbrannt.

Dass die Reisebüros nun nach dem Willen Bösls das Schauinsland-Logo als Ersatz erhalten – eine grafische Mischung aus zwei Händen und einer Sonne –, löst ihre Probleme nur zum Teil. Rund 40 Prozent ihres Umsatzes erwirtschafteten die Urlaubsverkäufer in den vergangenen Jahren mit Thomas Cook. Der neue Partner Schauinsland, ein Familienunternehmen mit einem Drittel des Umsatzes von Thomas Cook Deutschland, wird diese Lücke wohl nur mit einem Kraftakt schließen können.

Ähnliches gilt für den Franchiseverbund mit den Marken „Holiday Land“ und „Thomas Cook“, den RTK ebenfalls übernimmt. Nach der Systemhoheit über die 360 angeschlossenen selbstständigen Unternehmer hatte konfuserweise zunächst die Rewe-Tochter DER Touristik gegriffen, die mit 1500 teils eigenen Agenturen in Deutschland zu den Marktführern zählt. Nach einem 13-tägigen Verhandlungsmarathon aber platzte der Deal, was den Weg für die Genossen frei machte.

„Wir werden in den Agenturen nun einen Schwerpunkt auf Tui legen“, kündigt RTK-Chef Bösl an, „um wieder ein wettbewerbsfähiges Produktportfolio bieten zu können.“ Der Hannoveraner Reiseveranstalter habe zahlreiche Hotels und Resorts von Thomas Cook übernommen. Ebenso gebe es ein Commitment weiterer Großveranstalter wie FTI, Schauinsland-Reisen und DER Touristik, sowohl die ehemalige Neckermann-Kooperation Alpha wie auch die Franchiseorganisation mit Urlaubsreisen zu versorgen.

Eng wird es trotzdem, und zwar räumlich. Die unter „Thomas Cook“ werbenden Agenturen sollen auf „Holiday Land“ umfirmieren, was den locker vereinbarten Gebietsschutz bisheriger „Holiday Land“-Verkäufer angreift. „Wir werden eine pragmatische Lösung finden“, verspricht Bösl.

Ob ihm alle 360 Reisebüros des Franchiseverbunds erhalten bleiben, scheint aber keineswegs gesichert. „Jedes Einzelunternehmen wird dies nun für sich selbst entscheiden“, sagt Reisebürochefin Sabine Kalau von Hofe, bis vor Kurzem Sprecherin der Organisation. An der Frage des Sonderkündigungsrechts – eine Folge der Cook-Insolvenz – war dem Vernehmen nach zuvor die geplante Übernahme durch DER Touristik gescheitert.

Direktvermarktung nimmt zu

Auch eine weitere Herausforderung bleibt: Anders als „Thomas Cook“ ist „Holiday Land“ deutschen Urlaubern nahezu unbekannt. Hier müsse man das Marketing ausbauen, weiß RTK-Chef Bösl.

Dabei bleiben die Aussichten für Reisebüros für das kommende Jahr trübe. „Wir rechnen im Pauschalreisemarkt mit einer Buchungszurückhaltung“, prognostiziert Bösl. Schon 2019 habe es „eine durch die Thomas-Cook-Pleite verursachte Delle“ gegeben.
„In den nächsten Monaten gibt es eine Marktbereinigung“, erwartet auch Marija Linnhoff vom Verband unabhängiger selbstständiger Reisebüros (VUSR). Die Pleite bringe im Vertrieb aber auch Profiteure hervor, glaubt sie: professionell geführte und qualifizierte Reisebüros. „Sie erleben derzeit einen unheimlichen Run“, berichtet die Verbandschefin. Fast jeder Kunde wolle wissen, bei welchem Veranstalter Anzahlungen noch sicher sind.

