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24.02.2019

23:56

Allein bei der Kernmarke VW will der Wolfsburger Konzern bis 2022 in Summe sechs Milliarden Euro einsparen. dpa

Sparprogramm bei Volkswagen

Allein bei der Kernmarke VW will der Wolfsburger Konzern bis 2022 in Summe sechs Milliarden Euro einsparen.

Unternehmen auf Sparkurs

Deutsche Konzerne rüsten sich mit Sparprogrammen für Konjunkturkrisen

Von: Bert Fröndhoff

Immer mehr Konzerne kündigen neue Umbau- und Effizienzprogramme an. Experten beobachten bereits eine Restrukturierungswelle.

Düsseldorfo

Allein bei der Kernmarke VW will der Wolfsburger Konzern bis 2022 in Summe sechs Milliarden Euro einsparen. dpa

Sparprogramm bei Volkswagen

Allein bei der Kernmarke VW will der Wolfsburger Konzern bis 2022 in Summe sechs Milliarden Euro einsparen.

Es gibt Manager, die den Titel „Kostenkiller“ mit offenem Stolz tragen. Der geschasste Renault-Chef Carlos Ghosn war so einer. Bernd Scheifele ist Vorstandschef von Heidelcement und hat für solche martialischen Begriffe nichts übrig. Doch auch er ist ebenfalls als strikter Kostensenker bekannt. Der 60-Jährige gibt sich überzeugt: „Zehn Prozent gehen immer.“

Diese Devise soll auch die letzte Phase seiner Amtszeit beim Baustoffkonzern prägen. Im Frühjahr 2020, so kündigte Scheifele am Dienstag an, werde er abtreten. Bis dahin will er den Gewinn von Heidelcement noch einmal kräftig anschieben – unter anderem mit weiteren Kostensenkungen im Vertrieb und in der Verwaltung.

Scheifeles Plan reiht sich in einen Trend, der seit einigen Wochen in der gesamten deutschen Wirtschaft zu beobachten ist. Ob Heidelcement, Daimler, Hapag-Lloyd, Osram oder die Deutsche Bank: Zahlreiche Unternehmen aus der Industrie und dem Finanzsektor starteten zuletzt neue Sparprogramme oder verschärften ihren Kurs zur Kostensenkung.

Weitere derartige Ankündigungen dürften folgen, so erwarten es Experten. „Wir werden in diesem Jahr eine neue Welle an Programmen zur Kostensenkung und Restrukturierung erleben“, sagt Andreas Rüter, Deutschlandchef der Unternehmensberatung Alix Partners.

Die Consultants sind ein guter Seismograf für die Entwicklung. Denn bevor ein CEO mit seinem Plan an die Belegschaft und Öffentlichkeit geht, haben ihm Berater schon Wochen zuvor die Möglichkeiten aufgezeigt. Die Anfragen der Kunden häufen sich: „Wir beobachten bereits seit Mitte letzten Jahres, dass die Unternehmen vermehrt Effizienz- und Kostensenkungsmaßnahmen anstoßen“, merkt Sascha Haghani an, der bei Roland Berger als Geschäftsführer das Restrukturierungs-Center leitet.

Das „Spar“-Wort nehmen die Manager dabei nie oder nur ungern in den Mund. Sie sprechen lieber von nötigen „Effizienzsteigerungen“ oder „Fitnessprogrammen“. Zwei Entwicklungen treiben die neue Sparwut an: Zum einen wollen sich die Unternehmen für einen Konjunkturabschwung rüsten. Die Gefahr durch geopolitische Risiken wie Brexit und Handelskonflikte ist zuletzt noch gestiegen. Die Bundesregierung rechnet inzwischen nur noch mit einem Wachstum von einem Prozent in diesem Jahr.

Damit hängt der zweite Grund zusammen: Die Unternehmen wollen in der unsicheren Lage ihre Kräfte für die wichtigsten Investitionen bündeln. „Es geht den Unternehmen nicht allein um Kostensenkung“, sagt Alix-Chef Rüter. „Sie brauchen Luft und Cash für Investitionen in ihre Zukunftsbereiche. Darauf drängen auch viele Investoren.“

Es drohen tiefgehende Einschnitte

Beide Faktoren zeigen sich in der Automobilindustrie. Sie hat mit einem schwächeren Markt zu kämpfen und muss zugleich ihr Geschäftsmodell auf vernetztes Fahren und die E-Mobilität umstellen. Daimler hat vor wenigen Tagen ein „Effizienzprogramm“ in Aussicht gestellt, dessen Details offen sind. Absehbar ist, dass die Produktion und Entwicklung bei den Stuttgartern vereinfacht werden. Mehrere Autozulieferer haben bereits Einschnitte angekündigt, weil die Gewinne sinken – etwa der Filterspezialist Mann+Hummel oder der Kabelhersteller Leoni.

Volkswagen will bei der Kernmarke bis 2022 rund sechs Milliarden Euro einsparen, um Geld für den Aufbau einer Elektroflotte freizuschaufeln. Analysten rechnen damit, dass dieses Ziel noch einmal aufgestockt wird. Die VW-Tochter Audi will zwischen 2018 und 2022 die Kosten um kumuliert satte 15 Milliarden Euro drücken.

