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10.06.2022

13:59

Verbrenner-Verbot

Das nahende Aus für E-Fuels trifft vor allem Porsche und die Zulieferer

Von: Christoph Herwartz, Roman Tyborski

Zulieferer hatten dank E-Fuels auf mehr Zeit für die Transformation gehofft. Auch Porsche hat in synthetische Kraftstoffe investiert. Der VDA kritisiert die Entscheidung.

Der Sportwagenbauer setzt neben Verbrennern und Elektromotoren weiterhin auch auf E-Fuels. Die Entscheidung des EU-Parlaments sorgt für Zweifel an dieser Strategie. imago images / Sebastian Willnow

Porsche-Werk

Der Sportwagenbauer setzt neben Verbrennern und Elektromotoren weiterhin auch auf E-Fuels. Die Entscheidung des EU-Parlaments sorgt für Zweifel an dieser Strategie.

Brüssel, Düsseldorf Lange hatten die Lobbyisten des Verbrennungsmotors in Brüssel gekämpft. Am Mittwochabend besiegelte das Parlament der Europäischen Union wohl ihre Niederlage. Das Gremium hat ein Verkaufsverbot von Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor ab 2035 beschlossen. Dass die Mitgliedsländer zustimmen, gilt als wahrscheinlich.

Die Verbrenner-Lobbyisten wollten erreichen, dass zumindest sogenannte E-Fuels, synthetisch hergestellte CO2-neutrale Kraftstoffe, in den CO2-Flottenverbrauch eingerechnet werden. Dadurch hätte die Autoindustrie ein komplettes Verbrenner-Verbot verhindern können. Doch auch den E-Fuels schob das Parlament einen Riegel vor.

Das sorgt für Unruhe in der Industrie. Zwar hatte kaum ein Autobauer damit gerechnet, dass Verbrenner in Europa auch nach 2035 noch zugelassen werden dürfen. Mercedes begrüßt die Entscheidung etwa ausdrücklich: „Bis 2030 sind wir bereit, überall dort vollelektrisch zu werden, wo es die Marktbedingungen zulassen“, sagte der Leiter des Bereichs Außenbeziehungen des Konzerns, Eckart von Klaeden, am Donnerstag der Deutschen Presse-Agentur.

Verbrenner-Verbot: Aus für E-Fuels trifft vor allem Porsche

Doch manche Hersteller, wie Porsche, haben sich bei den E-Fuels stark exponiert. Der Sportwagenbauer schlägt innerhalb des VW-Konzerns einen Sonderweg ein. In Chile investiert die VW-Tochter rund eine halbe Milliarde Euro in den Bau einer Anlage zur Produktion von synthetischen Kraftstoffen.

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    Dementsprechend verhalten fällt die Reaktion von Porsche aus. Man sehe E-Fuels nach wie vor als sinnvolle Ergänzung zur CO2-neutralen Mobilität. Porsche verfolge eine klare Antriebsstrategie. „Wir setzen auf einen Dreiklang aus E-Modellen, Plug-in-Hybriden und Benzinern“, teilt der Autobauer mit.

    Auf die Frage, ob ein negatives Votum der EU bei den Investitionsplänen in Chile einkalkuliert wurde, will Porsche allerdings nicht antworten. Stefan Bratzel, Direktor des Center of Automotive Management (CAM) an der Fachhochschule Bergisch Gladbach, rechnet mit Gegenwind für Porsches Strategie. „Ich gehe davon aus, dass sich nach der Entscheidung des EU-Parlaments das E-Fuel-Engagement für Porsche schwieriger gestalten wird. Es wird nicht ausreichen, nur Pkw-Kunden mit synthetischen Kraftstoffen zu beliefern“, sagt Bratzel. Porsche werde stärker auf die Nachfrage aus der See- und Luftfahrtbranche angewiesen sein, wo die Elektrifizierung des Antriebs bislang nicht möglich ist.

    Deutlicher als Porsche wird Hildegard Müller, Präsidentin des Verbands der Automobilindustrie (VDA). Mit ihrem Beschluss habe das EU-Parlament eine „Entscheidung gegen die Bürger, gegen den Markt, gegen Innovationen und gegen moderne Technologien getroffen“, sagt Müller. Aus Sicht des VDA brauche es E-Fuels, um die Klimaziele zu erreichen.