Hinzu kommt ein weiterer Trend: Von der Cook-Pleite geprellte Hoteliers versuchen seit Kurzem verstärkt, ihre Zimmer direkt über die Agenturen zu vermarkten. Bislang boten sie ihre Kapazitäten mit Vorliebe zunächst den großen Reiseveranstaltern an. Nach dem Cook-Schock, der viele Hotelbesitzer auf unbezahlten Rechnungen sitzen ließ, schwindet offenbar das Vertrauen.

Auf einen ähnlichen Anschub fürs Geschäft warten Deutschlands Reisebüros schon seit Jahren. Bislang eher vergeblich, denn Urlaubsbuchungen wanderten zuletzt in immer höherem Maße ins Internet. 2018 vereinten Webanbieter wie Booking, Check24, Expedia, Invia und Holidaycheck deutschlandweit 43 Prozent der insgesamt 68 Milliarden Euro schweren Reisebuchungen auf sich. Vor vier Jahren noch mussten sie sich mit einer Quote von 35,5 Prozent begnügen.

Den Läden in der Fußgängerzone und auf dem Land bleibt heute nur noch ein Marktanteil von 28 Prozent übrig. Zwar schafften es die Agenturen im vergangenen Jahr, ihren Umsatz durchschnittlich um zwei Prozent zu steigern. Den Anschluss verlieren sie trotzdem: Der Pauschalreisemarkt boomte 2018 in der dreieinhalbfachen Geschwindigkeit.

Neuer Gesetzesentwurf soll Urlauber absichern

Ob es nun für eine Trendwende reicht, hängt nach Meinung des VUSR nicht zuletzt von der Bundesregierung ab. „Berlin sollte sich beeilen, die Kundengeldabsicherung neu zu regeln“, mahnt Marija Linnhoff. Weil Hunderttausende deutsche Urlauber nach der Cook-Pleite vergeblich auf Entschädigung warten, gilt vielen die Pauschalreise aktuell als finanzielles Risiko – und das ausgerechnet in der Hauptbuchungszeit, die in diesen Tagen beginnt.

Für viele unverständlich: Obwohl die EU seit 1990 eine komplette Absicherung von Pauschalreiseanzahlungen fordert, gewährte die Bundesregierung den Reiseveranstaltern eine Haftungsgrenze von 110 Millionen Euro pro Jahr. Durch die Cook-Pleite aber dürften nun Ausfallforderungen von etwa 400 Millionen Euro zusammenkommen.

Ein neuer Gesetzesentwurf, um Urlauber künftig vollständig abzusichern, soll am 16. Dezember in den Bundestag eingebracht werden, wie das Handelsblatt erfuhr. Vom Inhalt ist selbst Insidern nichts bekannt, schon jetzt aber herrscht Unruhe unter den Veranstaltern.

Was insbesondere für die Marktführer DER Touristik und Tui gilt. Sie hatten ihren Kunden in den vergangenen Jahren zwar „Reise-Sicherungsscheine“ ausgehändigt, tatsächlich aber auf die Zahlung von Versicherungsprämien fast vollständig verzichtet. Stattdessen bürgten sie für den Fall einer Insolvenz gegenseitig – ein fragwürdiges Modell, das sie auf Anweisung der Finanzaufsicht Bafin bis zum Jahreswechsel ändern müssen.

Auf dem Spiel steht nicht weniger als die Pauschalreise selbst. „Die Versicherungsprämien dürfen sie nicht zu sehr verteuern“, warnt RTK-Chef Bösl. „Ansonsten verlieren sie im Wettbewerb gegen Einzelleistungen wie Flüge oder Hotels, die nicht versichert werden müssen.“ Fraglich scheint ohnehin, ob sich nach dem Schaden durch die Cook-Pleite überhaupt noch eine Assekuranz findet, die ein solches Klumpenrisiko auf sich nimmt.

Versicherungen wie Generali hatten sich vor zwei Jahren vorsichtshalber aus dem Markt zurückgezogen. Anders als die Bundesregierung in Berlin hatten sie das Risiko einer Megapleite offenbar kommen sehen.

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