Solche Beträge sind mit den üblichen Ideen allein kaum zu schaffen. Meist beginnt das Sparen dort, wo es den Firmen nicht so wehtut: etwa bei den indirekten Kosten oder dem Einkauf.

So will Hapag-Lloyd die Beschaffung seiner Reedereien bündeln – ein zentraler Schritt bei dem Mitte Februar angekündigten Ziel, die Kosten bis 2022 um jährlich bis zu 400 Millionen US-Dollar zu senken.

In vielen Unternehmen stehen angesichts ambitionierter Ziele aber tiefergehende Einschnitte bevor – etwa im Management und in den Konzernfunktionen. Der in die Krise geratene Elektronikhändler Ceconomy (Saturn, Media-Markt) verordnet seiner Verwaltung ein scharfes Sanierungsprogramm, das Arbeitsplätze kosten wird. Der Pharma- und Chemiekonzern Bayer lotet derzeit aus, wo die geplanten 5.500 Stellen in den deutschen Konzernfunktionen und in den Ländergesellschaften gestrichen werden.

Der berühmte „Speck“ in den Verwaltungen ist bei vielen Unternehmen noch vorhanden. Die Ausgaben für diesen Bereich sind relativ zum Umsatz in den vergangenen Jahren bei vielen Dax-Konzernen sogar gewachsen, wie Berechnungen des Handelsblatts zeigen.

Heidelcement-Chef Scheifele beobachtet, dass Unternehmen mit der Zeit kostenträchtige Aktivitäten entfalten und ihre Organisation entsprechend aufblähen. Dies gelte es, regelmäßig zu hinterfragen, rät der Topmanager.

Der Eingriff in die Konzernstäbe folgt vielerorts aber nicht allein dem Kostenkalkül. „Der Wunsch nach einer agilen Organisation führt oft zu einer Neuordnung der Prozesse vor allem in Verwaltung und Backoffice“, beobachtet Roland-Berger-Geschäftsführer Haghani. Die Forderung nach Schnelligkeit dürfte auch ein Motiv beim Plan des Audi-Chefs Bram Schot sein, im Unternehmen die Managementebene zu verschlanken.

Unternehmen ersetzen Menschen durch Maschinen

Dazu kommt die Digitalisierung der Prozesse, die in vielen Unternehmen nun aus der Projektphase in konkrete Anwendungen mündet. Laut Beratern werden in den Verwaltungen der Unternehmen bereits erste einfache Tätigkeiten etwa in den Finanzabteilungen von Menschen auf Maschinen übertragen. Stellenstreichungen sind dabei sozusagen programmiert.

Doch einen Personalabbau im großen Stil – wie er beispielsweise im Zuge der Finanzkrise ab 2009 einsetzte – beobachten die Restrukturierungsexperten in der gegenwärtigen Phase noch nicht. „Beim aktuellen akuten Fachkräftemangel versuchen Firmen, das Personal mit tiefem Know-how nicht zu verlieren“, sagt Haghani.

Bei allem Spardruck müssen die Firmen aufpassen, dass sie die Basis für künftiges Wachstum erhalten und das Tempo ihrer Transformation in die Digitalwelt nicht verlieren.

Für diese Neuordnung auch in der Belegschaft nehmen die Unternehmen viel Geld in die Hand: SAP etwa plant bis zu 950 Millionen Euro ein, um 4.400 Mitarbeiter mit Abfindungen und Vorruhestandsregelungen zum Abschied zu bewegen.

Der Konzern will die Mitarbeiterzahl unterm Strich aber nicht senken, sondern neue Stellen in Wachstumsbereichen schaffen. SAP sucht daher Experten etwa für Künstliche Intelligenz.

Die aktuell einsetzende Sparwelle unterscheidet sich aus Sicht von Alix-Partners-Deutschlandchef Rüter in einem weiteren Punkt von früheren: „Die Unternehmen gehen solche Programme heute viel früher an – noch bevor die Gewitterwolken richtig aufziehen.“

Mehr: Ob Oliver Bäte, Theodor Weimer oder Markus Braun: Jeder fünfte Vorstandschef eines Dax-Konzerns arbeitete früher als Berater. Was sie als Manager auszeichnet, schreibt Kolumnist Klaus Hansen in seinem Expertenrat.

Kommentare (1)

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Herr Christopher Jahns

21.02.2019, 10:13 Uhr

Bin mir nicht sicher, ob das ein Weg in die richtige Richtung ist. Wenn der Sparkurs zum Trend wird und man sich nur darauf konzentriert, was aktuell Geld in die Kassen spült, werden in vielen Unternehmen sicherlich auch viele Programme gecancelt, die im Zuge der digitalen Transformation dringend, oder sogar beinahe überlebenswichtig sind. Deutschland hat bei der Digiatlisierung im weltweiten Vergleich ohnehin schon den Anschluss verpasst und wenn man jetzt Digitalisierung darauf reduziert, Menschen durch Maschinen zu ersetzen, ist das viel zu kurz gedacht.

Christopher Jahns

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