    CAM-Direktor Bratzel wundert sich über Müllers Äußerungen nicht. „Die Autoindustrie hat beim Thema E-Fuels den VDA vorgeschickt. Doch das ist wieder einmal schiefgegangen“, sagt der Autoexperte. Wenn die EU-Staaten dem Votum des Parlaments folgen, werde auch die „Hintertür“, die sich die E-Fuel-Vertreter erhofft hatten, geschlossen.

    Zulieferer ohne Alternative stehen mit dem Rücken zur Wand

    Vor allem Zulieferer hatten auf diese Hintertür gesetzt. Einige kleine und mittelständische Zulieferer in Deutschland befinden sich noch am Anfang der Transformation. Eine Übergangsphase mit E-Fuel-Antrieben hätte diesen Unternehmen mehr Zeit für die Transformation verschafft. Jetzt ist klar: Ab 2035 wird es wirtschaftlich keinen Sinn mehr machen, Pkw-Komponenten für Verbrennungsmotoren in Europa herzustellen.

    Bratzel rechnet mit einem früheren Rückzug. „Ich gehe davon aus, dass Zulieferer ihre Produktion von Komponenten für den Verbrennungsmotor noch deutlich vor dem Jahr 2035 in Europa einstellen werden“, sagt er. Zulieferer, die jetzt noch immer kein alternatives Geschäftsfeld zum Verbrennungsmotor hätten, stünden nach der E-Fuel-Entscheidung mit dem Rücken zur Wand.

    Plug-in-Hybride fallen unter E-Fuel-Aus

    Der CDU-Europaabgeordnete Christian Ehler sieht die Entscheidung deswegen kritisch. „Ich finde es schwierig, dass ein halbes Parlament applaudiert, wenn es gerade hunderttausende Arbeitsplätze riskiert hat“, sagt er dem Handelsblatt.

    Auch größere deutsche Zulieferer wie ZF sind von der Entscheidung des Parlaments nicht begeistert. „Gerade für die Bestandsflotte ist eine CO2-Minderung nur über E-Fuels möglich, weshalb wir diese als interessante Ergänzung und Übergangslösung zur Elektrifizierung sehen“, teilt der Stiftungskonzern mit.

    ZF beliefert Autobauer unter anderem mit speziellen Getrieben für Plug-in-Hybride. Ohne die E-Fuel-Ausnahme fallen nun aber auch Plug-in-Hybride unter das Verbrenner-Verbot.

    Der EU-Ministerrat kann das Verbrenner-Verbot noch kippen

    Das Votum des Europaparlaments ist eindeutig. Doch eine letzte Hoffnung für die Verbrennungsmotoren gibt es noch: In der EU müssen Gesetze sowohl vom Parlament als auch vom Rat verabschiedet werden. Im Rat sind die Regierungen der Mitgliedstaaten vertreten, für Deutschland spricht dort Umweltministerin Steffi Lemke (Grüne). Sie hat klargemacht, dass Deutschland hinter dem Verbrenner-Aus steht.

    Doch auch im Rat der Mitgliedsländer gibt es Stimmen gegen das Verbot ab 2035, etwa Tschechien, die Slowakei und Ungarn, in denen die Zulieferindustrie stark ist. Die Regeln sehen vor, dass sich der Rat mit qualifizierter Mehrheit auf einen Gesetzesentwurf einigen muss. 15 der 27 EU-Staaten müssen zustimmen und dabei zusammen mindestens 65 Prozent der EU-Bevölkerung repräsentieren.

    Interessenverband begrüßt Verbrenner- und E-Fuel-Verbot

    Dass diese Mehrheit zustande kommt, gilt jedoch als wahrscheinlich. Dann dürften auch die anschließenden Trilog-Verhandlungen, bei denen sich Parlament, Rat und EU-Kommission auf eine finale Version des Gesetzes einigen müssen, keine Überraschungen mehr bringen.

    Transport & Environment, ein Interessenverband für nachhaltige Mobilität, begrüßt die Entscheidung des EU-Parlaments. Der Verband fordert die EU-Umweltminister auf, bei den synthetischen Kraftstoffen dem Votum des Parlaments zu folgen. „Synthetische Kraftstoffe im Pkw-Bereich zuzulassen wäre ein teurer und verschwenderischer Umweg“, sagt Alex Keynes von T&E.

    Dieser Artikel erschien zuerst am 09.06.2022 um 16:11 Uhr.

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